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Serie(Folge 23)

17.03.2015

Er feilt an der Weltliteratur

In seinem Arbeitszimmer ist der Augsburger Schriftsteller und Übersetzer Andreas Nohl von Büchern umgeben.
Bild: Richard Mayr

Anderthalb Jahre hat sich Andreas Nohl mit Rudyard Kiplings Roman „Kim“ beschäftigt. Allein hätte er die Übersetzung nicht bewältigen können

Eine Zeitreise in das Indien des 19. Jahrhunderts hat der Augsburger Schriftsteller und Übersetzer Andreas Nohl nach seinem jüngsten Projekt hinter sich. In eine Zeit und in einen Erdteil, in dem England und Russland im großen Spiel, dem „Great Game“, miteinander ringen. Zwischen ihnen geht es um Macht und Einfluss in Zentralasien. Dem englischen Geheimdienst kommt dort eine wichtige Rolle zu. Und gleichzeitig tauchte Nohl in die ethnische Vielfalt dieser Weltregion ein, mit unzähligen Göttern und Weisen, verschiedenen Sprachen und Bräuchen. Rund anderthalb Jahre hat er damit verbracht, in denen er Rudyard Kiplings einzigen großen Roman „Kim“ neu ins Deutsche übertrug. Im Hanser Verlag ist das rund 500 Seiten lange Buch nun erschienen.

Über den Roman kann Nohl nach anderthalb Jahren intensiver Beschäftigung nur schwärmen. „Das Ganze atmet eine ungeheuere Humanität“, sagt er, wenn zum Beispiel das Verhältnis der Titelfigur zu dem alten weisen Lama beschrieben wird, wie sie sich gegenseitig respektieren und helfen. „Das ist Balsam für die Seele, vor allem vor dem Hintergrund, wie gerade in Deutschland über die Migration gesprochen wird.“

Für ihn als Übersetzer stehe dieser Roman in einer Linie mit seinen vorangehenden großen Projekten, mit Mark Twains „Tom Sawyer & Huckleberry Finn“, mit Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“ und „St. Ives“, mit Bram Stokers „Dracula“. Gemeinhin würden die Bücher als Jugendliteratur angesehen, sagt Nohl. Es handele sich aber um Weltliteratur. Gemeinsam sei den Schriftstellern, dass sie die Gesellschaft nicht als stabiles Fundament betrachten. Im Gegenteil, die Hauptfiguren müssen zum Teil ums Überleben kämpfen und Strategien dafür entwickeln.

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Eine alte Freundschaft steht hinter dem Projekt

Dass es diese neue Übersetzung von „Kim“ gibt, liegt auch an einer alten Freundschaft, die schon mehr als 30 Jahre zurückreicht. Im Hanser Verlag arbeitet Nohl mit dem Lektor Kristian Wachinger eng zusammen. Und Wachinger, der Sohn von Nohls damaligem Verleger, begleitete ihn in den frühen 1980er Jahren nach Klagenfurt zum Ingeborg-Bachmann-Preis. In Kärnten haben sie sich gemeinsame Projekte vorgenommen. Erst 2010 war es mit der großen Mark-Twain-Übersetzung dann das erste Mal so weit.

Kiplings „Kim“ kommt nun auf den Markt, weil 2015 ein Kipling-Jubiläumsjahr ist; der Schriftsteller ist am 30. Dezember 1865 in Bombay geboren. Für Verlage ist das ein Anlass, Kipling neu herauszubringen, weil die Bücher darum leichter zu vermarkten sind.

Bevor Nohl zu übersetzen begann, hat er die existierenden deutschen Ausgaben in Augenschein genommen. Keine hat ihm so gut gefallen, dass er das Projekt abgesagt hätte. „Dann fange ich an, vollkommen frisch zu übersetzen, wie ein Kind an einem Frühsommertag.“ Rund fünf Seiten am Tag, fünf Tage in der Woche, in diesem Fall fünf Monate lang. Bevor das Manuskript seine Wohnung verlässt, bekommt es Nohls Ehefrau Liat Himmelheber zu lesen. „Ohne sie wären meine Übersetzungen undenkbar“, sagt Nohl. Satz für Satz geht sie die Übersetzung und das englische Original durch und vergleicht die beiden Texte miteinander. „Das gibt mir Sicherheit“, sagt Nohl. Erst danach schickt er sein Manuskript an den Verlag, in diesem Fall an den Lektor Kristian Wachinger, der an manchen Stellen nachgehakt und weitere Anregungen eingebracht hat.

Schwierig sei es gewesen, sich auf den spezifischen Tonfall einzulassen. „Kipling ist ein harter Schriftsteller“, sagt Nohl. Seine Sprache sei eine merkwürdige Mischung aus fast schon umgangssprachlichen Abkürzungen und einer eher altmodischen Wortwahl, dabei aber höchst präzise und treffgenau.

Wichtig war Nohl zum Beispiel, das englische „Natives“, das Kipling oft verwendet, nicht als „Eingeborene“ zu übersetzen, wie das seine Vorgänger gemacht haben. „Bei mir heißt es ,Einheimische‘.“ Denn Kipling werte in seinem Roman nicht zwischen den Engländern und den Indern. „Alle Völker und Kulturen kommen gleichberechtigt nebeneinander vor“, sagt Nohl. Worauf er auch in seinem Nachwort noch einmal besonders einging, in dem er „Kim“ als ethnologischen Roman bezeichnet.

" Rudyard Kipling: Kim; übersetzt von Andreas Nohl, Hanser Verlag, 512 Seiten, 29,90 Euro

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