1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Erbauliches statt Abenteuer

07.12.2009

Erbauliches statt Abenteuer

Zwei Stunden lang dauerte Karl Mays Vortrag in Augsburg. Der Schießgrabensaal und seine Nebenräume waren überfüllt, die Zuhörer hielten trotzdem aus. Es lag eine gewisse Spannung im Saal: hier die Anhänger seiner populären Reise- und Abenteuerromane, dort die Verteidiger seines symbolisch-psychologischen Spätwerks. Im Auditorium saß der damals elfjährige Bertolt Brecht. Morgen vor 100 Jahren, am 8. Dezember 1909 hielt May seine Augsburger Zuhörer in Atem.

Er wolle, "besonders für die hochverehrten Herrschaften zwischen zehn und sechzehn Jahren", nicht "eine Stunde gewöhnlicher Unterhaltung und Zeitverkürzung" bieten, nicht "Abenteuerliches aus dem Lande der Indianer, der Araber und der Beduinen" - das lohne nicht "die Reise von Dresden nach Augsburg". Vielmehr ging es ihm - hochaktuell - um die Aussöhnung der Menschheit mit sich selber. Durch das "Land der Qual" führe der Weg dorthin, wo der Friede zwischen Völkern, Rassen und Religionen zu Hause sei.

Karl May trug ein orientalisches Märchen vor

Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi alias Karl Friedrich May war auf Einladung des "Katholischen Kaufmännischen Vereins Laetitia" nach Augsburg gekommen, um "ein orientalisches Märchen" über "Sitara - das Land der Menschheitsseele" vorzutragen - mit solchem Erfolg, dass ihn anschließend gleich der Kemptener Zweig des Vereins ins Allgäu einladen wollte.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Hinter dem Vortrag steckte freilich vor allem die katholische Augsburger Postzeitung. Und in ihr ist dieser Gesinnungswandel Mays vom Frühwerk zum Spätwerk gut zu beobachten, wie eine Auswertung der May-Artikel in den Ausgaben der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek ergab.

Die Postzeitung hatte bereits 1892, ohne es zu merken, ihren Lesern eine Sensation geboten: eine Selbstrezension Karl Mays. Der Autor hatte an mehrere Redaktionen geschrieben, um seine Werke ins rechte Licht zu rücken. In den eben erschienenen "Gesammelten Reiseromane Carl Mays" bescheinigte er sich ohne falsche Bescheidenheit, "nicht nur durch und durch Original, sondern auch wohl der hervorragendste Meister" der Gattung Reiseerzählung zu sein. Seine Helden, "die nicht etwa seiner Phantasie, sondern dem wirklichen Leben entstammen", seien "hochsympathisch": "Man ist gezwungen, sie lieb zu haben; man fühlt und denkt, man lacht und weint mit ihnen!"

In der Folgezeit war das Verhältnis zwischen der Postzeitung und May eher kühl, erst 1905 wurde sie von neuen Tönen abgelöst: einer Reihe bisher unbekannter Texte des sächsischen Autors, die von juristischen Erklärungen bis zu subtilen Aussagen über seine Werke nach 1900 reichen. (Eine umfassende Dokumentation dieser Artikel ist weitgehend abgeschlossen und wird im kommenden Jahr erscheinen.)

Hier die Fans von Winnetou, dort die des symbolischen Spätwerks

1905 etwa bot ein abgedruckter Privatbrief Mays eine erstaunliche Sicht seiner bisherigen, 1892 von ihm selbst noch hochgerühmten Werke: Sie seien "nichts weiter als nur Experimente, Proben und Versuche, das Richtige zu treffen" - erst jetzt komme sein "eigentliches Werk". Neue Titelbilder, entworfen von dem angesehenen Symbolisten Sascha Schneider, sollten diese neuen Tendenzen des Werks unterstreichen.

In den folgenden Jahren wird die Postzeitung dann zum Forum der Debatte um May: die begeisterten Fans der Abenteuererzählungen gegen die Anhänger der späten, symbolisch-psychologischen Werke.

In einer faszinierenden Korrespondenz, die Hans-Dieter Steinmetz gerade in einer sehr empfehlenswerten Ausgabe vorgelegt hat, weist May 1906 die Forderung Sascha Schneiders, die Menschheit brauche "den Krieg", entschieden zurück: "Wir brauchen Männer des Geistes, Männer des Wissens und der Kunst" - Kriege würden heute nicht mehr durch "Helden" entschieden, sondern durch "chemische Teufeleien, durch Druck und Drill, durch Hunger und Fieber".

Veranstaltung: Mit zwei kurzen Vorträgen und dem Film "Kampf um die Felsenburg - Winnetou im schwäbischen Hinterland" wird am morgigen Dienstag, 8. Dezember, um 19.15 Uhr im Hörsaal IV der Universität Augsburg an Mays Augsburger Vortrag erinnert. Literatur: "Karl May: Briefwechsel mit Sascha Schneider", herausgegeben von Hartmut Vollmer und Hans-Dieter Steinmetz. Karl-May-Vlg. Bamberg, 544 S., 17,90 Euro.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
2018_11_19_Infotainment_in_Bussen_02.jpg
In eigener Sache

Augsburger Stadtwerke-Busse zeigen jetzt (unsere) Nachrichten

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden