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Prozess

24.06.2008

"Erste Hilfe" im Augsburger Drogen-Milieu endet tödlich

Drogensüchtiger bereitet Heroinspritze vor.

In einer Wohnung in Augsburg konsumierte ein 29-jähriger Süchtiger eine Portion Heroin und versank in tiefe Bewusstlosigkeit. Ein Mitbewohner (43) und ein Besucher (26) versuchten, den Bewusstlosen zu reanimieren - mit medizinisch sinnlosen und abenteuerlichen Methoden. Von Klaus Utzni

Von Klaus Utzni

Es war wenige Tage vor Weihnachten 2004: In einer Wohnung in Pfersee konsumierte ein 29-jähriger Süchtiger eine Portion Heroin. Im Beisein eines Mitbewohners (43) und eines Besuchers (26) versank er in tiefe Bewusstlosigkeit. "Der kommt schon wieder zu sich, ich weiß, wie man das macht", ignorierte der ältere der beiden Männer den Vorschlag des jüngeren, doch einen Krankenwagen zu rufen.

Gemeinsam versuchte man, den Bewusstlosen zu reanimieren - mit medizinisch sinnlosen und abenteuerlichen Methoden. Das traurige Ergebnis: Am folgenden Morgen war der 29-Jährige tot. Jetzt standen die beiden "Helfer" wegen fahrlässiger Tötung vor einem Schöffengericht unter Vorsitz von Gabi Holzer.

Die Wohnung war in der Szene offenbar als Drogenumschlagplatz bekannt. Die beiden mutmaßlichen Dealer waren aber auch selbst süchtig. An jenem Abend hatten sie beide Heroin konsumiert, was der Bekannte nicht mitbekommen haben will. Plötzlich sei der 29-Jährige bewusstlos geworden. Doch statt den Notarzt zu rufen, schleppten die beiden anderen Männer ihren Kumpel ins Bad, duschten ihn in der Badewanne mit kaltem Wasser ab.

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Sie spritzten ihm angeblich eine Kochsalzlösung, flößten dem Bewusstlosen offenbar Essig und ein ätzendes Reinigungsmittel ein, schoben ihm einen Holzkeil in den Mund, um ein Erbrechen auszulösen. Diese "Wiederbelebungsversuche" seien damals doch erfolgreich gewesen, beteuerte jetzt im Prozess der 43-Jährige: "Der Kreislauf kam wieder in Schwung, sein Zustand wurde immer besser."

Auch ein Röcheln habe man gehört. Man bettete den "Patienten" in eine Seitenlage. Der Bekannte ging nach Hause, der Mitbewohner hielt "Wache" am Bett und schlief ein. Am folgenden Morgen gab der 29-Jährige keinerlei Lebenszeichen mehr von sich. Er war nachts gestorben.

Rettung wäre möglich gewesen

Für den Münchner Gerichtsmediziner Professor Randolph Penning waren die laienhaften Rettungsversuche der beiden Männer "medizinisch völlig sinnlos" gewesen. Aufgrund der Drogenvergiftung sei der Süchtige von "akuter Erstickungsgefahr" bedroht gewesen. "Nur künstliche Beatmung durch den Notarzt hätte ihn retten können", war sich der Gutachter sicher.

Und deshalb hätten die beiden Angeklagten professionelle Hilfe holen müssen, warf Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai ihnen vor. Daniela Metzenmacher und Felix Dimpfl, die Anwälte des 43-Jährigen, forderten hingegen Freispruch. Der Tod des Süchtigen sei eine Tragödie gewesen. Aber: "Es war seine freie Entscheidung, Drogen zu nehmen." Eine geringe Bewährungsstrafe hielt Gerhard Decker, Verteidiger des 26-Jährigen, für angebracht. Das Gericht schloss sich den Argumenten Deckers und des Staatsanwalts an. Das Urteil: 14 Monate Gefängnis für den Mitbewohner, vier Monate zur Bewährung und 300 Stunden soziale Arbeit für den Besucher.

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