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Es braucht noch mehr Mut für das Friedensfest

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Kommentar Von Miriam Zissler
10.08.2019

Das Kulturprogramm ist mit Konzerten, Diskussionen und spannenden Gästen eine Bereicherung. Doch es wäre schön, wenn es noch mehr in die Breite ausgerichtet würde. Möglichkeiten gäbe es.

Das Augsburger Friedensfest ist vorbei, das zweiwöchige Rahmenprogramm hat mit den Feierlichkeiten am 8. August seinen Höhepunkt erreicht. Und nun? Friede, Freude, Eierkuchen? Wohl kaum. Die Geschehnisse an der Friedenstafel, demonstrierende Unterstützer der Seebrücke und Klimaschützer von Fridays for Future haben einmal mehr vor Augen geführt, dass wir momentan eben nicht in friedlichen Zeiten leben. Die Unterschiede zwischen Armen und Reichen werden größer, die Lebensbedingungen auf der Welt immer unterschiedlicher. Das alles ist ein Nährboden für religiöse und rassistische Brandstifter.

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Es ist gut, dass das kulturelle Rahmenprogramm zum Friedensfest den Menschen die Gelegenheit gibt, innezuhalten und sich über die aktuelle Lage in Augsburg, in Deutschland, ja in der Welt Gedanken zu machen. Wenn nicht in der Friedensstadt, wo dann? Seit 2015 leitet Christiane Lembert-Dobler das Friedensbüro. Sie hat fortgeführt, was ihr Vorgänger Timo Köster begonnen hat, und dem Friedensfestprogramm trotzdem ihre eigene Handschrift verliehen.

Kunstschwamm auf dem Willy-Brandt-Platz

Themen, die sich in prägnanten Schlagworten bündeln lassen, stehen Jahr für Jahr im Vordergrund. Sie lassen Raum für Diskussion, Interpretation und Gestaltung: Grenzen, Mut, Bekennen, Utopie und, wie in diesem Jahr, Freiheit sind solche Schlagworte. Sie wurden Jahr für Jahr in rund 60 Veranstaltungen aus allen Blickwinkeln beleuchtet. Kunstaktionen wie der überdimensionale Schriftzug „MUT“ auf dem Dach des Signal-Iduna-Gebäudes am Rathausplatz oder der Kunstschwamm auf dem Willy-Brandt-Platz sorgten für Aufmerksamkeit. Gesprächspartner wie Frontex-Mitarbeiter Klaus Rösler oder Thorwald Proll, der vor über 50 Jahren zusammen mit den späteren RAF-Begründern Andreas Baader und Gudrun Ensslin in Frankfurt nachts Brände in zwei Kaufhäusern legte, sorgten für Diskussionen – und auch Zoff. In diesem Jahr traten der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck und die Frauenrechtlerin, Anwältin und Imamin Seyran Ates auf. Solch interessanten Persönlichkeiten tun dem Ansehen des Rahmenprogramms zum Friedensfest gut und unterstreichen dessen besondere Bedeutung.

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Das Organisationsteam versucht mit verschiedenen Formaten unterschiedliche Interessensgruppen anzusprechen. In den vergangenen Jahren wurde bereits ein Fokus auch auf die Stadtteile gelegt, deren Bürger zum Beispiel durch kleine Friedenstafeln eingebunden werden. In diesem Jahr gab es auch einige Aktionen für Jugendliche. Das Programm hat sich gut entwickelt und findet Zulauf. Es ist ein von der Stadt und den Organisatoren so gewolltes, anspruchsvolles und intellektuelles Konzept. Es soll nicht die Sommernächte oder die Kunstnacht imitieren und ist auch kein zweites Jugendfestival Modular.

Friedensfest: Grenzen des Programms sind klar gesteckt

Die Grenzen zu anderen Veranstaltungen in Augsburg wurden klar gesteckt – was aber fehlt, ist eine Klammer, die das umfangreiche Programm zusammenhält. Ein Motto reicht dazu nicht aus. Es könnten eine oder mehrere Veranstaltungen sein, die eine größere Gruppe von Menschen bewegen und zusammenbringen.

Drei Beispiele: Mit den Augsburger Gesprächen zu Literatur und Engagement gibt es eine hochkarätige Reihe mit bekannten Autoren sowie die Veranstaltungsserie „Leselust beim Friedensfest“, die das intellektuelle Publikum und Kinder und Jugendliche anspricht. Mit einem Friedensbuch, das wie bei der Aktion „Augsburg liest ein Buch“ zum Lesen und Mitdiskutieren animiert, könnten zahlreiche Augsburger erreicht werden.

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36 Bilder
So feiern die Augsburger das Hohe Friedensfest 2019
Bild: Silvio Wyszengrad

An Musik fehlt es im Programm ebenfalls nicht und mit dem Festival der Kulturen ist eine Veranstaltung in das Festival eingebettet, die dort zweifelsohne hingehört. Die Weltmusik mit ihren Vertretern aus zahlreichen Ländern spiegelt das multikulturelle Leben in Augsburg wider und wird Jahr für Jahr sehr gut angenommen. Doch das Genre spricht nur einen Teil der Augsburger an. Ein zusätzliches Konzert mit einem populären Künstler oder einer bekannten Band könnte neues und auch jüngeres Publikum vom Rahmenprogramm des Friedensfests begeistern. Die vielen kleineren musikalischen Programmpunkte haben natürlich ebenfalls ihre Berechtigung, sind ambitioniert und geben lokalen Künstlern eine Bühne – doch haben sie wenig Strahlkraft.

Diskussion in einer Bürgerwerkstatt?

Letztlich wäre auch eine Bürgerwerkstatt denkbar, die sich Jahr für Jahr aufs Neue mit dem Frieden und dem jeweiligen Jahresmotto auseinandersetzt. Wie ist es denn um den Frieden der Augsburger bestellt? Wo liegen ihre Probleme, was brennt ihnen unter den Nägeln? Das Thema Umwelt bewegt junge und ältere Augsburger gleichermaßen – warum zur Diskussion nicht verschiedene Altersgruppen zusammenbringen, statt von vornherein zu trennen?

Das Kulturprogramm zum Augsburger Friedensfest ist ein Quell an Ideen und Möglichkeiten. Es lebt von neuen Formaten, dem Zusammenkommen von Augsburger Bürgern und der Diskussion. Dass es den Augsburgern ein Bedürfnis ist, haben sie in diesem Jahr an der Friedenstafel wieder aufs Neue bewiesen. Manch einer hat sich auf die Picknickdecke auf dem Rathausplatz gesetzt, weil kein einziger Platz mehr an den vielen Tischen und Bänken frei war. Diskutiert wurde ganz nebenbei auch noch – das ist gelebte Freiheit. Nur so kann der Frieden gemeinsam erarbeitet werden und letztlich auch erhalten bleiben.

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