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Interview

14.11.2017

"Es ist ein Problem, wenn nicht mehr gestritten wird"

Streiten ist für Dr. Christian Boeser-Schnebel nicht nur in Ordnung, sondern sogar sehr wichtig. Der Streit darf nur nicht in Feindseligkeit umkippen, betont er.
Bild: Archivbild: Ruth Ploessel

Christian Boeser-Schnebel gibt Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Er sagt, warum es so wichtig für die Demokratie ist, miteinander zu streiten.

Herr Boeser-Schnebel, Sie geben Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Wie definieren Sie eine Stammtischparole?

Christian Boeser-Schnebel: Das ist eine klare Positionierung, bei der es keinerlei Offenheit mehr gibt, andere Meinungen anzuhören oder zuzulassen.

Nennen Sie bitte mal als Beispiel eine typische Stammtischparole.

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Boeser-Schnebel: Von verschiedenen Wohlfahrtsverbänden bekommen wir mit, dass sie seit zwei bis drei Jahren immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert werden: ,Für die ist auf einmal Geld da‘. Mit ,die‘ sind natürlich die Flüchtlinge gemeint.

Hat sich durch den Anstieg der Flüchtlingszahlen in den letzten Jahren bei den Stammtischparolen etwas geändert?

Boeser-Schnebel: Vor fünf Jahren haben wir angefangen, ein Argumentationstraining gegen Politikverdrossenheit zu entwickeln. Dann wurde das Thema mit den Flüchtlingen sehr stark.

Beeinflusst das Thema die Diskussionshaltung der Menschen?

Boeser-Schnebel: Viele Menschen reden nicht mehr mit Andersdenkenden über Flüchtlingspolitik. Sie wollen Ärger vermeiden und Beziehungen nicht belasten. Weihnachten in der Familie oder das Grillfest mit den Nachbarn etwa werden bei vielen zur politikfreien Zone erklärt. Es ist aber ein Problem, wenn in einer Gesellschaft nicht mehr gestritten wird.

Was ist denn das Positive an einem Streit?

Boeser-Schnebel: Ein Streit ist eine offene Auseinandersetzung über ein Thema. Wichtig ist nur, dass der Streit nicht in Feindseligkeit kippt. Viele sind von Stammtischparolen, die ein gewisses Aggressionspotenzial bergen, so genervt, dass sie selber aggressiv werden.

Wie lässt sich das vermeiden?

Boeser-Schnebel: Man sollte nicht in den Modus des Belehrens fallen. Dann funktioniert ein Streit nämlich nicht. Statt zu belehren, wäre eine Neugierde auf die Perspektive des anderen die bessere Haltung. Wenn man die Stammtischparole hinterfragt und nachhakt, warum der andere das so sieht, entsteht eine andere Beziehungsebene, um zu streiten.

Wenn eine Stammtischparole à la „Alle Muslime sind Terroristen“ fällt – wie reagiert man am besten?

Boeser-Schnebel: Wenn sich jemand auf eine Gruppe bezogen menschenfeindlich äußert, lasse ich das selbstverständlich so nicht stehen. Äußert sich jemand so derart scharf, geht mir das natürlich gegen den Strich und ich grenze mich klar ab. Aber ich kann mich dennoch auch dafür interessieren, was der andere damit genau meint. Eine scharfe Parole allein sagt noch nicht viel aus. Es steckt ja mehr dahinter. Meist entpuppen sich die Hintergründe auf Nachfrage als weit weniger scharf und deutlich differenzierter. Was mit dieser beispielhaften Stammtischparole etwa womöglich ausgedrückt wird, ist, dass demjenigen die Religion Angst macht. Hier sollte man in der Diskussion ansetzen.

Warum kann es problematisch sein, wenn nicht mehr gestritten wird?

Boeser-Schnebel: Die Diskursfähigkeit mit Andersdenkenden ist ganz wichtig für die Demokratie. Wenn wir nur noch mit Menschen sprechen, die unsere Meinung vertreten, wird unsere Weltansicht eindimensional. Das birgt eine Radikalisierungsgefahr. Das andere Lager wird dann als komisch oder falsch denkend wahrgenommen, weil man selbst immer weniger nachvollziehen kann, was die andere Seite bewegt. Dabei gehört es doch zu einem demokratischen Prozess, gemeinsam Lösungen zu finden. Aushandlungsprozesse dürfen nicht verlernt werden.

Haben Sie ein Negativ-Beispiel?

Boeser-Schnebel: Sehen Sie sich die Facebook-Seiten von Pegida und deren Kritiker Pegidawatch an. Beide agieren ähnlich. Beide sind eindimensional. Jeder berichtet das, was in sein eigenes Weltbild passt. Wenn man sich selbst auf keine anderen Sichtweisen mehr einlässt, wird das eigene Denken enger und umso absurder werden für einen andere Gedankengänge.

Was haben Stammtisch-Parolen und Populismus gemeinsam?

Boeser-Schnebel: Hinter beidem steckt eine arrogante Selbstgerechtigkeit und eine antipluralistische Haltung. In beiden Fällen hilft es, in die Auseinandersetzung hineinzugehen.

Haben Sie selber einen Stammtisch?

Boeser-Schnebel: Ja, ich treffe mich alle zwei Wochen mit Freunden. Wir reden über Gott und die Welt. Da sind durchaus auch intensive politische Auseinandersetzungen mit dabei, aber auch viele persönliche Geschichten.

Veranstaltung: Der dritte Augsburger Begabungstag, organisiert vom Bildungsbündnis Augsburg, findet am Freitag, 17. November, zu dem Thema „Demokratie lernen und leben“ im Rathaus statt. Der Begabungstag bietet von 8.30 bis 16 Uhr Impulse, Netzwerkmöglichkeiten und zahlreiche Workshops. Antworten, wie demokratische Bildung gelingen kann, geben der Begründer demokratischer Schulen, Yaacov Hecht, sowie Christian Boeser-Schnebel. Anmeldungen unter www.begabungstag.de.

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