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09.10.2008

Es prickelt in der Metropole

Bröckelnde Fassaden, hoher Ausländeranteil: Moabit, gleich hinter dem Hauptbahnhof, ist ein typischer Berliner Problemkiez. Doch aus einem Gemüseladen in der Lehrter Straße, dessen Inhaber nebenbei Marihuana verkaufte, ist eine Galerie geworden: die "Zweigstelle Berlin". Verantwortlich für diese Form der künstlerische Stadtteilentwicklung ist ein Aichacher: Andreas Stucken, der Vorsitzende des dortigen Kunstvereins.

Vor der Vernissage: Der graue Estrichfußboden in der lichten Galerie ist frisch geputzt, die Gitter vor den Schaufenstern hochgezogen. Die Kunst ist schon am Platz: Bilder von Tatjana Utz, dazu auf Tapeten gedruckte Textfahnen. "Über Grenzen" heißt ihr Langzeitprojekt, das deutsch-polnische Lebensläufe in Kriegs- und Nachkriegszeit künstlerisch aufarbeitet.

Es ist die dritte Ausstellung in den Räumen, die Stucken im März eröffnete. "In München interessiert sich niemand für Münchner Künstler", erklärt der Neu-Galerist. In Berlin, wo ein "höheres Grundinteresse" herrsche, soll das anders werden. Die Galerie ist ein gemeinsames Projekt von Stucken und drei Künstlerinnen mit "hohem Energiepotenzial": die Münchnerinnen Tatjana Utz und Angela Stauber sowie Karen Irmer aus Augsburg, alle drei Schülerinnen von Sean Scully an der Münchner Akademie. Das Trio bildet den Stamm der Galerie, aber auch für andere Positionen ist Platz: Nadja Jerczynski, Albert Weis, Christine Erhard und Liliane Tomasko werden in den kommenden Monaten neue Werke zeigen.

Andreas Stucken hat vor vier Jahren als Art Consultant den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Er berät Firmen, Sammler und Institutionen, hilft bei Verwaltung und Aufbau von Sammlungen oder organisiert Kunstprojekte. Eine Aufgabe, die ihm Konflikte mit seinem ehrenamtlichen Engagement beim Kunstverein einbringt. Auch deshalb wird er sich 2009 von dessen Spitze zurückziehen. "Acht Jahre sind eine gute Zeit", sagt Stucken und blickt zufrieden zurück. "Der Kunstverein ist auf den Weg gebracht."

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Ein Umweg über die Unternehmensberatung

Schon als Jugendlicher arbeitete er im "Kabinett für aktuelle Kunst" in seiner Heimatstadt Bremerhaven mit, später als Kunstgeschichtsstudent in Berlin stellte er im "Museum für (Sub-)Kultur" unter anderem Scully, Jenny Holzer und Martin Kippenberger aus. Doch bis zu seinem beruflichen Einstieg in die Branche sollte es noch dauern: Er arbeitete im Außendienst für IT-Firmen und Unternehmensberatungen, ließ sich in Aichach nieder. 2001 wurde er Vorsitzender des dortigen Kunstkreises, der unter seiner Ägide und dem neuen Namen "Kunstverein Aichach" zum Leuchtturm in der Provinz wurde.

Aichach bleibt der 51-Jährige treu, auch wenn er inzwischen die Hälfte seiner Zeit in Berlin verbringt - und das sichtlich genießt. Die Hauptstadt, so Stucken, spiele in einer Liga mit Kunstmetropolen wie New York oder London. "Es prickelt." Auch in Moabit. Einen Steinwurf von der "Zweigstelle" entfernt hat die Malerin Katharina Grosse einen imposanten Betonkubus als Atelier errichtet, zu den Galerien in der Heidestraße fährt man mit dem Bus nur zehn Minuten. Doch abends, wenn die "Zweigstelle" schließt, achtet Andreas Stucken gut darauf, dass auch die Gitter vor dem Eingang geschlossen sind.

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