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Augsburg

28.06.2019

Ex-Gefangene Mesale Tolu klagt an

Mesale Tolu stellte ihr Buch in Augsburg vor.
Bild: Samuel Tschaffon

Die Neu-Ulmer Journalistin findet eindringliche Worte für ihre Zeit in türkischen Gefängnissen.

Die Wut, wenn beim illegalen Verhör im Polizeipräsidium „Vatan“ (Heimat), der bekanntesten Folterstation Istanbuls, der heiße Atem des Antiterrorpolizisten ihren Hals berührt. Der Moment, wenn der Mann, der sich Burak nennt und auf der anderen Seite des Tisches in dem schallisolierten Raum mit den schwarzen Wänden sitzt, klar macht, wer hier wem ausgeliefert ist.

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Polizei konnte Mesale Tolu nicht brechen

Als Gefangene des türkischen Staates legte sich Mesale Tolu Strategien fürs Überleben zurecht. Sie spaltete ihre Angst um den zweijährigen Sohn ab, rettete sich in den Zorn, fauchte den Polizisten an, seinen Job zu machen, und lehnte seine good-cop-Angebote ab. Bei der Lesung aus ihrem Buch „Mein Sohn bleibt bei mir“ gibt sie zu: „Es war eine sehr dunkle Zeit. Die Männer waren Profis in Sachen psychischer Folter. Aber sie haben mich nicht gebrochen. Im Gegenteil.“

Gefasst und reflektiert erzählt sie den etwa 60 Interessierten, die auf Einladung des Friedensbüros, des Evangelischen Forums Annahof, des Jüdischen Museums und der Volkshochschule in den Jazz-Club gekommen waren, von den 24 Stunden hell erleuchteten Zellen der Polizeistation und von den Stahltüren im Frauengefängnis Bakirköy.

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Security während der Lesung in Augsburg

Die Veranstalter des Abends haben für Security gesorgt, einer der Männer schirmt Tolus Mann ab. Dieser arbeitete für die multiethnische Partei HDP und saß 2017 und 2018 während der tiefen diplomatischen Krise zwischen Deutschland und der Türkei im Hochsicherheitsgefängnis Silivri ein. Als Faustpfand, wie seine Frau. Wenn es brenzlig wurde, veranlasste die Regierung in Ankara eine Gefangenenentlassung, um die internationalen Verwerfungen vorübergehend zu beruhigen.

Tolu hat in ihrem Buch eine weibliche Gefangenensicht herausgearbeitet. Demütigungen, Drohungen und Abwertungen zielten auf ihre für türkische Polizistinnen und Polizisten wenig traditionelle Identität als Frau und Mutter sowie auf die Angst um ihren Sohn. Die Panik vor Vergewaltigungen war ein ständiger Begleiter. Sie bekam mit, dass andere Frauen aus ihrer Zelle verprügelt worden waren. Detailliert beschreibt sie die höhnische, psychische Gewalt der Wärterinnen zum Gefängnis-Check-In. Den BH sollte sie auszuziehen, die Finger einer der Aufseherinnen fuhren unter ihren Hosenbund.

Nacktuntersuchungen waren Schock für Tolu

„Diese Nacktuntersuchungen, die offiziell längst verboten und trotzdem Routine sind, waren ein sehr großer Schock für mich“, erklärt die Journalistin. „Ich schrie die Wärterinnen an.“

Der Staat zerstörte von einem Tag auf den anderen das Istanbuler Leben der Familie. Heute lebt die Familie wieder zusammen in Neu-Ulm. Tolu absolviert seit Juni ein Volontariat bei der Schwäbischen Zeitung.

Ob sie jemals wieder unbeschadet in die Türkei könne? Nein, erklärt Tolu, sie würde sicher festgenommen. Zu nah dran sei ihr Buch an einzelnen Polizisten und ihren Methoden auf der Station „Vatan“.

Mesale Tolu: „Mein Sohn bleibt bei mir – Als politische Geisel in türkischer Haft – und warum es noch nicht zu Ende ist“, Rowohlt Verlag, April 2019. 256 Seiten, 12,99 Euro.

Lesen Sie dazu auch: Prozess gegen Mesale Tolu auf Oktober vertagt

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