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Augsburg

20.09.2020

Experte erklärt: Warum Medizinstudenten an Leichen lernen

Ein Körperspendeausweis: Auch in Augsburg sollen Menschen künftig ihren Leichnam für die medizinische Forschung spenden können.
Bild: Marijan Murat, dpa

Plus Ab dem Frühjahr werden Augsburger Medizinstudenten in Anatomiekursen arbeiten. Professor Marco Koch erklärt, warum dafür Körperspenden von Verstorbenen nötig sind.

Was man von Toten lernt, nützt den Lebenden. Das sagt der Augsburger Anatomie-Professor Marco Koch. Er beruft sich auf einen Leitsatz in der Ausbildung angehender Ärzte. Deshalb werden die ersten Augsburger Medizinstudenten ab dem kommenden Frühjahr an Leichen wichtige anatomische Erfahrungen sammeln. Dafür sind Körperspenden Verstorbener nötig.

Ab April 2021 ist der erste Präparationskurs an menschlichen Körpern im Augsburger Modellstudiengang für Medizin geplant. Er wird in den ehemaligen Räumen der Pathologie am Uniklinikum stattfinden, die gerade umgebaut werden. Dort sollen Medizinstudenten im vierten Semester ihre anatomischen Kenntnisse vertiefen. Bislang haben sie an Kunststoff-Modellen oder mit 3D-Computeranimationen von menschlichen Organen gelernt. Angeleitet werden sie von Lehrstuhlinhaber Koch und einem Team von bislang vier Mitarbeitern.

Professor Marco Koch ist für die Anatomie in der Augsburger Medizinfakultät zuständig.
Bild: Michael Hochgemuth

Der Anatomie-Professor sagt aber auch, dass künstliche Modelle und Animationen in der Lehre nicht ausreichen. Zur Arbeit mit echten Körpern gibt es nach seiner Darstellung keine Alternative. Koch sagt: "Der menschliche Körper ist einfach zu komplex." Er hat allein über 200 Knochen. Dazu kommen eine Vielzahl von Muskeln, Sehnen und Nerven, Hautschichten, Zellgewebe und vieles mehr, über das ein Mediziner genau Bescheid wissen muss. "Nur an Körperspenden können angehende Ärzte lernen, wie die Strukturen zueinander in Beziehung stehen", erläutert Koch und nennt Beispiele.

Auch anderen Universitäten arbeiten mit Körperspenden

Wenn bei einem Patienten zum Beispiel der Ischias zwickt, muss der Student verstehen, wo der Nerv eingeklemmt werden kann. Beim Spritzen, Blutabnehmen und bei Operationen soll kein umliegendes Gewebe verletzt werden. Klassische MRT-Röntgenbilder, die einen Schnitt durch Gewebeschichten zeigen, seien ohne genaue praktische Kenntnisse über die jeweiligen Körperzonen kaum zu verstehen, sagt Professor Koch. Wichtig sei das Studium an Leichen auch mit Blick auf Volkskrankheiten wie etwa Herzinfarkt. Wie ein menschliches Herz genau aufgebaut ist, lasse sich in der Lehre letztendlich nur an Leichen vermitteln. Er ist überzeugt: "Untersuchungen an toten Menschen können durch nichts anderes komplett ersetzt werden." Man könne die Medizinstudenten mit diesen Themen nicht erst am lebenden Patienten konfrontieren.

Der Anatomie-Professor sagt, er verstehe, dass dieser Teil der Lehre für manchen Laien etwas gruselig wirken möge. Aber auch viele andere Universitäten arbeiteten in der Medizin mit Körperspenden. Vor Jahren gab es einen gegenläufigen Trend. Verschiedene Universitätsstandorte weltweit schafften die Präparationskurse ab, auch einige Elite-Universitäten in den USA. Stattdessen wurde nur noch mit Modellen gearbeitet. Koch sagt, inzwischen seien die sogenannten "Präpkurse" vielerorts aber wieder eingeführt worden. Auch die Dachgesellschaft der Anatomen empfehle sie im Rahmen der ärztlichen Ausbildung.

Professor Marco Koch, 44, ist erster Inhaber des Lehrstuhls für Anatomie und Zellbiologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg. Das Fach befasst sich mit dem Aufbau des menschlichen Körpers und seiner Organe, die Untersuchungsformen reichen bis hin zur molekularen Ebene biologischer Strukturen. Koch ist Spezialist für Neuroanatomie, ein Fachgebiet, das sich mit dem Aufbau des Nervensystems beschäftigt.

Auch Menschen aus der Region Augsburg sollen ihren Leichnam spenden können

Zum Start der Kurse wird die neue Augsburger Anatomie von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) unterstützt. Es gibt einen Kooperationsvertrag, dass die Körperspenden anfangs von der LMU kommen. Koch rechnet damit, dass vorerst sechs Körper pro Jahr benötigt werden. Parallel sollen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass mittelfristig auch Menschen in der Region ihren Leichnam der Augsburger Unimedizin spenden können. Grundsätzlich funktioniert das so: Ein Interessent kann zu Lebzeiten eine letztwillige Verfügung vereinbaren, die jederzeit widerrufbar ist. Dann bekommt er einen Spenderausweis, den er mit sich führen muss, ähnlich wie ein Organspender. Stirbt der Körperspender, wird die Unimedizin darüber informiert.

Koch betont, dass die praktische Arbeit der Anatomie-Mediziner nichts mit beliebten TV-Serien gemein hat. Von Laien werde sein Fach oft mit der Pathologie oder Gerichtsmedizin verwechselt. "Professor Boerne aus dem Tatort in Münster hat aber nichts mit uns tun", sagt er. In der Anatomie arbeiten die Mediziner nur mit menschlichen Körpern, die eines natürlichen Todes gestorben sind, nicht jedoch mit Opfern von Unfällen oder Verbrechen.

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