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Uni Augsburg

04.02.2020

Experteninterview: „Die Gründung der Uni kam unerwartet“

Heute hat Augsburg eine ausgebaute Universität mit mehr als 20000 Studierenden. Und neben dem Campus im Süden der Stadt ist gerade der Medizincampus am Uniklinikum im Aufbau.
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Heute hat Augsburg eine ausgebaute Universität mit mehr als 20000 Studierenden. Und neben dem Campus im Süden der Stadt ist gerade der Medizincampus am Uniklinikum im Aufbau.
Bild: Bernd Hohlen

Schon in den 60ern sollte in Schwaben ein Medizincampus angesiedelt werden. Historiker Stefan Paulus erklärt, warum dieser Weg in Augsburg schwierig war.

Herr Paulus, wie kam es dazu, dass in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Bayern erkannt wurde: Wir brauchen weitere, neue Universitäten?

Stefan Paulus: Es handelte sich um einen bundesweiten Prozess, als wegen des zunehmenden Andrangs von Studierenden die Kapazitäten an den alten Universitäten nicht mehr ausreichten und auch die Frage einer Hochschulreform immer virulenter wurde. Auch für den süddeutschen Raum hatte der Wissenschaftsrat die Gründung einer neuen Universität vorgeschlagen.

Bis die Universität Augsburg gegründet wurde, war es dann noch ein weiter Weg. Wo lagen die Hindernisse?

Experteninterview: „Die Gründung der Uni kam unerwartet“

Paulus: Der Hochschulstandort Augsburg ist erst in den 60er-Jahren im Kontext einer Medizinischen Akademie in den Fokus gerückt. Der Wissenschaftsrat hatte eine Expansion der Medizinerausbildung empfohlen. Augsburg in der Nähe zu München bot sich als Standort für eine solche Spezialhochschule an, um die Münchner Universität zu entlasten. Aber letztlich erhielt die Landeshauptstadt eine zweite Medizinische Fakultät. Und Kultusminister Ludwig Huber war gegen eine solche Akademie, auch weil er Angst hatte, die bereits beschlossene Regensburger Universität zu gefährden. Tatsächlich gab es zeitweilig Überlegungen, die Medizin in Regensburg zu streichen und in Augsburg anzusiedeln.

Warum hatte Regensburg bei der Unigründung vor Augsburg die Nase vorn: Hatten die Ostbayern die bessere politische Lobby als die Schwaben?

Paulus: Kann man so sagen. Vonseiten der Stadt Regensburg ist die Universitätsgründung viel energischer betrieben worden. Es handelte sich damals um eine sehr bildungsferne Stadt. Augsburg dagegen lag nahe an München, dort hatte man mit der LMU und der TU zwei große Universitäten. Die Nähe war gleichzeitig Vor- und Nachteil. Die Entwicklung in Augsburg hing auch immer mit der in München zusammen.

Warum sollte es dann ausgerechnet eine Handelshochschule oder Management-School sein?

Paulus: Mit der Medizin hat die Stadt Augsburg gefremdelt, als klar wurde, dieses Projekt würde die Stadt einiges kosten. Es gab ja hier noch kein modernes Klinikum. Da war die Idee mit der Handelshochschule pfiffiger. Zur alten Kaufmannsstadt passte sie wesentlich besser, kostete viel weniger, und darum sprang Augsburg relativ schnell auf diesen Zug auf. Als Louis Perridon, der spätere Gründungspräsident, davon Wind kriegte, wurde das Projekt zu einer ganz modernen Business-School geformt. Das war bundesweit ein Alleinstellungsmerkmal gewesen, das auch dem damaligen IHK-Präsidenten Georg Haindl gut gefiel.

Woher kam die Formel, eine Wiso-Hochschule mit „Erweiterungsmöglichkeiten“ zu gründen?

Paulus: Es gab damals vor allem zwei Baustellen: Die eine war die Philosophisch-Theologische Hochschule in Dillingen, ihre Zeit war abgelaufen, und die Studenten wollten nach Augsburg. Auch für die Pädagogische Hochschule an der Schillstraße musste eine Lösung gefunden werden, und die Münchner Universitäten suchten Entlastung. Auch die Juristenausbildung sollte modernisiert werden. Das war eine Gemengelage, aus der heraus der Plan entstand: Wir gründen eine Uni in Augsburg.

Warum ging alles schnell, als es im Landtag 1969 zum Schwur kam?

Paulus: Die Wende kam für viele Beteiligte tatsächlich überraschend, als plötzlich die Universitätsgründung aus dem Hut gezaubert wurde. Im Sommer 1969 waren noch die ersten Lehrstühle für die Wiso-Hochschule ausgeschrieben worden. Alles war auf diese zugeschnitten.

Stolz wurde die Neugründung in Augsburg eine „Reformuniversität“ genannt. Was war daran so modern?

Paulus: Die Augsburger Universität ist eine Reformuniversität und ist auch wieder keine. Neugründungen wie Konstanz und Bielefeld hatten von vornherein die Prämisse, einen neuen Zuschnitt zu bekommen. Man hat beispielsweise die Zahl der Studenten begrenzt und nur bestimmte Fächer angeboten. In Konstanz wollte man eine progressive und zugleich elitäre Art der Ausbildung etablieren. Eine vergleichbare Vorgeschichte mit einem jahrelang zuvor ausgearbeiteten Gründungskonzept hatte die Augsburger Universität nicht. Andererseits hatte man hier mit der Wiso-Hochschule, dem späteren Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fachbereich, einen dezidierten Reformgedanken quasi durch die Hintertür etabliert. Auch die einstufige Juristenausbildung hat einen Reformschub hereingebracht. Man hatte in den einzelnen Fachbereichen zum Teil durchaus innovative Studiengänge.

Passte dazu die Unterbringung der jungen Universität in ziemlicher Randlage in einem Gewerbegebiet an der Memminger- und Eichleitnerstraße?

Paulus: Wie gesagt, die Universitätsgründung kam unerwartet. Es war nur für die Wiso etwas in der Memminger Straße vorbereitet. Aber nun gab es weitere Fachbereiche. Es war jetzt die Aufgabe von Kanzler Dieter Köhler, möglichst schnell Gebäude aufzutreiben. Er stand unter einem enormen Zeitdruck, und viele Vorschläge wurden im Ministerium als zu teuer abgelehnt. In der Not hat man dann sogar die Kongresshalle angemietet, und für die Philosophischen Fachbereiche entstand das jetzige BCM-Hochhaus in der Rumplerstraße. Die Provisorien haben sich aber bald als hinderlich für die weitere Entwicklung der Universität herausgestellt, denn sie waren völlig unterdimensioniert.

War es am Ende von Vorteil, dass erst 1977 die ersten Gebäude am neuen Campus auf dem Alten Flugplatz in Betrieb genommen wurden?

Paulus: In der Stadt Regensburg beispielsweise gab es einen elementaren Vorlauf – 1962 Universitätsgründung, 1967 Aufnahme des Lehrbetriebs. Man konnte rechtzeitig Grundstücke kaufen und Gebäude planen. Aus der heutigen Perspektive muss man aber froh sein, dass die Gestalt der Universität Augsburg nicht auf einem einheitlichen Masterplan beruhte. Die Unterschiedlichkeit der Architekturen von den 70er-Jahren bis heute auf dem Augsburger Campus macht sicher seinen besonderen Reiz aus.

  • Zur Person: Stefan Paulus hat neue und neueste Geschichte sowie Kunstgeschichte und Archäologie an der Uni Augsburg studiert. Dort arbeitet er an der philologisch-historischen Fakultät. 2018 hat er seine Habilitation abgeschlossen.

Hören Sie sich dazu auch unseren Podcast "Augsburg, meine Stadt" an. In der aktuellen Folge geht's um die Augsburger Campus Cat: den berühmtesten Kater der Stadt.

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