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26.02.2009

Facettenreiche Industriekultur

Augsburg Der Begriff "Industriekultur" ist eine junge Wortschöpfung. Scheinbar gegensätzliche Wertvorstellungen sind darin verknüpft: industriell-technische und geistig-künstlerische. "Industriekultur" soll bewusst machen, dass dies keine Gegensätze sind. Pflege von "Industriekultur" ist zum einen das Bemühen, technische Bauten zu erhalten und zum anderen die technische Entwicklungsgeschichte ins Bewusstsein zu rücken.

Den entscheidenden Anstoß dazu gab in Augsburg 1985 die Ausstellung "Aufbruch ins Industrie-Zeitalter". Sie führte den Wandel von der Reichsstadt zur Industriestadt vor Augen. Das Bayerische Textil- und Industriemuseum (öffnet im Oktober 2009) nimmt diesen Faden wieder auf.

Historiker verweisen darauf, dass Augsburg über "Inkunabeln des Industriebaus" verfügt. Sie verkörpern Industriegeschichte. Die frühesten wie Schüles "Fabrikschloss" (heute Universität) stammen aus dem 18. Jahrhundert. Die damals als "Fabriquen" bezeichneten Gewerbebetriebe waren noch Manufakturen. Das heißt, dort entstanden Produkte, die arbeitsteilig von Hand gefertigt wurden. Das eigentliche Maschinenzeitalter mit Fabriken begann Anfang des 19. Jahrhunderts. In dieser Epoche erstanden großzügige Fabriken. Davon ist noch relativ viel erhalten, wenn man bedenkt, wie verheerend Bomben im Zweiten Weltkrieg und Abrissbirnen über fünf Jahrzehnte seit 1945 wüteten. Bekannteste Objekte sind das "Fabrikschloss", der "Glaspalast", die Kammgarnspinnerei, die Zwirnerei und Nähfadenfabrik in Göggingen und die Schuhfabrik Wessels.

Die Zukunft des Gaswerks bewegt derzeit viele Gemüter. Eingeschaltet in dessen "Verwertung" ist Professor Dr. Karl Ganser, ein Experte für die Umwandlung von Industriebrachen in nutzbare Industriedenkmale. Er macht deutlich, dass deren schonende anderweitige Nutzung nur gelingt, wenn der Industriegeschichte mehr Aufmerksamkeit zukommt.

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In Augsburg sind einstmals bedeutsame Industrieanlagen, vor allem aus dem Textilbereich, restlos verschwunden und die Areale neu überbaut. Von manchen blieben Restgebäude übrig. An Glanzzeiten anderer Firmen erinnert nur mehr das dazu gehörige Wasserkraftwerk oder die Direktorenvilla. So blieb von der 1898 bis 1911 bestehenden "Diesel Motorenfabrik Augsburg AG" nur das Direktionsgebäude, Äußere Uferstraße 49, bestehen, das um 1890 erbaut wurde.

Nur noch wenige der historischen Industriebauten dienen ihrem ursprünglichen Zweck. Es sind vor allem Elektrizitätswerke wie jenes auf der Wolfzahnau (seit 1902 in Betrieb), das Kraftwerk über dem Wertachkanal (1920 erbaut) und einige einstige kleinere Fabrik-E-Werke. Dort erzeugen zum Teil noch alte Generatoren Öko-Strom. Eberle in Pfersee produziert noch immer Sägen und Federn, bei MAN werden nach wie vor Druckmaschinen und Dieselmotoren gefertigt, in der früheren Zwirnerei und Nähfaden-Fabrik in Göggingen (jetzt Amman Group) Garne gesponnen.

Der Großteil erhaltener historischer Fabriken ist zweckentfremdet. Die Textilwerke SWA, AKS, Prinz-Druck, Dierig, Riedinger, die Schuhfabrik Wessels und das Stammwerk von Kuka wurden zu Industrie- oder Gewerbeparks, zur Wohnanlage, Schule oder zum Geschäftszentrum umgebaut. Die Mischnutzungen reichen von der Spedition über den Handwerksbetrieb, das Architekturbüro und das Künstleratelier bis hin zur Kinderkrippe.

Bei "Industriekultur" denkt man zuerst an Fabrikbauten. Der Begriff beinhaltet weit mehr: alte Bahnhöfe, Straßenbahndepots, das Wasserwerk am Hochablass. 1879 in Dienst gestellt, ist es ein Industriedenkmal von europäischem Rang. Behutsam restauriert, präsentiert es sich dank erhaltener Pumpen, Druckbehälter und anderer Einrichtungen als Technikmuseum mit ungewöhnlicher Innen- und Außengestaltung. Eine andere Variante kulturellen Gedächtnisses sind Archive. So verwahrt das Stadtarchiv die Personenakten fast aller Firmengründer des 19. Jahrhunderts. Schul- und Fachkundezeugnisse sind ebenso archiviert wie der Konzessionsantrag für die "Maschinenfabrik Augsburg", die Vorläuferfirma der MAN. Dort warten auch Firmenarchive, wie jenes der Mechanischen Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg (SWA), auf fachkundige Auswertung.

1,3 Millionen Stoffmuster in 200 Jahren

Weltweit einzigartig ist das Stoffmuster-Archiv der Neuen Augsburger Kattunfabrik (NAK). Es wird das Herzstück des Bayerischen Industrie- und Textilmuseums. Die Bauten der 1995 in Konkurs gegangenen NAK sind überwiegend plattgemacht und neu überbaut. Die NAK wird jedoch in der Kunst- und Modewelt nie in Vergessenheit geraten. Das garantieren die ab 1792 über 200 Jahre lang gesammelten 1,3 Millionen Stoffmuster und Entwürfe, archiviert in 560 großformatigen Bänden.

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