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Textilkunst

20.03.2015

Falsche Fährten

„Boatpeople“ nennt die Künstlerin Vitoria Martini dieses Bild, dessen Hintergrund am Computer entstanden und dann mit dem titelgebenden Motiv bestickt worden ist.
Bild: Martini

Victoria Martinis raffinierte Stickbilder stellen die Wahrnehmung des Betrachters auf die Probe

Um Schein und Sein geht es bei einer neuen Schau im tim. Das Staatliche Textil- und Industriemuseum zeigt die Ausstellung „Deine Blicke fliehen“ – Stickbilder von Victoria Martini. Die Künstlerin schafft damit erstaunliche Effekte. Sie lockt Betrachter auf die falsche Fährte.

Martini setzt mit bestickten textilen Bildern einen künstlerischen Kontrapunkt zu einer hastig beschleunigten Moderne. Dabei entstehen ihre Bilder zunächst digital am Computer. Hier werden die Splitter von politischen oder sozialkritischen Themen zusammengesetzt. Anschließend bestickt Martini jedes ihrer Bilder – ein ästhetisches Verfahren der Entschleunigung, das den Arbeiten eine künstlerisch neue Qualität verleiht. tim-Museumsleiter Museumsleiter Karl Borromäus Murr zählt Victoria Martini zu den beachtenswerten Vertreterinnen einer modernen Textilkunst. „Mit ihren Stickbildern stellt sie die Wahrnehmung des Betrachters gleichsam auf die Probe“, sagt er. Denn in der Gegenwart des digitalen Zeitalters, das eine zuvor nie gekannte Bilderflut produziert, entscheidet der Mensch oft im Bruchteil einer Sekunde, ob es sich lohnt, den ersten visuellen Eindruck weiterzuverfolgen. Martini experimentiert genau mit diesem ersten Blick des Betrachters, den sie zunächst auf die falsche Fährte einer idyllischen Szene oder einer vermeintlich belanglosen Ikonografie lockt.

Dass der flüchtige Schein trügt, erfährt derjenige, der sich auf eine tiefere Auseinandersetzung mit den Stickbildern einlässt. Denn erst auf den zweiten Blick geben diese ihre subtil inszenierten Kontraste, Brüche oder Verwerfungen preis. Auch die Bildmotive – bei Martini häufig politische oder kulturelle Themensplitter – stehen in starkem Gegensatz zu der handwerklichen Technik des Stickens. „Gerade die angesprochenen Brüche zeichnen die genuine künstlerische Qualität von Victoria Martinis Stickbildern aus. Diese Werke halten weit mehr als nur dem ersten Blick stand“, sagt Murr.

bis 12. April im Textilmuseum an der Provinostraße 46; geöffnet Di. bis So. von 9 bis 18 Uhr

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