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Augsburg

22.06.2017

Falscher Flugkapitän soll Frau hereingelegt haben

Im Film „Catch Me If You Can“ gab Frank (Leonardo di Caprio) sich als Pilot aus. Nun steht in Augsburg ein Mann vor Gericht, der eine Frau mit derselben Masche betrogen haben soll.
Bild: imago/EntertainmentPictures

Eine Frau glaubt, den Traumprinzen gefunden zu haben. Sie heiratet ihn und wird schwanger. Er soll sich als Lufthansa-Pilot ausgegeben und ihre Konten geplündert haben.

In der amerikanischen Gaunerkomödie „Catch Me If You Can“ spielt der Schauspieler Leonardo DiCaprio den gewieften Hochstapler Frank, der sich als Pilot bei der US-Fluggesellschaft „Pan Am“ ausgibt. Bei den Frauen steht der vermeintliche Flugkapitän Hoch im Kurs. Auch Martin G., 48, achtfach vorbestrafter Betrüger, „befördert“ sich selbst zum Flugkapitän bei der Lufthansa, er fälscht Arbeitsverträge und zieht schon mal eine Pilotenuniform an – ein Faschingskostüm.

Betrugsverdacht gegen 48-Jährigen: Er soll Konten seiner Ehefrau geplündert haben

Was für den arbeitslosen Hochstapler wie im Film beginnt, endet im wirklichen Leben mit einer äußerst unsanften Bruchlandung. Seit fast einem Jahr sitzt der Möchtegern-Pilot hinter Gittern. Der falsche Flugkapitän und angebliche vielfache Millionär verdrehte einer 31-jährigen Frau mit seinem Lügengebilde völlig den Kopf, heiratete sie schon nach zwei Monaten und soll sie ausgenommen haben wie eine Weihnachtsgans.

In einem Prozess vor der 3. Strafkammer des Landgerichts wirft Staatsanwältin Katharina Kling dem falschen Piloten 29 Einzelfällen des Betrugs vor. Dass sich Hochstapler als angebliche Flugkapitäne die Herzen von Frauen erobern, dafür kennt die Justizgeschichte unzählige Beispiele. Nichtsdestotrotz fallen immer wieder leichtgläubige Opfer auf die „Piloten-Kiste“ herein, weil sie glauben, endlich ihren Traum-Mann fürs Leben gefunden zu haben.

So geht es auch Rosalie F., einer schlanken, attraktiven Frau, die nach nach vielen Enttäuschungen im Internet auf Partnersuche ist. Sie klickt am 4. Januar 2016 auf der Plattform einer Partnerbörse auf die vielversprechende Selbstdarstellung des „Lufthansa-Piloten“ Martin G., der sich neun Jahre jünger gemacht hat, angeblich Häuser und Wohnungen in der Schweiz besitzt, auf der Suche nach der großen Liebe ist und „endlich sesshaft werden“ will.

Man trifft sich schon einen Tag später. „Er hat schnell Besitz von meinem Leben ergriffen“, versucht Rosalie F. die nun folgende Beziehung, die mit Riesenschritten forteilt, zu erklären. Schon zwei Tage nach dem ersten Date bucht Martin G. eine Flugreise nach Fuerteventura auf den Kanaren. Der angebliche Lufthansa-Pilot, so schildert die Frau im Zeugenstand, habe gesagt, er bekomme doch Freiflüge von seiner Airline und auch ganze Urlaubsreisen geschenkt. Die Beziehung besteht ganze drei Wochen, da macht der Traumprinz Martin G. seiner neuen „Liebe“ schon einen Heiratsantrag.

Heiratsschwindel: 31-Jährige lässt sich nur zwei Monate nach dem Kennenlernen trauen

Die beiden kaufen für 2000 Euro Eheringe, außerdem schicke Kleider für die Trauung. Das Paar wohnt zusammen. Dass Martin G. seine Pilotenuniform nicht anzieht, wenn er aus dem Haus „zur Arbeit“ geht, fällt der Frau auf. Er aber sagt: „Ich ziehe mich immer an Bord um“. Rosalie F. schöpft auch nicht Verdacht, dass der „Flugkapitän“ abends stets wieder in der Wohnung weilt.

Martin G., so sagt es die Zeugin, habe ihr Kontoauszüge gezeigt, auf denen mehrstellige Millionenbeträge notiert waren – „mit dem Siegel vom Landratsamt“. Er verdiene so locker 10.000 Euro im Monat, habe er behauptet. Nach einer zweiten Urlaubsreise auf die Kanaren gibt Rosalie F. ihrem Märchenprinzen am 9. März 2016 auf dem Standesamt das Ja-Wort. Er, so begründet sie, habe schnell heiraten wollen „wegen der hohen Steuer“, die er bei seinem Gehalt zahlen müsse. Die ganz große Hochzeit sei im August auf Zypern geplant gewesen.

Vage Zweifel kommen Rosalie F. im April. Ihr Kontostand bei der Bank ist rapide gesunken. „Ich ahnte, dass irgendetwas schief lief“. Göttergatte Martin beschwichtigt jedoch. Der Bankautomat sei manipuliert gewesen, man bekomme das Geld zurück. Am 30. Juni bricht das Lügengebäude des Martin G. in sich zusammen. Die Polizei verhaftet den „Flugkapitän“ wegen anderer Betrügereien, für die er inzwischen zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.

Die junge Ehefrau, inzwischen schwanger, stellt mit Erschrecken fest, dass ihr Giro-, das Sparkonto und sogar ein Konto ihres Großvaters geplündert wurde – insgesamt über 12.000 Euro. Und sie weiß inzwischen, dass ihr Ehemann Martin beileibe kein Lufthansa-Pilot ist, sondern arbeitslos ist und fast ganzen Tag in ihrer Wohnung herumlungerte. Dabei soll er, wie auch immer, an ihre Bankkarten und Geheimzahlen herangekommen und fleißiger Kunde an Geldautomaten gewesen sein.

Prozess in Augsburg: Finanzieller Schaden soll bei 35.000 Euro liegen

Insgesamt, so schätzt Rosalie F. vor Gericht, hat sie das Abenteuer rund 35.000 Euro gekostet. Sie lässt die Ehe vom Familiengericht annullieren, weil sie unter falschen Voraussetzungen geschlossen wurde. Inzwischen ist sie Mutter geworden. Martin G., verteidigt von Günther Silcher, tritt im Prozess selbstsicher auf. Er beteuert mehrmals steif und fest, alle Kontoabhebungen seien mit Wissen der Frau geschehen. „Sie hat mir Vollmacht gegeben, die Geheimnummern mitgeteilt. Sie hatte schon Mahnbescheide im Briefkasten, da habe ich mich erboten, alles zu erledigen, auch die Bankgeschäfte“.

Er habe stets Geld von seinen Eltern erhalten und so rund 30.000 Euro in die Beziehung eingebracht. Dass Geld im Zusammenleben kaum eine Rolle gespielt hat, will Martin G. anhand etlicher Beispiele belegen, die er auf einer Liste verzeichnet hat. „Sie hat sich neue Unterwäsche für 1800 Euro gekauft. Da hat ein BH schon mal 100 Euro gekostet“. Der Vorsitzende Richter Roland Christiani kann sich da die Bemerkung nicht verkneifen: „Das muss ja eine Augenweide gewesen sein“.

Der Angeklagte behauptet auch, Rosalie F. habe in Berlin ihre ganze Verwandtschaft in einem Restaurant zum Essen eingeladen. Und so weiter und so fort. Das meiste Geld, so behauptet der Angeklagte, „hat sie verbraucht“. Zeugin Rosalie F. schüttelt den Kopf: „Ich habe ihm niemals Vollmacht und Geheimzahlen gegeben. Warum sollte ich ihm meine Ersparnisse anvertrauen, wenn er als Pilot 10.000 Euro verdient? Und meine BHs kaufe ich für zwölf Euro.“ Der Prozess wird am Montag, 26. Juni, fortgesetzt.

Die Namen aller Beteiligten wurden von der Redaktion geändert.

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