1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Fanal für das freie Amerika

Literatur

11.05.2012

Fanal für das freie Amerika

Vor Exponaten aus der „Bibliothek der verbrannten Bücher“ erinnerte sich der Germanist Guy Stern an seine Begegnung mit Thomas Mann.
Bild: Annette Zoepf

In der Unibibliothek beschrieb Prof. Guy Stern den Widerschein der Bücherverbrennung

Als in Nazideutschland die Scheiterhaufen mit Büchern verfemter Autoren am 10. Mai 1933 aufloderten, kam es in New York zu einem spontanen Protestmarsch riesigen Ausmaßes: Über 100000 Menschen waren auf der Straße – jüdische Organisationen ebenso wie Gewerkschaften. Und die Zeitung Daily Worker setzte weitsichtig auf die Titelseite eine Karikatur mit zwei Opferaltären: Hinten brennen die Bücher, und vorne werden Menschen zum Holocaust aufgeschichtet.

Ausgegraben hat diese Reminiszenzen der deutschstämmige Germanist Prof. Guy Stern, der 1937 mit 15 Jahren in die USA emigrierte – und als Einziger seiner jüdischen Familie das Dritte Reich überlebte. Zum Jahrestag der Bücherverbrennung sprach der 90-Jährige, der gerade Ehrenbürger seiner Vaterstadt Hildesheim geworden ist, am Mittwochabend in der Unibibliothek über deren Widerschein in Amerika. Die Augsburger Literaturwissenschaftlerin Prof. Bettina Bannasch stellte ihn als einen der Gründerväter der Exilliteraturforschung vor. Guy Stern habe verfemte Autoren dem Vergessen entrissen: „Sie haben verdienstvolle Archivarbeit geleistet“, sagte Bannasch.

Die freiheitsbewussten Amerikaner verstanden den barbarischen Akt der Nazis sofort als das, was es war: eine erste öffentliche Bekundung, was das neue Regime wollte. Die Publizistin Helen Keller notierte: „Tyrannen versuchten oft, Ideen zu unterdrücken, aber machtvoll erstanden die Ideen auf und zerstörten sie.“ Populär wurde in den USA die Formel „Bücher sterben nie“.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Gegenbild für den freien Gedankenaustausch

US-Präsident Franklin D. Roosevelt baute nach Sterns Worten seine nationale Kriegspropaganda wesentlich auf der Bücherverbrennung auf. Mögen die Nazis auch die Bücher zerstören, „aber freie Amerikaner können sie immer noch lesen“. Das brennende Buch wurde zum Gegenbild der Freiheit des Gedankenaustausches. Exilierte deutsche Autoren, deren Werke auf dem Scheiterhaufen gelandet waren, zogen teilweise mehr Aufmerksamkeit auf sich, als sie vor 1933 hatten.

Eine ernste Frage stellte sich allerdings den amerikanischen Soldaten, als sie Hitler-Deutschland befreiten: Sollten sie die Nazi-Literatur, die so viel Leid verursacht hat, ausmerzen? „Nach langem Hin und Her kam ich auch hier zu der Einsicht: Man kann keine Ideen verbrennen“, erzählte Guy Stern, der ebenfalls in der US-Army diente. Selbst gegen Senator McCarthy, den berüchtigten Kommunistenjäger, wurde die Bücherverbrennung angeführt: „Don’t join the bookburners!“ – schließt euch nicht den Bücherverbrennern an, warnte Präsident Eisenhower. Alois Knoller

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren