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04.03.2009

Fehler im System

Es ist ein System, in dem Millionen den Besitzer gewechselt haben. Ein System, das sich durch alle Schichten der Gesellschaft zieht. Juristen gehören dazu, Ärzte und Unternehmer. Genauso auch Arbeiter, Rentner oder Arbeitslose. Manche haben eine Menge Geld verdient, viele jedoch Tausende Euro verloren. Normalerweise agieren Schenkkreise in Zirkeln hinter verschlossenen Türen. Neulinge kommen nur mit persönlicher Einladung hinzu. Demnächst aber könnte ein Schenkkreis aus dem Raum Augsburg im grellen Licht der Öffentlichkeit stehen. Dutzende Teilnehmer müssen möglicherweise vor Gericht aussagen. Das könnte für manchen Zeugen unangenehm werden.

Die drei Angeklagten sollen zentrale Figuren gewesen sein

Denn: Schenkkreise gelten unter Experten als höchst unseriös. "Es gibt sicher einige Leute in Augsburg, die nicht glücklich sind, wenn ihr Name mit diesen Kreisen in Verbindung gebracht wird", sagte ein Beobachter, der gestern beim Auftakt eines Prozesses gegen zwei Männer und eine Frau vor dem Amtsgericht dabei war. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Trio vor, zentrale Figuren eines Schenkkreises gewesen zu sein, der sich regelmäßig in Bobingen traf.

Das Geschehen, um das es in dem Verfahren geht, spielt in den Jahren 2005 bis 2007. Und das Prinzip ist im Grund simpel: In einem Schneeballsystem sollten die Teilnehmer erst 5000 Euro verschenken, dann acht neue Mitstreiter finden, um am Ende selbst 40 000 Euro geschenkt zu bekommen. Gut geht das nur, so lange ständig neue Mitglieder einsteigen - und das ist immer das Problem. Bei einem dreistufigen System müssten in der achten Runde schon zwei Millionen Menschen mitmachen, damit es nicht kollabiert.

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Im Bobinger Dunstkreis waren über 1000 Menschen aktiv

Dem Bobinger Schenkkreis sollen, sagte ein Ermittler gestern vor Gericht, über 1000 Menschen angehört haben. Immer sonntags trafen sich Teilnehmer in einer früheren Firmenkantine in Bobingen. Türsteher achteten genau darauf, wer in den Saal kam. Vorne auf einer Bühne wurden dann die Beschenkungen zelebriert. Tausende Euro wechselten in Klarsichthüllen den Besitzer. "Das sorgte für Begeisterung", so der Ermittler. Die drei Angeklagten - ein Kraftfahrer, eine Textilreinigerin und ein Vertriebsmitarbeiter - sollen bei den Treffen als Moderatoren aufgetreten sein und Geld eingesammelt haben. Dabei seien sie geschickt vorgegangen, berichtete eine Teilnehmerin unserer Zeitung. Sie machten den Gästen Mut, "sich selbst zu helfen". Sie erzählten davon, wie schlimm es sei, im Alter unter Armut zu leiden. Und es wurde der Eindruck erweckt, alles sei wie in einer großen Familie. "Es war wie bei einer Sekte."

Für viele Teilnehmer hörte der Spaß jedoch bald auf: Weil die Systeme reihenweise in sich zusammenbrachen, bekamen sie nichts. Und die 5000 Euro Einsatz waren ebenfalls weg. Beim Amtsgericht, das bestätigt Zivilrichterin Karin Becker, laufen deshalb noch immer zahlreiche Prozesse, mit denen sich Beteiligte ihr Geld zurück erstreiten wollen. Der Augsburger Rechtsanwalt Carsten Rücker vertritt zahlreiche Schenkkreis-Teilnehmer. Im aktuellen Prozess verteidigt er einen der Angeklagten. Er sagt: "Die meisten wissen, dass das System irgendwann zusammenbrechen muss." Sie hofften aber, dass es für sie gerade noch reicht. Nach dem Motto: Den Letzten beißen die Hunde. Ein anderer Beobachter drückt es drastischer aus: "Das ist pure Geldgier. Und wenn die Leute auf die Nase fallen, beklagen sie sich auch noch."

Gab es Hintermänner, die gut kassierten?

Vor dem Amtsgericht wird es darum gehen, ob die Angeklagten wirklich zentrale Rollen im Schenkkreis hatten. Nur dann droht ihnen eine Strafe. Eine Frage ist auch, ob es Hintermänner gab, die kassierten. Deshalb will Richter Roland Fink zum nächsten Termin im Sommer zahlreiche Teilnehmer vorladen. Rund 50 davon saßen gestern als Zuschauer im Gerichtssaal. Manche sind stocksauer, weil sie teils mehrere Zehntausend Euro verloren haben. Andere sind von den Schenkkreisen noch immer überzeugt - und investieren weiter. "Es funktioniert bestimmt", sagt ein älterer Herr. "Es müssten nur alle zusammenhalten."

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