1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Firmentafel der Schwallmühle lag im Lech

Augsburger Geschichte

04.05.2018

Firmentafel der Schwallmühle lag im Lech

Copy%20of%20Schwallm%c3%bchle_1.tif
3 Bilder
Wo das Wasser des Schwalllechs unterhalb des Wasserrad-Nachbaus über Stauschwellen rauscht, drehten sich schon anno 1276 die Wasserräder der Schwallmühle am rechten Kanalufer. Dort steht jetzt ein Wohngebäude.

Anno 1276 wurde die Getreidemühle erstmals erwähnt. 1944 fiel sie den Bomben zum Opfer.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass in Augsburg historische Relikte im Lech oder in der Wertach gefunden werden. Das berühmteste Fundobjekt ist der bronzene Pferdekopf aus der Römerzeit, der anno 1769 nach einer Überschwemmung aus dem Kies der Wertach geborgen wurde. Vor einigen Jahren kamen in der Wertach bei der Kulperhütte Steinfragmente ans Tageslicht, die als Bauteile des Stadttheaters identifiziert werden konnten. Sie wurden beim Theaterumbau kurz vor dem Zweiten Weltkrieg dort entsorgt.

Nach 1945 fiel bei der „Enttrümmerung“ der Stadt massenweise Schutt an. Ungezählte Lastwagenladungen wurden an verschiedenen Stellen am Lechufer abgekippt, beispielsweise entlang der Firnhaberau. Dort „recycelten“ Siedler daraus Ziegelsteine. Sie reinigten die Bausteine vom Mörtel und transportierten sie mit Schubkarren, Handwagen oder Fahrradanhängern ab. Mit dem Altmaterial errichteten sie Behelfsheime, Ziegen- und Hasenställe, Geräteschuppen und sogar Wohnhäuser.

Auch an der derzeitigen Baustelle „Flößerpark“ oberhalb der Lechhauser Lechbrücke wurde Kriegsschutt abgeladen. Nur so lässt sich ein schwergewichtiger Fund erklären. Der Augsburger Stefan Wieninger, 47, entdeckte dort ein nur wenige Zentimeter aus dem Lechkies ragendes Steinteil, das er für ein Betonbruchstück hielt. Als er es frei buddelte, war die Überraschung groß: Zum Vorschein kam eine große bearbeitete Natursteinplatte. Darauf war nach grober Reinigung eine Inschrift zu entziffern: „Gebrüder Winkler Mühlenwerke Augsburg-Ingolstadt“. Diese Beschriftung bewog Stefan Wieninger, die 48 mal 82 Zentimeter große, etwa 18 Zentimeter starke Natursteinplatte auf seinem stabilen Fahrradanhänger nach Hause in die Firnhaberau zu transportieren.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Augsburger entdeckte Natursteinplatte an der Baustelle „Flößerpark“

Die Neugierde, was es mit der vertieften Inschrift auf sich hat, löste seine Recherche im Internet und eine Nachfrage beim Mühlenverein in Ingolstadt aus. Doch es ergab sich keine befriedigende Antwort in Bezug auf Augsburg. Nur eine „Winklermühle“ ist in Ingolstadt geläufig. Stefan Wieninger gab sich damit nicht zufrieden und übermittelte dem „Augsburg-Album“-Autor ein Foto. Auch die Stadtarchäologie ist über den Fund informiert, dessen Herkunft und Bedeutung erst mal Rätsel aufgab. Die Recherche in alten Augsburger Adressbüchern führte auf die richtige Spur. In der Ausgabe 1924 lautet ein Eintrag: „Gebr. Winkler, Reichsstadtmühle/Schwallmühle, Litera A 347/348“. Aus der historischen Litera-Anschrift wurde 1938 die Adresse Am Schwall 10. Diese Hausadresse gibt es nicht mehr. Der Grund: Das Mühlenanwesen entlang des Schwalllechs wurde im Februar 1944 durch Bomben zerstört. Der Nachkriegsbau auf dem einstigen Mühlengrundstück ist ein großes Wohngebäude mit den Anschriften Am Brunnenlech 1 und 3.

Der Standort der Mühle ist anhand alter Pläne unschwer bestimmbar: Unterhalb des Predigerbergs führt eine Brücke über den Schwalllech. Am Geländer stehend, ist kanalaufwärts das 2015 erneuerte hölzerne Schaufelrad über dem Wasser zu sehen. Zwischen der Brücke und dem Mühlradnachbau rauscht der Schwalllech über mehrere Stauschwellen. An dieser Stelle drehten sich jahrhundertelang bis zu sechs Wasserräder der Schwallmühle im Schwalllech. Die Mühle stand am westlichen Ufer, wo jetzt das Wohngebäude steht.

Diese Wohnanlage befindet sich auf wahrhaft historischem Grund: Hier stand schon vor 750 Jahren eine Mühle! Die 1944 zerstörte Schwallmühle zählte zu jenen zehn Getreidemühlen, die bereits im Stadtrechtsbuch von 1276 mit Namen aufgelistet sind. Bis 1803 war die Mühle im Besitz des Benediktinerklosters St. Ulrich. Die Abtei setzte Müller ein. Sie entrichteten ihre Pacht in Naturalien. Anno 1722 beispielsweise hatte die Schwallmühle 48 Schaff Kern und Roggen ans Kloster St. Ulrich zu abzuliefern. Das war in diesem Jahr die höchste Abgabe aller Augsburger Mühlen. Das heißt: Die Schwallmühle zählte zu den großen Getreidemühlen. Sechs Wasserräder waren zum Antrieb von fünf Mahlwerken und einem Gerbgang nötig. 1892 waren die sechs Räder noch vorhanden. Wann dann die Wasserkraftanlage modernisiert wurde und die hölzernen Schaufelräder gegen zwei oder drei leistungsfähigere eiserne Turbinenräder ausgetauscht wurden, darüber fehlt bislang der Nachweis.

Die Schwallmühle gehörte der Reichsstadt Augsburg und dem Königreich Bayern

Von 1803 bis 1806 gehörte die Schwallmühle der Reichsstadt Augsburg. Aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung „Reichsstadtmühle“. 1806 bis 1813 war sie im Besitz des Königreichs Bayern, danach wechselte sie oftmals den Besitzer. Zu den letzten Mühlenbetreibern zählten die auf der Steinplatte genannten „Gebrüder Winkler“. Sie besaßen in Ingolstadt die „Winklermühle“ und gründeten in Augsburg wohl beim Kauf der Schwallmühle die „Reichsstadtmühle AG“. Das war zwischen 1916 und 1922. Im Jahr 1926 wohnte laut Adressbuch „Winkler Karl, Teilhaber der Firma Gebr. Winkler Reichsstadtmühle A.-G. (Schwallmühle)“ in der Mühle. Die „Reichsstadtmühle GmbH“ ist 1943 im Gewerbeverzeichnis des Adressbuches unter „Mühlen“ aufgeführt. Das heißt: Sie war noch in Betrieb.

Im ersten Stockwerk wohnte 1943 „Georg Reich, Obermüller“. In der Bombennacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 wurde das mehrstöckige Gebäude getroffen und brannte aus. Die Ruine wurde später abgebrochen und der Schutt entsorgt. Darunter dürfte sich die am „Flößerpark“ aufgetauchte Steintafel befunden haben. Die etwa 80 bis 100 Kilo schwere wuchtige Steinplatte war das in eine Außenwand eingemauerte „Firmenschild“.

Zur Geschichte der Schwallmühle ist nachzutragen: Dreimal war sie bereits in früheren Jahrhunderten abgebrannt: 1414, 1575 und 1624. Im 19. Jahrhundert wurde sie mehrfach umgebaut. In den Obergeschossen befanden sich Wohnungen. Einer der Mieter war 1866 Friedrich Hessing. Er beantragte am 8. November 1866 in Augsburg die Gewerbeerlaubnis als Orgelbauer. Zwei Tage später erteilte der Magistrat die Lizenz. Als Wohnadresse gab Friedrich Hessing „Augsburg, Litera A 347“ an. Das war die Schwallmühle!

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie im Online-Angebot unserer Zeitung unterwww.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20IMG_0275(1).tif
Augsburg

Rewe legt am Donnerstag im früheren K+L-Gebäude los

ad__starterpaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket