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Augsburg

14.12.2018

Flucht, Exil und Rückkehr: Rabbiner Brandt spricht über sein bewegtes Leben

Er war Student in Belfast, arbeitete für den Autokonzern Ford und wurde schließlich Theologe: Henry Brandt ist seit 14 Jahren Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Augsburg.
Bild: Silvio Wyszengrad

Rabbiner Brandt ist 91 Jahre alt. Er floh als Kind vor den Nazis und wurde Theologe. Im Interview spricht er über sein Leben und den Kampf gegen Antisemitismus.

Rabbiner Brandt ist 91 Jahre alt. Er floh als Kind vor den Nazis, arbeitete für Ford und wurde Theologe. Im Interview spricht er über sein Leben und den Kampf gegen Antisemitismus.

Herr Rabbiner, Sie haben kürzlich bei der Gedenkfeier 80 Jahre Pogromnacht in der Synagoge ein wenig von Ihrer eigenen Lebensgeschichte erzählt. Wie war das für Sie, als Sie als Kind vor Hitler fliehen mussten?

Rabbiner Henry Brandt: Ich war zwölf, als wir aus München wegziehen mussten. Mein Vater hatte sich wie so viele nicht vorstellen können, was die Nazis mit uns Juden vorhatten. Die Wirtschaft wird es nicht zulassen, sagte er, und ich bin doch Weltkriegs-Veteran, und überhaupt, es wird nichts so heiß gegessen wie man kocht. Auch für mich und meinen Bruder war die Welt bis 1938 noch relativ in Ordnung. Ich habe zwar gesehen, dass an jeder Straßenecke der Völkische Beobachter und der Stürmer verkauft wurden, wo gegen die Juden gehetzt wurde. Das war unangenehm, aber nicht mehr.

Haben Sie in der Schule etwas bemerkt?

Brandt: Wir gingen in Schwabing zur Schule, und da war es noch ganz erträglich. Einen Lehrer hatten wir, der war ein strammer SA-Mann, da musste ich natürlich in der letzten Reihe sitzen. Aber ein anderer, Herr von der Tann, war betont freundlich zu mir. Und unter den Mitschülern hat mich der eine oder andere gehänselt, aber ich hatte auch Freunde. Daheim spürten wir zwar die Sorgen der Eltern, aber wir verließen uns natürlich darauf, dass sie das alles meistern würden. Die Stimmung änderte sich schlagartig Mitte 1938, als die Münchner Hauptsynagoge abgerissen wurde. Jetzt wussten meine Eltern: Es wird ernst, wir müssen weg.

Sein Vater wurde im KZ inhaftiert

Wie planten Ihre Eltern die Flucht?

Brandt: Meine Mutter hatte schon einen Antrag auf Einwanderung nach Palästina gestellt. Jetzt klemmte sich auch mein Vater dahinter. Aber es war eigentlich schon etwas spät, die Wege waren schon fast alle zu. Nach der Pogromnacht im November 1938 wurde mein Vater im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Als er nach Hause zurückkam, versuchte er, möglichst schnell die Einwanderungspapiere für Palästina zu bekommen. Doch die waren irgendwo verloren gegangen und wir mussten warten. In dieser Situation bestellte der englische Generalkonsul in München meine Mutter zu sich und bot ihr ein Transitvisum für Großbritannien an. Das war ein Glücksfall, so konnten wir im Mai 1939 nach England fahren.

Wie war das für Sie und Ihren Bruder? Angstbesetzt oder eher spannend?

Brandt: Für uns war das eigentlich ein großes Abenteuer – die Reise mit der Eisenbahn und dem Schiff, eine neue Sprache, neue Freunde. Drei Monate blieben wir in England, dann durften wir weiterfahren nach Palästina, wo schon Verwandte von uns lebten. Meine Großmutter reiste mit uns Buben per Zug über Frankreich nach Triest in Italien, dann ging es per Schiff weiter. Meine Eltern konnten erst zu Weihnachten 1939 nach Haifa kommen, mit dem letzten Schiff, das den Suezkanal passieren durfte.

Wie lebte der Jugendliche, der junge Mann Henry Brandt damals in Palästina?

Brandt: Na ja, es war Krieg, zuerst der Zweite Weltkrieg, dann 1948 der israelische Unabhängigkeitskrieg. Aber für uns herrschte Aufbruchsstimmung, wir arbeiteten im Kibbuz, wir atmeten die gute Luft der Freiheit, wir fühlten uns als Pioniere. Ab 1945 machte ich eine Banklehre, und ich wurde Mitglied der Haganah, danach Marine-Offizier der israelischen Streitkräfte.

Wie es war, nach Israel zu kommen

Sie waren ein Flüchtling, einer von vielen, wie es sie auch heute gibt.

Brandt: Ja, aber unsere Erfahrung war eine ganz andere. Wir waren Emigranten in einem Meer von Emigranten, alle waren jüdisch und alle sprachen bald Hebräisch. Die jüdische Gesellschaft empfing uns mit offenen Armen. Es gab keine Fremdheit, wir hatten das Gefühl, wir kommen nach Hause.

Aber lange blieben Sie nicht in Israel.

Brandt: Schon während der Banklehre hatte ich in der Abendschule meine Matura gemacht, und nun wollte ich studieren. 1951 ging ich von Israel nach Belfast in Nordirland und studierte Wirtschaftswissenschaften.

Und Ihre Eltern blieben in Israel?

Brandt: Auch mein Bruder, er wurde Ingenieur.

Henry Brandt als 28 Jahre alter Student in Belfast.
Bild: privat

Wie müssen wir uns den Studenten Brandt vorstellen?

Brandt: Das war ich mit 28 Jahren bei der Bachelor-Feier in Belfast.

Ein hübscher junger Mann, bestimmt schon in festen Händen?

Brandt: Ich war noch nicht in festen Händen, aber ich war in vielen Händen. An der Universität war mein Hobby „debating“ im Debattierclub und dessen Präsident lud mich an Weihnachten nach London ein. Da lernte ich eine junge Dame kennen, eine jüdische Engländerin. 1955 feierten wir Hochzeit, heute sind wir seit 63 Jahren verheiratet. Wir haben das Glück, dass unsere vier Kinder alle nur 20 Kilometer von unserem Wohnsitz in der Nähe von Zürich entfernt leben.

Frau und Kinder... In diese heile Familienwelt trat irgendwann die Theologie.

Brand: 1955 begann ich im Ford-Konzern in London als Marktanalytiker. Gleichzeitig war ich in einer liberalen jüdischen Gemeinde engagiert. Ich geriet also in dieses religiöse Milieu, und heute, im hohen Alter, weiß ich, dass ich diese religiöse Erfahrung, die ich als Kind in der großen Synagoge von München gemacht hatte, schon lange gesucht hatte. Irgendwann merkte ich auch: Ich will nicht nur Autos verkaufen und höhere Gewinne erzielen, darin sah ich keinen Sinn mehr. Ich wollte mit und für Menschen arbeiten und als Jude etwas für die jüdische Gemeinschaft tun. Daraus entstand dann auch das Ziel, den Dialog mit anderen Religionen zu suchen.

Den Job bei Ford gaben Sie auf und Sie studierten Theologie am Leo-Baeck-College. Was hat denn Ihre Frau zu diesem Sprung ins Ungewisse gesagt?

Brandt: Sie war an meiner Seite, ohne sie wäre es gar nicht möglich gewesen.

Sie haben dann als Rabbiner in England und Schweden, in Genf und Zürich gearbeitet, und schließlich sind Sie nach Deutschland gegangen. Nach 45 Jahren zurück ins Land der Täter, die Sie und Ihre Familie vertrieben hatten. War das nicht sehr schwer? Sie müssen sich fremd gefühlt haben, Sie müssen misstrauisch gewesen sein.

Den "Deutschen" allgemein gibt es für ihn nicht

Brandt: Ich hatte das Glück, diese Position in Genf und danach in Zürich zu bekommen. So konnte ich von der sicheren Schweiz aus erst einmal beobachten, wie sich Deutschland entwickelt. Anfang der Siebzigerjahre war schon eine neue Generation da. Nein, misstrauisch war ich eigentlich nicht. Ich hatte früh gelernt, dass Verallgemeinerung immer falsch ist. Ich habe mich nicht „den Deutschen“ im Allgemeinen gegenüber gesehen. Mit denen, die ich traf, fand ich guten Kontakt. Mir war natürlich auch bewusst, dass noch viel zu tun war, um für das Judentum in Deutschland etwas zu bewegen. Aber das war ja die Aufgabe, die ich mir selbst gestellt hatte.

Und viel bewegt haben Sie durch Ihre Bereitschaft zum Gespräch.

Brandt: Ich fand immer, dass es besser ist, den Antisemitismus durch Dialog und intellektuelle Auseinandersetzung zu bekämpfen als durch den Ruf nach der Polizei.

Gilt das auch heute noch, da ein Rechtsruck durch Deutschland und Europa geht, da antisemitische Äußerungen und Übergriffe an der Tagesordnung sind, da nun eine rechtspopulistische Partei in den Parlamenten sitzt?

Brandt: Ja, das gilt auch heute. Sicher gibt es einen rechtsextremen Rand, bei dem jedes Gespräch verlorene Liebesmüh ist. Und der eingewanderte Antisemitismus junger Menschen aus arabischen Ländern, der macht mir große Sorgen. Da bin ich sehr für eine wehrhafte Demokratie und einen starken Staat. Aber ein Großteil auch der rechts orientierten Bürger ist gesprächsbereit, glaube ich. Was die AfD-Wähler betrifft, da muss man schauen, mit wem sich das Gespräch lohnt. Man kann es zumindest versuchen.

Antisemitismus: Lieber reden als auf Polizei zu setzen

Den christlich-jüdischen Dialog haben Sie sehr befördert, sind dafür auch vielfach ausgezeichnet worden. Wie steht es mit dem muslimisch-jüdischen Dialog? Wäre der nicht nötig, wenn Sie der Antisemitismus junger Muslime so alarmiert?

Brandt: Ich führe ihn auch. Kürzlich war ich bei einer Reise von jungen Juden und Muslimen nach Auschwitz dabei. Die islamischen Teilnehmer waren beeindruckend gesprächsbereit. Das hat wieder einmal meine Einschätzung bestärkt, dass Gespräche und gemeinsame Erfahrungen sinnvoll sind. Sie sehen, ich bin ein Optimist.

Schauen wir nach Augsburg. Welches Motiv hatten Sie damals vor 14 Jahren, zu sagen: Augsburg braucht mich, dorthin gehe ich?

Brandt: Gottes Mühlen mahlen manchmal seltsam. Als liberaler Rabbiner war ich ja in der damals orthodoxen Augsburger Gemeinde nicht sehr geschätzt. Trotzdem wurde ich mal zu einem Chanukka-Vortrag in die große Synagoge eingeladen. Und das war eine Offenbarung für mich! Dieser wunderbare Raum erinnerte mich so sehr an die Münchner Hauptsynagoge meiner Kindheit. Drum habe ich dann, als die Anfrage wegen des Rabbineramts kam, gleich ja gesagt. Mit Augsburg kam ich so nah an München heran wie nur möglich. Außerdem liegt die Stadt relativ nah an der Schweiz, wo ich mit meiner Familie lebe. Wissen Sie, ich bin verliebt in diese bayerische Landschaft, die Berge, Wälder und Seen. Das sind Erinnerungen an die Kindheit, die mir entrissen wurde, die ich immer gesucht hab... Ach du liebe Zeit, das wird jetzt ja eine richtige Beichte (lacht). Jedenfalls, ich fühle mich sauwohl in Augsburg.

Hier haben Sie die jüdische Gemeinde erfolgreich in die Mitte der Stadtgesellschaft geführt und die Synagoge für alle Augsburger geöffnet. Nun sind Sie 91 Jahre alt. Halten Sie schon nach einem Nachfolger Ausschau?

Brandt: Nein, ich ziehe keine Strippen. Auch hier bin ich optimistisch: Es wird schon etwas von dem bleiben, was ich für Augsburg erreichen konnte. Im Übrigen bin ich zwar alt, aber noch nicht müde. Ich bleibe also noch ein bisschen im Amt.

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