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Augsburg

12.05.2020

Flüchtlinge im Augsburger Ankerzentrum fürchten Corona-Ausbreitung

In der Anker-Einrichtung in der Berliner Allee in Augsburg geht die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus um.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Die Flüchtlinge in der Asyl-Einrichtung an der Berliner Allee fürchten eine Ausbreitung des Virus in der Containersiedlung. Für ihre Sicherheit wollen sie selbst sorgen.

Ende April versammelten sich die elf türkischen und zwei irakischen Familien der Flüchtlingsunterkunft an der Berliner Allee, um zu beratschlagen, wie man sich besser vor Ansteckungen mit dem Coronavirus schützen könnte. Hintergrund: In mehreren Unterkünften deutschlandweit war es während des Lockdowns zu Infektionen, zum Teil zu anschließenden Unruhen gekommen. Von den drei innerstädtischen Anker-Dependancen mit insgesamt 340 Plätzen ist die Einrichtung an der Berliner Allee derzeit als einzige bewohnt. 90 Flüchtlinge, darunter 49 Kinder, leben hier, die meisten sind Familien aus der Türkei.

Asylbewerber im Augsburger Ankerzentrum schützen sich vor Corona

Wie ein Bewohner, ein Ingenieur aus der Türkei, berichtet, einigten sich die etwa 50 Erwachsenen darauf, den Kontakt zur Außenwelt weitgehend zu meiden. Straßenbahn und Busse sollten nur noch im Notfall genutzt und Einkäufe so abgesprochen werden, dass nur eine Person für mehrere Familien Besorgungen macht.

Die Anker-Einrichtung in der Berliner Allee.
Bild: Silvio Wyszengrad

„Seuchentechnisch sind wir hier wie ein großer Haushalt“, erklärt Ufuk Bekir (Name geändert). Wenn eine Person sich infiziert, sei eine ungehinderte Ausbreitung unvermeidlich. Insbesondere die vielen Kinder könne man nicht auf Abstand halten. Zwar haben die rechtlich zuständige Regierung von Schwaben und der Malteser Hilfsdienst, der die Unterkunft im Auftrag der Regierung betreibt, organisiert, dass die Hauptmahlzeiten in drei Schichten eingenommen werden können. Doch untereinander den angeordneten Abstand nach dem Infektionsschutzgesetz einzuhalten, sei im Alltag nicht möglich.

In den doppelreihig auf zwei Stockwerken angeordneten Containern reiche schon die Breite der Flure nicht aus. Weil derzeit kein Besuch im Ankerzentrum möglich ist, zeigt Bekir ein Foto. „Sicherheitspersonal steht direkt vor den Zimmertüren und den Toiletten. Wenn wir aneinander vorbei gehen, ist an 1,50 Meter Abstand nicht zu denken.“ Die Regierung erklärt auf die Frage, wie die Flüchtlinge geschützt werden können: „Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, des Caterers und der Reinigungsfirma sind angewiesen, die erforderlichen Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten und auch bei den Bewohnern auf Einhaltung eines Mindestabstands von 1,5 Meter zu achten.“

Nicht jeder im Ankerzentrum trägt eine Schutzmaske

Masken trägt das Personal nicht. Für die Flüchtlinge wurde genähter Gesichtsschutz ausgegeben, zudem gebe es Nähmaschinen vor Ort, wie die Regierung von Schwaben erklärt. Auf den Wunsch der Bewohner, ob Sicherheitsdienst und Malteser, die eine Infektion von außen eintragen könnten, nicht Masken tragen könnten, geht die Regierung auf Anfrage nicht ein. Schriftlich erklärt sie, es bestehe keine allgemeine Maskenpflicht in der Einrichtung.

Neben dem Infektionsrisiko ist die Verpflegung in der Unterkunft ein Dauerthema. Verderbliche Lebensmittel dürfen nicht mit ins Zimmer genommen werden. Das von einem Caterer zur Verfügung gestellte Essen sei jedoch für sie als gläubige Muslime nicht „erlaubt“ (halal), weil es nicht „islamisch zertifiziert“ sei, erklärt Bekir stellvertretend für die elf türkischen Familien, die seinen Angaben zufolge der konservativ-muslimischen Gülen-Bewegung angehören. Der Caterer habe trotz mehrfacher Bitten keine der auch in Deutschland erhältlichen „halal“-Zertifizierungen für das verarbeitete Fleisch vorlegen können.

Die Regierung von Schwaben verweist die Bewohner auf die Aushänge in der Unterkunft. Der Caterer bestätige die Einhaltung der „gängigen Halal-Anforderungen (kein Schweinefleisch, kein Alkohol, Einhaltung der Tierschutzstandards, Verarbeitung gesunder Tiere)“. Rituelle Halal-Schlachtungen, bei denen das Tier betäubungslos ausblutet, sind in Deutschland verboten. Muslimische Verbände, islamische Theologen und auch Ufuk Bekir selbst akzeptieren das vorherige Betäuben im Rahmen der Schlachtung als „halal-konform“.

Für den Ramadan, den nahezu alle Erwachsenen der Einrichtung derzeit begehen, hat die Regierung die Essensausgabe umgestellt. Zum Fastenbrechen nach Sonnenuntergang wurde das Mittagessen auf abends verlegt und für die Nacht gibt es ein Lunchpaket to-go mit Mineralwasser, Eistee, eine Konserve mit Wurst und eine mit Thunfisch, Margarine, Käse, Marmelade, Schokolade sowie Pfeffer, Salz und Zucker. Die Flüchtlinge begrüßen diese Initiative. „Das gibt uns die Möglichkeit, etwas Ramadan-Feierlichkeit in unserem Zimmer herzustellen“, erklärt Bekir. Die Wurst allerdings lasse sie wegen der fehlenden „halal-Stempels“ zurückgehen.

Wegen Corona werden Flüchtlinge derzeit nicht verlegt

Den täglichen Thunfisch, sagt er, könnten er und seine Frau, eine gelernte Intensivkrankenschwester, nach zwei Wochen Ramadan auch nicht mehr sehen. Der Aufenthalt in einem Ankerzentrum, in dem zum Beispiel Kochen und Selbstversorgung nicht erlaubt sind, ist rechtlich auf sechs Monate begrenzt. Für Bekir, seine Frau und ihre beiden Kinder läuft das halbe Jahr in wenigen Tagen ab. Auch der Asylantrag ist anerkannt worden. Doch Verlegungen in Gemeinschaftsunterkünfte sind derzeit ausgesetzt, und eine Wohnungssuche unter Corona-Beschränkungen ist schwierig.

Die Einrichtung an der Berliner Allee ist in den letzten Wochen um weitere etwa 60 Container für etwa 100 Geflohene erweitert worden. Nach Angaben der Regierung von Schwaben werden sie ab Juni belegt. Die Anker-Einrichtungen im Kobelweg und Inningen stehen derzeit leer und dienen als Quarantäne-Ausweichquartiere, sollte unter den Flüchtlingen eine Corona-Infektion ausbrechen.

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