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Augsburg

17.09.2020

Frau verletzt sich bei Sturz in Tram schwer – und klagt gegen Stadtwerke

In einer Straßenbahn verletzte sich 2019 eine Frau bei einem Sturz. Haftbar sei die Augsburger Verkehrsgesellschaft AVG dafür aber nicht, entschied das Landgericht Augsburg.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archivfoto)

Plus Eine Frau steigt in eine Straßenbahn in Augsburg und stürzt beim Anfahren. Später klagt sie vor Gericht auf Schadenersatz. Warum die Stadtwerke aber nicht haften müssen.

Es war möglicherweise eine etwas holprige Anfahrt, wie das manchmal eben so ist in der Straßenbahn. Die Frau, die im Mai 2019 in eine Tram der Linie 3 in Augsburg gestiegen war, fiel jedenfalls bei der Anfahrt der Straßenbahn hin; sie verletzte sich bei dem Sturz schwer. Sie erlitt eine Fraktur an der Lendenwirbelsäule, die eine Operation nötig machte. Und zog wegen des Vorfalls vor Gericht: Die Frau forderte von der Augsburger Verkehrsgesellschaft AVG Schadenersatz. Die AVG ist als Tochterunternehmen der Stadtwerke für den Betrieb von Bussen und Bahnen in der Stadt zuständig. Die Klägerin musste allerdings nun eine juristische Niederlage hinnehmen.

Landgericht sieht Schuld für den Sturz in der Straßenbahn bei der Frau

Das Landgericht Augsburg wies die Klage vor Kurzem ab, wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilt. Das Gericht begründete die Entscheidung damit, dass einem möglichen Schadensersatz- und Schmerzensgeldanspruch ein "weit überwiegendes mitwirkendes Verschulden der Klägerin entgegenstünde". Heißt: Die Hauptverantwortung für den Sturz und die Verletzung lag nach Ansicht des Landgerichtes bei der Frau selbst und nicht beim Fahrer der Tram.

Prozess in Augsburg: Frau stürzt in Tram und klagt gegen Stadtwerke

Die Situation um den Vorfall dürfte für viele regelmäßige Fahrgäste der Straßenbahn nicht unbekannt sein. Nach Auskunft des Gerichtes trug die Klägerin vor, dass die Tram "massiv und ruckartig angefahren sei". Die Frau legte dar, dass sie währenddessen noch mit dem Falten der Streifenkarte beschäftigt gewesen sei und sie sich zu diesem Zeitpunkt weder einen festen Halt verschafft noch einen Sitzplatz eingenommen habe. Nun ist die Anfahrt einer Tram für Passagiere im öffentlichen Nahverkehr nicht immer ganz einfach, will man alles richtig machen. Die Fahrgäste haben einerseits die Pflicht, ihren Fahrschein vor Fahrtantritt zu entwerten, also etwa die Streifenkarte zu stempeln und dafür zu einem Stempelkasten in der Tram zu gehen. Andererseits müssen sie dabei darauf achten, sich festen Halt zu suchen, denn "unmittelbar nach dem Zusteigen in ein öffentliches Verkehrsmittel" bestehe für Fahrgäste die Pflicht, sich einen "sicheren Stand, einen Sitzplatz bzw. sicheren Halt zu verschaffen", so das Landgericht in der Urteilsbegründung.

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Dem sei die Klägerin nicht nachgekommen, da sie zunächst die Streifenkarte gefaltet habe. Insbesondere in der "kritischen Anfahrtsphase" wäre sie aber verpflichtet gewesen, sich festen Halt zu verschaffen und mit der Entwertung der Streifenkarte noch kurzzeitig zu warten, so die Begründung. Juristisch wohl eine klare Sache; auch Urteile von anderen Gerichten kommen vielfach zu dem Schluss, dass im öffentlichen Nahverkehr der jeweilige Fahrgast selbst dafür verantwortlich ist, bei Fahrtantritt sicher zu stehen. "Es ist allein Sache des Fahrgastes, für einen sicheren Halt zu sorgen und so eine Sturzgefahr zu vermeiden", heißt es etwa in einem Urteil des Oberlandesgerichtes München zu einem Sturz in einem Ingolstädter Linienbus.

Es gibt aber eine Ausnahme: Wenn Fahrgäste erkennbar in ihrer Fähigkeit eingeschränkt sind, selbstständig einen Halt zu finden, etwa aufgrund einer Behinderung, müssen sich die Fahrer der Busse oder Trams vor dem Anfahren vergewissern, dass diese Fahrgäste sicher Platz oder Halt gefunden haben.

Zum Schulstart ging es morgens in den Straßenbahnen sehr eng zu – Stürze dürften da wohl selten vorkommen.
Bild: Annette Zoepf (Archivfoto)

Dass Fahrgäste in Augsburg in Straßenbahnen oder Bussen stürzen, kommt nach Angaben der Stadtwerke nicht allzu oft vor. Die Stadtwerke haben nach Auskunft von Sprecher Jürgen Fergg für 2019 insgesamt 271 "Vorkommnisse mit Fahrgastunfällen" notiert, was aber auch viele Kleinigkeiten umfasse, etwa wenn ein Fahrgast sich beim Rausgehen den Kopf anstößt.

62 Millionen Passagiere nutzen Busse und Trams in Augsburg jedes Jahr

Bei um die 62 Millionen Passagieren, die zuletzt pro Jahr Busse und Trams der Stadtwerke nutzten, eine überschaubare Zahl. Und "dass etwas Gravierendes passiert, ist selten", versichert Fergg. In den vergangenen Jahren ereigneten sich im Großraum Augsburg jeweils um die 60 Verkehrsunfälle, bei denen eine Straßenbahn beteiligt war. Bei der überwiegenden Mehrheit dieser Fälle geht die Polizei davon aus, dass nicht der Fahrer der Tram den jeweiligen Unfall verursachte.

In einer neuen Folge unseres Podcasts "Augsburg, meine Stadt" sprechen wir mit einem Ex-Gefängnischef über den Sinn und Unsinn von Gefängnissen. Hier können Sie sich die gut einstündige Folge anhören:

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17.09.2020

Ich finde das ganze ist keine Posse. Als Klägerin würde ich in Revision gehen und gegen die AGBs vom AVV klagen. Der AVV nimmt billigend ein Verletzungsrisiko seiner Kunden in Kauf, indem er sie zwingt, im Fahrzeug mit dem Fahrschein zu hantieren, anstatt sofort Halt zu suchen. Von keinem Kunden sind telepatische Fähigkeiten zu erwarten, in das Gehirn des Fahrers zu schauen und rechtzeitig gewarnt zu sein, wann dieser beschleunigen wird.
Wegen dem erhöhtem Verletzungsrisiko ist das Stempeln absolut servicefeindlich. Weil man nicht alle Kunden dazu zwingen kann, ein Handy- Ticket zu kaufen, muss es möglich sein, vor dem Betreten des Fahrzeugs einen gültig entwerten Fahrschein in Papierform zu haben. Die Streifenkarte gehört als Relikt aus dem letzten Jahrtausend endlich abgeschafft und durch Einzelfahrscheine ersetzt, die gegenüber den Streifen keinen Preisaufschlag haben. Dann können die Entwerter endlich abmontiert werden und die Unterhaltskosten für diese Stempelautomaten fallen auch weg.
Irgendwann einmal wird man wieder beim Fahrer einen Fahrschein kaufen können und diese Maßnahme wäre umsetzbar.

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