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Augsburg

18.02.2018

Frau wollte Mann werden: "Ich erkenne mich im Spiegel nicht mehr"

Ulli M. wollte keine Frau mehr sein. Sie entschloss sich zu einer Hormonbehandlung, die auch funktioniert. Doch glücklich ist Ulli M. nicht.
Bild: Silvio Wyszengrad

Ulli M. wollte keine Frau mehr sein und entschied sich für eine Hormonbehandlung. Ihre Stimme ist tiefer geworden, sie hat jetzt einen Bart, doch glücklich ist sie nicht.

Wenn Ulli M.* jetzt in den Spiegel schaut, erkennt sie sich nicht mehr, sagt sie. Sie? Oder er? Genau das ist das Problem. Die 34-jährige Augsburgerin ist zwar als Frau geboren. Doch der weibliche Körper war ihr schon immer fremd. Vor rund einem Jahr entschloss sich die Mutter einer Tochter, ein Mann zu werden. Die Entscheidung hatte sie sich nicht leicht gemacht. Auf dem mühsamen Weg zum Mann hat sie schon einiges geschafft. Doch jetzt zieht sie die Notbremse.

Als wir Ulli M. im April vergangenen Jahres für die erste Geschichte trafen, hatte die Frau mit dem Kurzhaarschnitt, den vielen Piercings und Tätowierungen noch eine helle Stimme und ein zarteres Gesicht. Die vierjährige Tocher Mara* lebte noch bei ihr und dem Lebensgefährten. Jetzt, fast ein Jahr später, hat M. eine monatelange Hormonbehandlung mit vielen gesundheitlichen Beschwerden hinter sich. Sie gleicht einem jungen Mann. Die Stimme ist tiefer. Auf Armen, Beinen und im Gesicht wachsen Haare, die sie regelmäßig entfernt. Das Körperfett verlagert sich jetzt mehr am Bauch als an den Hüften. Im Ausweis, auf der Bank- und Versichertenkarte wird M. inzwischen als Mann geführt. Die so sehnlich herbeigewünschte Personenstandsänderung hat also geklappt. „Eigentlich müsste ich jetzt glücklich und zufrieden sein“, sagt Ulli M. Eigentlich. Sie ist es nicht.

„Da schaut mich ein Fremder an“

„Ich kenne den Menschen im Spiegel nicht mehr. Das bin nicht ich. Da schaut mich ein Fremder an“, versucht sie zu erklären, was in ihrem Inneren vor sich geht. Auch den Tag, an dem ihr Personenstand offiziell in männlich geändert wurde, hatte sie sich komplett anders vorgestellt. „Aber ich bin aus dem Gericht raus und merkte, ich freue mich gar nicht, wie es Transmenschen in so einem Fall tun.“ Richtig enttäuscht sei sie da von sich gewesen. Weitere Erfahrungen im Alltag machen ihr deutlich, dass sie sich als Mann unwohl fühlt. Etwa wenn Ulli M. sich nach dem Sport in der Herrenumkleide fehl am Platz vorkommt. Diese Unsicherheit, ob sie auf die Herren- oder Frauentoilette gehen soll. Inzwischen wählt sie wieder das Damen-WC. Ihre eigenen Reaktionen überraschen die Rettungssanitäterin. Während der Hormontherapie ging sie davon aus, endlich im richtigen Geschlecht anzukommen. Doch Fehlanzeige. „Ich muss ehrlich zu mir sein“, sagt sie. „Mir ist bewusst geworden: Ich brauche die Hormone nicht, um der zu sein, der ich bin.“ Der? Also doch ein Mann?

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„Nein“, sagt Ulli M und erklärt: „Der für der Mensch. Ich sehe mich weder als eine Frau noch als ein Mann. Ich bin ein Mensch.“ Das habe nichts mit einer Identitätskrise zu tun, betont die Augsburgerin. „Ich bin nun einmal ein nonbinäres Geschlecht. Das habe ich nun herausgefunden.“ Die Hormonbehandlung brach sie jetzt ab. Sie will wieder die alte Ulli M. werden. „Ich bin froh, dass ich keine Geschlechtsumwandlung habe machen lassen.“ Nur die Brüste, davon ist sie weiterhin überzeugt, die müssen weg. Die waren ihr schon immer zuwider.

Die Therapie wird verlängert

Bereits im Alter von neun Jahren hatte sie ihrer Mutter verkündet: „Wenn ich mal Brüste bekomme, schneide ich sie ab.“ Die Personenstandsänderung will M. rückgängig machen. „Ich bin genetisch gesehen eine Frau. Das werde ich auch immer bleiben.“ Für die 34-Jährige bedeutet die Umkehr, dass sie ihre Therapie beim Psychologen verlängern muss. Er begleitet sie schon seit Monaten. „Ich muss dem Gericht zwei unabhängige psychologische Gutachten vorlegen, damit die Personenstandsänderung rückgängig gemacht werden kann.“ Das wird sicherlich klappen. Doch privat steht Ulli M. vor großen Problemen.

Die Tochter lebt längst beim leiblichen Vater. „Er bot an, Mara zu sich zu nehmen, bis sie in die Schule kommt, damit ich mich auf mich konzentrieren kann“, erzählt sie. Ihr Therapeut, mit dem sie alle Schritte bespricht, habe das begrüßt. Leicht sei ihr diese Entscheidung nicht gefallen. Die kleine Mara besuchte ab da regelmäßig ihre Mutter. Bis sie die Veränderungen an Ulli M. merkte. „Irgendwann fragte sie mich, warum ich plötzlich Haare im Gesicht und eine so tiefe Stimme habe.“ Ulli M. habe versucht, es ihrer Tochter so kindgerecht wie möglich zu erklären. Aber die Vierjährige war verwirrt. „Plötzlich wollte sie nicht mehr zu mir und meinem Lebensgefährten kommen.“

Ihrem Vater vertraute das Kind an, es habe keine Mama mehr. Ulli M. hat das schwer getroffen. Dann kam der nächste Schlag: Der Lebensgefährte, mit dem sie zusammen eine Wohnung hat, trennte sich. Für M. kam das überraschend. Er hatte sie bislang immer unterstützte, sagt sie. „Aber er kam nicht damit klar, sich an der Seite eines Mannes in der Öffentlichkeit zu zeigen. Er will nicht als schwuler Mann gelten.“ Privat steht Ulli M. derzeit vor einem Scherbenhaufen. Aber sie sagt, sie musste diesen schweren Weg gehen. Jetzt habe sie Klarheit. Doch die Scherben liegen da. Es wird noch dauern bis Ulli M. in ihrem neuen, ihrem richtigen Leben ankommt. (*Name geändert)

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