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Engagement

17.09.2011

Frieden will gelernt sein

Seit 1998 engagieren sich Annette und Reinhard Erös in Afghanistan. Bildung steht für sie ganz vorn, wenn es um die Stabilisierung des zerrütteten Landes geht.

Schüler des Holbein-Gymnasiums haben die „Kinderhilfe Afghanistan“ mit einem Spendenlauf unterstützt. Jetzt erzählte ihnen Annette Erös, wie die Stiftung den Mädchen und Buben vor Ort hilft

Der Raum ist abgedunkelt. Auf der Leinwand sitzt ein Großvater mit seinem Enkel. Durch das Lachen des Alten kann man ein paar Zahnlücken sehen, auch der Kleine strahlt über das ganze Gesicht. Gemeinsam umschließen die vier Hände zwei unscheinbare graue Gegenstände. Was die beiden so stolz macht: Sie fühlen sich sicher, weil sie zwei Handgranaten halten.

„Das sind keine bösen Menschen“, sagt Annette Erös. „Sie kennen nur seit 30 Jahren nichts anderes als den Krieg.“ Die sonst recht aufgeweckten Siebtklässler im Saal des Pfarrheims von St. Ulrich sind verstummt. In der letzten Stunde haben die Schüler viele erschütternde Bilder aus Afghanistan gesehen. Annette Erös von der „Kinderhilfe Afghanistan“ hat ihnen das Land und seine Leute vorgestellt, mit ihren Eigenarten und Denkweisen. Jetzt ist sie beim Kern des Vortrags angelangt: „Dieser kleine Junge hat keinen Hebel im Kopf, mit dem er den Krieg ausschaltet. Er muss Frieden erst lernen.“ Wem etwas so Komplexes vermittelt werden soll, der muss zuerst die Grundlagen können: Lesen und Schreiben.

Deshalb haben Annette Erös und ihr Mann 1998 die erste sogenannte Friedensschule in dem durch Krieg zerrütteten Land gebaut. Die Familie kennt das Land seit über 20 Jahren. Während des Krieges gegen die Sowjetunion arbeitete Reinhard Erös als Arzt in Afghanistan. Nach drei Jahren kam die Familie zurück nach Deutschland, doch das Land und sein Leid ließen sie nie los. Mittlerweile besuchen 55000 Schüler, vor allem Mädchen, die Schulen der von Familie Erös gegründeten Stiftung „Kinderhilfe Afghanistan“.

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„Die Kinder in Afghanistan sind den ganzen Tag damit beschäftigt, zu überleben“, erklärt Erös den Schülern und zeigt ein kleines Mädchen, dass gerade die drei Kilometer zur Wasserstelle zurücklegt. Auch die Holbein-Gymnasiasten sind gelaufen, ohne Wasser, dafür mit viel Motivation. Bei einem Spendenlauf im Juni haben sie bei strömendem Regen 2400 Euro für die Stiftung erkämpft. Heute sehen sie, was mit dem Geld passieren wird.

Eine Bibliothek in einer Mädchenoberschule könnte damit eingerichtet werden. „Die Mädchen stürzen sich auf die Bücher“, sagt Erös. Die Afghanen seien sehr wissbegierig und entgegen der Klischees ist ein afghanischer Vater stolz, wenn seine Tochter in die Schule geht und lernt. So kann ein positiver Kreislauf in Gang gesetzt werden: Gebildete Frauen bekommen weniger Kinder. Das starke Bevölkerungswachstum im Land wird gestoppt, die Kinder können unter besseren Voraussetzungen aufwachsen, selbst zur Schule gehen – Frieden lernen. Annette Erös sieht diese Form der Entwicklungshilfe ganz pragmatisch: „Der Schulabschluss eines Mädchens ist viel billiger als ein deutscher Soldat.“

Grundsätzlich fordert die Familie Erös: Alle Soldaten raus aus Afghanistan. „Für die Afghanen gibt es nichts Schlimmeres, als die Zeppeline, die ihre Städte filmen“, erzählt Erös „Es liegt in der Natur der Leute, dass sie sich nicht hereinreden lassen.“ Deshalb könne ihnen der Frieden auch nicht gebracht werden, sie müssen ihn selber aufbauen. Dabei unterstützen die Schüler des Holbein-Gymnasiums und die Kindernothilfe Afghanistan das Land mit ihren eigenen Waffen. Am Eingang jeder der 28 Friedensschulen steht das Mohammed-Zitat: „Die Tinte der Schüler ist heiliger als das Blut der Märtyrer.“

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