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Augsburg

22.03.2019

Fünffach-Mord vor 15 Jahren: Wer den Tatort sah, vergisst die Bilder nicht

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3 Bilder
Sie leiten damals die Ermittlungen: Der ehemalige Kripo-Chef Klaus Bayerl (Mitte) und Helmut Sporer, der Leiter des Kommissariats 1 (rechts).
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Als die Mordermittler am 22. März 2004 die erste Meldung hören, können sie es kaum glauben. In einem Haus in Augsburg liegen fünf Leichen. Der Täter hinterlässt Fragen.

Eine schmale Straße, gesäumt von Bäumen, Mietshäusern und kleinen Reihenhäusern. Die meisten kennen sich hier, Nachbarn grüßen sich. Es ist eine Straße, wie man sie in vielen Augsburger Stadtteilen findet. Ein Stück Idylle in der Großstadt. Eine Straße wie jeder andere ist die Hirschstraße im Bärenkeller aber nicht. Das Leben ist weitergegangen nach jenem 22. März 2004. Manche, die erst danach hergezogen sind, wissen nicht, was damals hier geschehen ist. Und trotzdem wirft das Verbrechen, so scheint es, noch immer einen Schatten auf die Straße.

Der CSU-Stadtrat Günter Göttling lebt damals wie heute in der Hirschstraße, wenige Häuser vom Tatort entfernt. Im Jahr 2004 ist er noch nicht pensioniert. Er arbeitet als Polizist. Als er am Nachmittag des 22. März vom Dienst in der Direktion nach Hause kommt, ist ein Teil der Straße mit rot-weißem Band abgesperrt. Ein großes Polizeiaufgebot ist da, Kamerateams filmen ein unscheinbares Reihenhaus. Göttling geht zu den Kollegen. Er erfährt von einem grausamen Verbrechen, das in dieser Dimension einmalig ist in der Augsburger Nachkriegszeit. In dem Reihenhaus liegen, in verschiedenen Zimmern, fünf Leichen.

Die Opfer sind vom Täter schlimm zugerichtet worden

Der Täter hat seine Opfer mit einem Messer getötet. Sie sind teils so zugerichtet, dass es zunächst nicht einfach ist, sie zu identifizieren. Weil Göttling als Nachbar die Bewohner des Hauses kennt, bitten ihn die Kollegen, einen Blick auf die Leichen zu werfen. Deshalb gehört er zu jenen, die den Tatort des Fünffach-Mordes mit eigenen Augen gesehen haben. „Es war ein schlimmer Anblick“, sagt er.

Was sich genau in dem Reihenhaus abgespielt hat, konnte nie komplett aufgeklärt werden. Doch aus dem, was die Kriminalpolizei ermittelt hat, ergibt sich dennoch ein schlüssiges Bild von einem blutigen Familiendrama. Demnach ist es der Ex-Soldat Ali G., 37, der für die Bluttat verantwortlich ist. Die Opfer sind: Seine Frau Aylin, 29, die mit ihm in zweiter Ehe verheiratet ist und deren Tochter aus erster Ehe, die siebenjährige Ela. Außerdem ermordet er die 53-jährige Mutter seiner Frau, deren Bruder, 25, sowie einen Freund des Bruders, 26.

Große Trauer: Vier der fünf Opfer werden wenige Tage nach dem Mord in der Türkei beigesetzt.
Bild: Ihlas Haber Ajansi, dpa

Vier Leichen finden die Ermittler in ihren Betten. Ali G. hat sie offensichtlich alle im Schlaf überrascht und auf sie eingestochen. Seine Frau Aylin aber hat er im Keller mit Klebeband an einen Stuhl gebunden. Er hat sie dort gefoltert und dann ebenfalls mit einem Messer getötet. Ein Ermittler spricht damals von einem „Gemetzel“. Die Tat muss sich in den frühen Morgenstunden des 22. März, einem Montag, abgespielt haben. Bemerkt wird sie mittags, gegen 13.30 Uhr. Ein Bekannter der Familie klingelt, doch keiner öffnet. Weil er einen Schlüssel hat, geht er ins Haus und stößt auf die Leichen. Er ruft die Polizei.

Helmut Sporer leitet das Kommissariat 1 der Kripo. Seine Beamten sind zuständig für Kapitalverbrechen. Er erinnert sich, dass er die erste Meldung, die ihn erreichte, fast nicht glauben wollte. Fünf Leichen in einem Haus? Doch dann sieht er es selbst. In einem weißen Anzug, um keine Spuren zu zerstören, schaut er sich den Tatort an.

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Bild: Marcus Merk

Ein Augsburger Mordermittler sagt: Es ging nur um wenige Stunden

Es dauert nicht lange, bis die Mordermittler sich sicher sind, wer der Täter ist. Noch am selben Tag wird Ali G. zur Fahndung ausgeschrieben. Doch er entkommt. „Es ging nur um wenige Stunden“, sagt Helmut Sporer heute. Wenige Stunden, die darüber entscheiden, dass die deutsche Justiz den fünffachen Mörder nicht zur Rechenschaft ziehen kann. Es gelingt Ali G., sich in die Türkei abzusetzen. Er lässt sich nach der Tat von seinem Bruder zum Münchner Flughafen fahren. Dem Bruder erzählt er offenbar eine Geschichte von Skinheads, die es auf ihn abgesehen hatten. Er kauft am Flughafen ein Ticket und taucht in der türkischen Stadt Adana unter, wo er und seine ermordete Frau viele Verwandte haben.

Dramatische Szenen: Bei seiner Festnahme in der türkischen Stadt Adana droht Ali G. damit, sich zu erschießen.

In Adana werden wenige Tage nach dem Mord vier der fünf Opfer beigesetzt. Und dort wird Ali G. am 27. März 2004 auch entdeckt, als er in eine Apotheke geht. Es folgt eine dramatische Festnahme vor den Augen von mehreren Hundert Schaulustigen. Ali G. hält sich eine Pistole an den Kopf und droht, sich zu töten. Nach rund eineinhalb Stunden wird er von Polizisten überwältigt.

Zu einem Prozess kommt es aber nie. Am 7. Juni 2004 begeht Ali G. in der Haft Selbstmord. Die türkische Justiz teilt damals mit, er habe sich mit einer Rasierklinge die Halsschlagader aufgeschlitzt. Es machen auch Gerüchte die Runde, er könne umgebracht worden sein. An diese Gerüchte glaubt der Augsburger Rechtsanwalt Ralf Schönauer nicht. Er vertritt damals die Angehörigen der Ermordeten. „Aus meiner Sicht spricht alles dafür, dass es ein Suizid war“, sagt Ralf Schönauer. Die Verantwortlichen im Gefängnis hätten es Ali G. aber einfach gemacht, in dem sie ihm Zugang zu Rasierklingen ermöglichten.

Ein Bild aus besseren Tagen: Der spätere Mörder Ali G. und seine Frau Aylin.

Mit seiner Selbsttötung hat Ali G. die Antworten auf viele Fragen mit ins Grab genommen. Fragen nach dem Motiv, die ihm die Augsburger Ermittler gerne gestellt hätten. So können sie sich das Motiv nur aus vielen Puzzleteilen zusammen setzten. Der Kripo-Chef Klaus Bayerl sagt damals, die Ehepartner seien zwar beide türkischstämmig gewesen, aber ihr kultureller Hintergrund sehr unterschiedlich. Er, der streng erzogene, konservative Mann aus dem Südosten der Türkei. Sie, in Deutschland aufgewachsen, modern, lebensfroh und berufstätig als Angestellte im Berufbildungszentrum. Das passte offenkundig nicht. Nach nur knapp einem Jahr Ehe stand schon die Trennung an.

Woher kam die enorme Brutalität des Täters?

Die enorme Brutalität, mutmaßt der Kripo-Chef, lasse sich vielleicht mit der speziellen Militärausbildung G.s und dessen Einsätzen gegen die kurdische PKK erklären. Und es ging Ali G. wohl auch um Geld. Rund 50.000 Euro soll er aus einem Tresor genommen haben. Aylin und ihre Familie wollten das Geld in einem Dönerstand investieren.

Das Haus, in dem der Mord geschah, wurde danach verkauft. Zu einem niedrigen Preis, wie man sich in der Nachbarschaft erzählt. Ein Spezialfirma reinigte die Zimmer, in denen überall Blut war. Neue Bewohner zogen ein. Das Leben ist weitergegangen in der Hirschstraße. Doch der Schatten, er bleibt.

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22.03.2019

Herr Heinzle, wozu und wofür dieser Artikel? Und das auch noch an bester Position.
Vermutlich morgen in der Printausgabe auch zu lesen.
Soll jetzt eine seichte Serie von Kriminalfällen gestartet werden? Und dazu immer einen prominenten (meist rechtslastigen) Zeitzeugen prominent im Artikel unterbringen?
Ob's den Hinterbliebenen gefällt?

So wie hier dem damaligen Republikaner-Stadtrat (vielleicht war er auch schon kurz vorher zur CSU gewechselt) eine Plattform geboten wird.

Es gibt wahrlich Wichtigeres und journalistisch Anspruchsvolleres - denke ich!

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