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Augsburger Geschichte

30.08.2017

Fuggerei-Wohnungen wirkten 1947 großzügig

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4 Bilder
So sah eine Häuserzeile in der Hinteren Gasse der Fuggerei nach dem Bombenangriff vom 25./26. Februar 1944 aus.
Bild: Stadtarchiv

Vor genau 70 Jahren wurden die ersten wiederaufgebauten Häuser  der Sozialsiedlung eingeweiht. Zwei Drittel der Fuggerei waren im Krieg zerstört worden.

Eine Fotoserie des 1975 verstorbenen Fotografen Karl Lischer überliefert ein festliches Ereignis vor 70 Jahren in der Fuggerei. Er klebte acht Aufnahmen in ein Album „Augsburg – Lokale Vorgänge neuerer Zeit“. Es ist das Album Nr. VII einer Bilddokumentation aus dem ersten Nachkriegsjahrzehnt in Augsburg. Die Beschriftung und die Datierung jedes Fotos machen diese Alben zu einer einmaligen Informationsquelle.

„Einweihung der neuen Häuser in der Fuggerei am 4. September 1947. Festakt in der Herrengasse, Eingang von der Jakoberstraße“, schrieb Karl Lischer zum ersten Bild der Aufnahmenserie. Auf drei Stuhlreihen haben die „prominenten Gäste der Festversammlung, Vertreter der Stadt, Fürst und Fürstin Fugger usw.“ (so die Beschriftung) bei der Ansprache des fürstlichen Archivars Freiherr von Pölnitz Platz genommen. Dahinter stehen „aufmerksame Zuhörer aus der Einwohnerschaft“, erläutert der Fotograf ein weiteres Bild.

Architekt machte Häuser wieder bewohnbar

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Als erfahrener Bildberichterstatter für Zeitungen postierte er sich in einem Hausflur und fotografierte „Bischof Josef Kumpfmüller mit Sekretär Msgr. Kunstmann und Stadtpfarrer Achter von St. Max“ bei der Segnung eines wiederaufgebauten Hauses. An diesem denkwürdigen Ereignis in der jüngeren Geschichte der Fuggerei nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg nahm auch der beim Wiederaufbau federführende Architekt Freiherr Raimund von Doblhoff teil. Er beschrieb 1951 die bis dahin erfolgten Arbeiten in der Fuggerei, fügte Pläne, Zeichnungen und Fotos ein. Der aus Wien stammende Architekt war vom Seniorat der Fugger’schen Stiftungen beauftragt worden, die zerstörten und beschädigten Häuser der Fuggerei wieder bewohnbar zu machen.

Der feinfühlige Architekt aus einer bekannten österreichischen Adelsfamilie äußerte höchste Anerkennung für die Maurermeister, die Jakob Fugger zum Bau der Fuggerei engagiert hatte. „Altes Bauen wird gerne mit Romantik und Poesie betrachtet. Die Fuggerei ist aber aus ganz nüchternen und sachlichen Prinzipien heraus errichtet, deren Verständnis und Anwendung für das moderne Bauen so viel bedeuten könnte“, schrieb er 1951.

Die Typisierung der Häuser in der Fuggerei sei mehr als 400 Jahre nach ihrer Errichtung nicht zu verbessern. Die vorgegebenen Maße seien nicht stur, sondern variabel je nach Bedarf gehandhabt worden. Die Größe der Räume, ihre Anordnung, die Belichtung und Belüftung – alles sei Haus für Haus wohl durchdacht, stellte Raimund von Doblhoff fest.

WC statt Plumpsklo

Er machte nach 1945 die Fuggerei wieder bewohnbar, und zwar den technischen Standards und den Wohnansprüchen der Nachkriegsepoche entsprechend. Die ursprünglich niedrigen Türen seien für die im 16. Jahrhundert kleineren Menschen konzipiert gewesen, nicht für die im Durchschnitt viel größeren des 20. Jahrhunderts. Nur in der Museumswohnung sind sie noch wie früher. Der offene Kamin in der Küche sei längst durch den Gasherd abgelöst, und das WC habe das Plumpsklo ersetzt. „Die Fuggerei hat im Laufe der Jahrhunderte nicht starr ihr Gesicht gewahrt, sondern war stets dem Fortschritt der Zeit angepasst worden“, formulierte der Architekt seine Erkenntnisse. Er setze diesen Wandel nur fort.

Die gleiche Dachneigung in der gesamten Fuggerei blieb beim Wiederaufbau gewahrt, die neuen Holzfenster ließ der Architekt als Doppelfenster stilgerecht anpassen. Die wegen des hohen Grundwasserstandes kellerlosen Häuser bekamen eine Isolierung gegen aufsteigende Nässe und jede Wohnung ein kleines Bad. Alle Räume wurden beheizbar, alle Leitungen verschwanden unter Putz. Wandschränke in Nischen halfen dabei, den Wohnraum zu vergrößern.

„Die neuen Wohnungen entsprechen den Lebensansprüchen heutiger Neubauten“, beschrieb Architekt Raimund von Doblhoff die „neue“ Fuggerei. Die Wohnungsgröße sei relativ üppig, stellte er 1951 fest. Der Grund: „Die Fläche, die man anno 1519 armen Familien zubilligte, ist größer als die heutige Norm!“ Bei aller Modernisierung achtete er darauf, die heimelige Atmosphäre der Fuggerei-Wohnungen zu erhalten.

Harmonische Bauoptik

Der kritische Filmemacher Dieter Wieland schwärmt in seinem 1985 gedrehten Dokumentarfilm „Die Fuggerei“ darüber und lobt den Wiederaufbau-Architekten für dessen Einfühlungsvermögen in das Alte. Selbst die Nachkriegserweiterung der Fuggerei durch die „Neue Gasse“ ist für Besucher architektonisch nicht erkennbar. Auch die 1944 zerstörte Fuggerei-Kirche St. Markus erhielt im Äußeren wieder ihr altes Gesicht, die neu erstandenen Senioratsgebäude ergänzen die harmonische Bauoptik.

Der Einweihungsfeier vor 70 Jahren für die ersten wiederaufgebauten Fuggerei-Häuser folgte noch eine lange Bau- und Renovierungszeit. An den Bombenkrieg und seine Folgen wird eindrücklich im einstigen Luftschutzbunker in der Fuggerei erinnert. Er ist seit 2008 ein einzigartiges Museum.

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