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Augsburg

30.09.2020

Fujitsu schließt Werk in Augsburg: Corona macht Abschied noch schwerer

Die Hallen des Fujitsu-Werks in Augsburg wurden besenrein gemacht und stehen zum Verkauf.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Nach 34 Jahren endet die Computerproduktion in Augsburg, Fujitsu schließt am Mittwoch sein Werk. Ohne viele Worte oder letzte Begegnungen - wegen Corona.

Wie es sich anfühlen wird, wenn sie am Mittwoch das letzte Mal durch das Drehkreuz des Fujitsu-Werks in Augsburg gehen wird, weiß Elisabeth Schabert nicht. Aber wie dieser Tag ablaufen soll schon: "Ich habe mir keine Termine mehr gelegt und will am Abend, wenn ich nach Hause komme, nicht alleine sein", sagt die Betriebsrätin. Nach 16 Jahren verabschiedet sie sich am Mittwoch mit ungewisser Zukunft von ihrem Arbeitgeber Fujitsu, der zum 30. September seinen Standort in Augsburg für immer schließt.

Bekannt wurde die Schließung vor rund zwei Jahren - am 26. Oktober 2018. Seither hat das Unternehmen in vier Austrittswellen die Arbeitsplätze Stück für Stück abgebaut, Werkshallen wurden ausgeräumt und Inventar versteigert. Am Mittwoch nun scheiden mit der "fünften Welle" die letzten rund 270 Mitarbeiter aus dem Unternehmen aus. In ihre Büros oder in die Produktionshalle kamen sie zuletzt aber kaum noch. Gut 20 bis 30 Kollegen, sagt Standortleiter Uwe Romppel, waren in den letzten Tagen und Wochen noch vor Ort. Andere hätten noch Überstunden oder Urlaub abgebaut oder seien wegen Corona im Homeoffice gewesen. "Zuletzt war das hier eine seelenlose Ansammlung von Gebäuden", resümiert Romppel.

Der Fujitsu-Standort Augsburg wird geschlossen. Was bleibt, sind leere Hallen.
Bild: Michael Hochgemuth

Fujitsu in Augsburg: Die letzten Mitarbeiter wollen gemeinsam Essen gehen

Das Coronavirus habe seinen Beitrag dazu geleistet, dass der Abschied von Kollegen und Werk viel schneller ging, als es manchem lieb war. "Plötzlich kam die Pandemie und fast alle waren zu Hause", schildert Romppel die Situation. Eine Tatsache, die Betriebsrätin Elisabeth Schabert zu schaffen macht: "Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten persönlich Abschied nehmen können. Für manchen wäre das vielleicht auch hilfreich gewesen, um mit der Sache abzuschließen." Jetzt wollen sich einige Kollegen wohl am Mittwoch ein letztes Mal auf dem Werksgelände treffen, ihre Ausweise abgeben oder noch persönliche Dinge abholen und danach - soweit es die Corona-Regeln zulassen - gemeinsam Essen gehen.

Nach 34 Jahren endet damit die Produktion von Computern in Augsburg. Dabei erlebte der Standort einen ständigen Wandel. Stiegen Mitarbeiter 1986 noch bei Siemens ein, wurde daraus wenige Jahre später Siemens Nixdorf (ab 1990). Im Jahr 1999 entstand schließlich das Joint Venture Fujitsu Siemens Computers und 2009 übernahm Fujitsu die Siemens-Anteile - es entstand die Fujitsu Technology Solutions GmbH, deren Standort in Augsburg jetzt geschlossen worden ist.

Elisabeth Schabert war Betriebsrätin bei Fujitsu in Augsburg. Nach 16 Jahren scheidet sie nun aus dem Unternehmen aus.
Bild: Michael Hochgemuth

Digitalisierung hätte Fujitsu-Werk Augsburg nicht geholfen

Als letztes Computer-Werk in Europa wehrte sich der Standort lange gegen eine Schließung, am Ende war sie nicht mehr abzuwenden, auch wenn manche Kritiker das nach wie vor anders sehen. Doch Uwe Romppel sagt: "Die Konzernentscheidung, die Aufgaben weltweit zu zentralisieren ist – unter anderem aufgrund des harten Preiskampfs in der Branche – nachvollziehbar." Auch die Digitalisierungswelle im Zusammenhang mit der Corona-Krise hätte dem Werk keinen Aufschwung verliehen. Im Gegenteil, ist er überzeugt. "Hier am Standort Augsburg haben wir vor allem Desktop-Geräte gebaut. Gefragt sind jetzt aber mobile Geräte wie Laptops oder Tablets. Hätte das Werk weiter bestanden, hätten wir es vermutlich sogar mit einem Auslastungsrückgang zu tun bekommen", so der IT-Experte.

Was Corona aber auch gezeigt hat, ist, dass Serviceleistungen von der Kaufberatung, über das Thema Sicherheit bis hin zu Wartung stark nachgefragt werden. Dieses Angebot wird Fujitsu auch weiterhin in Augsburg anbieten. Im Toni-Park hat das japanische Unternehmen Räume gemietet und wird etwa 350 der einst 1500 Augsburger Mitarbeiter dort weiter beschäftigen. Unter anderem in den Bereichen IT-Dienstleistungen und technischer Kundendienst.

Arbeitsmarkt in Augsburg ist weniger aufnahmefähig als vor Corona

Und was passiert mit den übrigen Beschäftigten? Rund 120 können bei einem Gemeinschaftsunternehmen von Fujitsu und Lenovo, der Fujitsu Client Computing Limited (FCCL), mit einem neuem Entwicklungsstandort in Augsburg unterkommen. Andere konnten beim Augsburger IT-Spezialisten Kontron - er hat die Industrie-Mainboard-Sparte aus Augsburg gekauft - beruflich neue Wege gehen. Weitere Mitarbeiter sind - auch dank der Jobbörsen, die extra für die Fujitsu-Beschäftigten veranstaltet worden sind - anderweitig fündig geworden.

Für rund 600 Beschäftigte führt der Weg in die Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft, die ihnen Zeit verschafft, sich neu zu orientieren. Denn Corona hat nicht nur den Abschied erschwert, sondern auch die Jobsuche, wie Betriebsrätin Elisabeth Schabert selbst erfahren musste. "Ich hatte schon was ziemlich sicher in Aussicht, aber wegen Corona gibt es dort jetzt einen Einstellungsstopp. Jetzt muss ich weiter suchen."

Uwe Romppel begleitete als Standortleiter die Werksschließung von Fujitsu in Augsburg.
Bild: Michael Hochgemuth

Mut macht ihr und den Kollegen Roland Fürst, der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Augsburg. "Während des Lockdowns war es tatsächlich schwieriger, die Beschäftigten zu vermitteln. Aber wir merken, die Wirtschaft zieht wieder an, es tun sich neue Perspektiven auf", sagt der Arbeitsmarktexperte. Für vor allem un- oder angelernten Kräfte würde die Beschäftigungsgesellschaft nun auch die Chance für eine Weiterqualifizierung bieten und so die Vermittlungschancen steigern. Dies müsse man nutzen.

Standortabwicklung bei Fujitsu in Augsburg wird positiv bewertet

Insgesamt blickt Fürst trotz allem positiv auf die Abwicklung des Unternehmens zurück. Unter den gegebenen Umständen habe man das Bestmögliche erreicht und doch einigen Mitarbeitern eine berufliche Zukunft ermöglichen können. Das ist ein Punkt, der auch Standortleiter Uwe Romppel erleichtert. "Mir war von Beginn an wichtig, dass wir die unvermeidliche Schließung mit Anstand zu Ende bringen und mit größtmöglicher Rücksicht auf die Mitarbeiter agieren." Er meint: "Ich denke, das ist uns am Ende auch gelungen."

Romppel verbindet das auch mit einem Dank an die Mitarbeiter. "Sie waren bis zum Schluss pflichtbewusst und haben im letzten Quartal 2019 Überstunden inklusive Samstagsarbeit geleistet, um alle Aufträge abzuarbeiten. Auch die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat war konstruktiv." Das sieht auch Elisabeth Schabert so. "Am Ende haben wir das Beste aus der Lage gemacht. Gemeinsam." Das erleichtere den Abschied ein wenig. Auch nach 16 Jahren.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann

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