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Augsburger Zeiten

13.06.2018

Gartenstadt Spickel entstand aus Wohnungsnot

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Das Holzhaus Waldfriedenstraße 23 war das erste beziehbare Wohnhaus der „Gartenstadt Augsburg-Spickel“.

Es gab Pläne für einen neuen Stadtteil mit 7000 Bewohnern. Am 15. Juni 1918 wurde die Gründung der Spickel-Baugenossenschaft beschlossen.

Ein Jahrhundert zurückgeblendet: Der Erste Weltkrieg war 1918 in seiner Endphase. Während an den Fronten noch die Kämpfe tobten, wurde in Augsburg bereits für die Nachkriegszeit geplant: Architekten, Stadtbaurat Holzer und Führungskräfte in der städtischen Verwaltung wollten die Wohnungsnot nicht mehr hinnehmen und wurden aktiv. Der Leiter des städtischen Wohnungsamtes, Architekt Josef Weidenbacher, war täglich mit der Wohnraum-Problematik konfrontiert und machte sich zum Motor einer „Mittelstands-Baugenossenschaft“.

Die Initialzündung zum Bau der „Gartenstadt Augsburg-Spickel“ jährt sich morgen zum 100. Mal: Am 15. Juni 1918 stellten die Planer im Café Schachameyer in der Annastraße ihre Ideen vor. Rund 100 Interessenten und Vertreter der Stadtverwaltung wählten einen Ausschuss zur Gründung einer gemeinnützigen Baugenossenschaft für eine „Gartenstadt“. „Ein Häuschen mit Garten“ sei der Wunschtraum aller Versammlungsteilnehmer, heißt es in einem Bericht.

Das Komitee arbeitete Vorschläge zur Verwirklichung aus. Eine Baugenossenschaft für Beamte und Angestellte solle auf großteils städtischem Grund zwischen Friedberger Straße, Spickelstraße, Siebentischwald und Siebentischstraße die „Gartenstadt Augsburg-Spickel“ errichten – eine „Siedlung für den Mittelstand“ mit gehobenen Standards. Um einer „Gartenstadt“ gerecht zu werden, dürften nur etwa 15 Prozent des Grundes überbaut werden, und zu jeder Wohnung solle ein 200 bis 400 Quadratmeter großer Garten gehören. Mit diesen Vorgaben wurde am 26. Dezember 1918 zur Gründungsversammlung eingeladen.

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Mischung aus Mietwohnungen und Eigentum

Das Bauprojekt sah eine Mischung von Mietwohnungen und von Eigentümern bewohnten Häusern vor. Die vorgelegten Pläne waren so überzeugend, dass sich 70 Anwesende als Genossenschaftsmitglieder registrieren ließen. Die Umsetzung der Pläne lief kurzfristig an. Im August 1919 wurde der Bebauungsplan veröffentlicht. Er erschien manchem utopisch. Er sah auf 63 Hektar Fläche 234 Einfamilienhäuser, 56 Zweifamilien- sowie 194 Mehrfamilienhäuser vor – insgesamt 2442 Wohnungen für rund 7000 Menschen. Die „Gartenstadt Augsburg-Spickel“ sollte mit sechs Gastwirtschaften und 20 Geschäften ein autarker neuer Stadtteil werden.

In sechs Bauabschnitte sollten die Pläne verwirklicht werden. In Veröffentlichungen wurden 1919 die Haustypen vorgestellt. Für den ersten Bauabschnitt bekam die Genossenschaft von der Stadt 8,22 Hektar in Erbpacht auf 100 Jahre überlassen. Die leitenden Architekten Gottfried E. Bösch und Michael Kurz wollten mit acht standardisierten Typenhäusern beginnen. Die Kosten für die Erschließung mit Kanal, Wasser- und Gasleitung übernahm die Stadt. Im September 1919 wurden die Hornungstraße und die Waldfriedenstraße trassiert. Die Arbeiten erfolgten im Zuge eines Notstandsprogramms für Arbeitslose.

Die ersten Häuser sollten in Holzbauweise erstehen

Die ersten 30 Häuser sollten aufgrund der herrschenden Baustoffnot in Holzbauweise erstehen. Im Herbst 1919 wurde in Oberstdorf Holz für zwölf Häuser gekauft. Damit waren aber die bislang einbezahlten Genossenschaftsanteile aufgebraucht. Der Grund: Die Inflation hatte eingesetzt und verschlimmerte sich von Monat zu Monat. So reichte es nur dank neuer Kredite zur Errichtung von drei Holzhäusern mit neun Wohnungen. Im November 1920 konnten der Oberstadtsekretär Franz Rebel und seine Familie als erste Bewohner der „Gartenstadt Spickel“ im Parterre des Hauses Waldfriedenstraße 23 einziehen. Im August 1921 waren die beiden anderen Holzbauten fertig.

1921 war die Baugenossenschaft schließlich völlig mittellos: Die galoppierende Inflation hatte das Restkapital entwertet. Die Stadt nahm über die Hälfte des Erbpacht-Baulandes zurück und stellte es anderen Bauwilligen zur Verfügung. Gebaut wurde zeitweise nur mehr in Privatinitiative. 1922/23 war die Genossenschaft finanziell wieder in der Lage, das erste Wohn-/Geschäftshaus Hornungstraße 69 zu bauen. Milch und andere Lebensmittel gab es endlich im Neubauviertel. 1926 kam eine Gaststätte mit Metzgerei dazu, 1928 eine Bäckerei. Nördlich der Bahntrasse trat ab 1926 die Stadt Grund an Bauträger ab: an die „Gemeinnützige AG für Angestellten-Heimstätten (Gagfah)“, an die Localbahn und an die städtische Wohnungsbaugesellschaft.

Bis 1929 waren 58 Genossenschafts-Mietwohnungen bezogen. Weitere Häuser in der „Gartenstadt Spickel“ waren in Privatinitiative errichtet worden. Die 1918 gegründete Baugenossenschaft blieb auf das Areal des ersten Bauabschnitts zwischen Siebentischwald und Bahnlinie bis zum Ablaßweg beschränkt. In diesem Bereich hatte Josef Weidenbacher eine katholische Kirche eingeplant. 1929 kaufte die Kirchenstiftung ein Grundstück und gründete 1931 einen Kirchenbauverein. Ein barackenähnlicher Holzbau war im November 1931 benützbar. 1933/34 erstand nach den Plänen des Architekten Thomas Wechs eine „richtige“ Kirche. St. Wolfgang konnte am 30. September 1934 geweiht werden.

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