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Augsburg

02.12.2019

Gegen alle Widerstände: Mouad Amrani ist nun endlich Deutscher

Seit mehr als einem Jahr ist Mouad Amrani deutscher Staatsbürger. Bis dahin war es für den gebürtigen Marokkaner ein langer Weg, der ihn auch ins Studentenwohnheim in Haunstetten führte.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus Mouad Amrani wurde in Marokko geboren und hatte einen Traum – in Deutschland Sport zu studieren. Auf seinem Weg fand er in Augsburg eine Heimat und die Liebe.

Um seine Geschichte zu erzählen, hat Mouad Amrani einen für ihn ganz besonderen Ort gewählt – das Studentenwohnheim in Haunstetten. Unendliches Glück und tiefste Verzweiflung hat er hier durchlebt. Genau hier auf dem Gang hat er im Mai 2009 Martina, die Frau seines Lebens, kennengelernt. Die ganz großen Gefühle, Schmetterlinge im Bauch, volles Programm. Und genau hier hat er sechs Wochen später den Brief aufgerissen, der ihn ins Bodenlose stürzte. Abschiebung. Endstation.

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2006 war der gebürtige Marokkaner zum Studium nach Deutschland gekommen. Jahrelang hatte er dafür Deutsch gebüffelt, sich von Verwandten 8000 Euro für das Visum geliehen. Studieren, Sportlehrer werden. Das war sein großer Traum. In dem Land, über das er im Unterricht schon so viel gehört hatte. "Da haben wir sehr viel über die Arbeitsamkeit, die Pünktlichkeit und den Ehrgeiz der Deutschen gesprochen. Das hat mich fasziniert. Da wollte ich hin."

Von Fes nach Zittau

Doch für Sport fand er keinen Studienplatz. Also schrieb sich Mouad Amrani für Betriebswirtschaft ein. Und landete in Zittau. Im Nachhinein, sagt er, sei das ein riesiger Fehler gewesen. "Ich war unerfahren und wollte so schnell wie möglich nach Deutschland." So saß der Mann aus der quirligen Millionenstadt Fès dann in Sachsen in seinem Zimmerchen, völlig isoliert, mit einem Berg von Schulden und einem Studienfach, das ihm nicht lag. "Whatsapp gab es da noch nicht, daheim anrufen war teuer. Ich habe niemanden gekannt und auf der Straße war alles wie ausgestorben." Weil er sparen musste, ernährte er sich fast nur von Kartoffeln, Milch und Eiern. "Es ging mir richtig schlecht."

Amrani wechselte das Studienfach und die Uni. Wieder nicht Sport. Dafür Sozialwissenschaften in Köthen. Auch hier schaffte er das erste Semester nicht und ging schließlich nach Stuttgart, um dort zu arbeiten und seine Schulden zurückzahlen zu können, bevor er 2008 nach Augsburg kam. In ein Programm zur Studienvorbereitung und eben ins Studentenwohnheim nach Haunstetten.

In Augsburg kam der Brief mit der Abschiebung

Mit der neuen Liebe schien sich dort alles zum Guten zu wenden. "Endlich war ich nicht mehr allein. Ich war glücklich." Bis der Brief mit der Abschiebung kam. Die Behörden glaubten ihm nach all den Wechseln nicht mehr, dass er es wirklich ernst meinte mit dem Studium. Amrani schaltete einen Anwalt ein, der Widerspruch um Widerspruch einlegte. Alle abgeschmettert. Die einzige Chance: Heiraten. Natürlich, die Gefühle waren groß. Aber nach nur wenigen Wochen Beziehung stand das eigentlich nicht zur Debatte. Auf Anraten seines Anwalts zog Amrani nach Mainz, wo er eine Duldung bekam. Und die Entscheidung fiel, trotz aller Zweifel und Vorbehalte von außen: Ja, wir heiraten.

Getrennt voneinander wurde das Paar im Standesamt zuvor befragt. Was ist die Lieblingsfarbe des anderen? Wann habt ihr euch kennengelernt? Wie heißen seine Geschwister? "Bei fünf Brüdern und sieben Schwestern war das gar nicht so einfach", sagt Amrani lachend. Doch sie bestanden. Mit einer Ausnahmegenehmigung aus Mainz durfte der Bräutigam dann im März 2010 für einen Tag nach Bayern zu seiner eigenen Hochzeit reisen. Danach ging es auf Hochzeitsreise. Nach Koblenz. "Ich musste ja wieder zurück nach Rheinland-Pfalz."

Einige Wochen nach der Hochzeit bekam er dort wieder einen Brief. Abschiebung. Verzweiflung machte sich breit. Nur weil Ehefrau Martina nach einigem Behördenhickhack nach Mainz zog, konnte Amrani doch bleiben und erlebte kurze Zeit später den nächsten Schicksalsschlag. Seinem Vater ging es schlecht. Komm nach Hause, sagte der Bruder am Telefon. Doch Amrani durfte nicht ausreisen. Mit einer erneuten Ausnahmegenehmigung trat er den Flug schließlich doch an. Vier Jahre war er nicht mehr bei seiner Familie gewesen. Als er am Flughafen ankam, umarmte er seinen Bruder so fest, dass die Brille zu Bruch ging. Doch Amrani kam zu spät. Sein Vater war drei Tage zuvor gestorben.

Amrani trainierte wie ein Besessener

Mehrere Monate blieb er in seiner Heimat, um sich von dem Schock zu erholen. Dann ging er zurück nach Deutschland zu seiner Frau und das Blatt wendete sich. Aufenthaltsgenehmigung, Studienplatz für Sport in Stuttgart. Nachts arbeitete Amrani als Kurierfahrer, tagsüber trainierte er wie ein Besessener für die praktische Aufnahmeprüfung. Obwohl er immer sportlich war, stellte ihn einiges vor Herausforderungen. "Weil ich nicht richtig schwimmen konnte, hab ich erstmal einen Schwimmkurs besucht. Auch beim Turnen habe ich bei null angefangen. Ich konnte nicht einmal einen Purzelbaum. Mit 26 Jahren."

Mit Leib und Seele sei er beim Studium dabei gewesen. "Ich habe nie gefehlt, hatte nur deutsche Freunde. Da fing ein ganz anderes Leben für mich an: Richtig Deutsch." 2014 bestand Amrani sein Staatsexamen mit gut und begann nach einigen beruflichen Stationen 2017 als Trainer in der Reha bei Medaktiv in Augsburg, wo er nach jahrelanger Fernbeziehung jetzt mit seiner Frau Martina wohnt. Parallel startete er selbst sportlich noch einmal durch. Jeden Tag verausgabt er sich beim Krafttraining, stellt regelmäßig Videos von seinen schweißtreibenden Einheiten auf Youtube. Seine Sportlermentalität, sagt Amrani heute, habe ihn in allen den Jahren nie aufgeben lassen. "Ich war oft am Boden, bin immer wieder aufgestanden. Das hat mich zu einer starken Persönlichkeit gemacht", so der 35-Jährige.

Händedruck im Großformat

Den steinigen Weg vom Sohn eines marokkanischen Milchmanns zum stahlhart trainierten Akademiker in Deutschland hat Amrani nun aufgeschrieben. 180 Seiten hat das Manuskript des Buches, das noch ohne Titel ist. "Man darf niemals aufgeben und muss immer weiterkämpfen, das ist meine Botschaft" sagt er und klappt sein Tablet auf. Darauf zu sehen sind Fotos vom Neubürgerempfang in der Münchner Residenz im Oktober 2019. Da schüttelt ihm Innenminister Joachim Herrmann die Hand und gratuliert ihm zu seiner Einbürgerung. Eines der Fotos zeigt den Händedruck im Großformat. Zweimal hatte ihn dieses Land aufgefordert wieder zu gehen. Nun ist er Deutscher. Gegen alle Widerstände.

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02.12.2019

Der Fall beweist es: Deutschland bietet große Chancen.

Man muss wollen und man muss leisten - dann gehört man dazu.

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