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10.07.2010

Gegen das Vergessen

Bücher sind stumm und geduldig. Sie schreien einem nicht entgegen, auch dann nicht, wenn sie verbrannt werden. Sie erzählen ihre Geschichte nur dem, der sich Zeit für sie nimmt. Trotzdem sind diese 12 000 Bände der Sammlung Salzmann, die gerade von der Augsburger Universitätsbibliothek katalogisiert werden, keine langweilige Angelegenheit. Vor allem dann nicht, wenn der Sammler selbst von ihnen spricht.

Mehr als 30 Jahre hat der ehemalige Finanzkaufmann Georg Salzmann, der heute 82 Jahre alt ist und in Gräfelfing lebt, die Erstausgaben der Autoren gesammelt, die die Nationalsozialisten für immer zum Schweigen bringen wollten, deren Werke bei den Bücherverbrennungen im Mai 1933 den Flammen übergeben wurden. Salzmann fing 1976 an, die Bücher von rund 80 Autoren systematisch zu sammeln - aus Zufall, weil er in einen Kreis von Bibliophilen geraten war; aus Langeweile, weil er beruflich über Jahre getrennt von seiner Familie in Norddeutschland leben musste.

"Ich habe versucht, zu retten, was noch zu retten war, damit den Nazis nicht doch gelingt, einen großen Teil der Literatur aus dem Gedächtnis zu löschen", sagt er heute. Wer kenne noch Oskar Baum, den Mentor der Prager Literatur um Franz Kafka und Max Brod? In Salzmanns Bibliothek findet sich sein Werk. Oder den jüdischen Schriftsteller Georg Hermann? Die wissenschaftlich betreute Werkausgabe in den 1990er Jahren war nur möglich, weil sich die Erstausgaben der lange vergriffenen Bücher in Salzmanns Bibliothek der verbrannten Bücher fanden.

Die Verkaufsverhandlungen zogen sich lange hin

Gegen das Vergessen

Im systematischen Sammeln dieser Bücher fand Salzmann neben dem Beruf und der Familie seine Lebensaufgabe. Schließlich aber war der Bestand so groß geworden, dass Salzmann ihn veräußern wollte. Über Jahre zogen sich die Verkaufsverhandlungen hin. Der Bayerische Landtag beschloss, die Bücher in Bayern zu halten. Und so bekam am Ende die Augsburger Universitätsbibliothek den Zuschlag und Salzmann mehr als 400 000 Euro für den einzigartigen Buchbestand.

Ulrich Hohoff, der Leiter der Bibliothek, erinnert sich gut daran, wie er vergangenes Jahr nach dem Zustandekommen des Ankaufs im Keller des Salzmann'schen Hauses stand: "Die Bücher waren bis unter die Decke gestapelt. Sie waren teilweise nicht mehr herauszuziehen. Der Keller war absolut überfüllt."

Mittlerweile stehen alle Bücher im Magazin der Universitätsbibliothek und werden von Gerhard Stumpf, dem stellvertretender Leiter der Bibliothek, und seinen Mitarbeitern katalogisiert. Das ist zum Teil ein schwieriges Unterfangen, weil Salzmann neben den Erstausgaben der Autoren auch Texte von ihnen gesammelt hat, die in Zeitungen, Zeitschriften oder Sammelbänden sowie als Sonderdrucke veröffentlicht wurden. Das macht das Einordnen schwierig, die Bibliothek der verbrannten Bücher aber gerade so einmalig, denn viele dieser Titel lassen sich heute auch antiquarisch nicht mehr auftreiben.

Fünf Meter Stefan Zweig - nur eine Schrift fehlt noch

Stefan Zweig, sagt Salzmann, habe er so gut wie komplett. Mehr als fünf Meter Regelfläche nehmen die Titel im Magazin ein. Einzig ein Buch fehle noch: die Totenrede Stefan Zweigs auf Sigmund Freud, die er in London gehalten habe. Sie wurde nur in hundert Exemplaren gedruckt und an die Gäste verteilt. Lediglich ein einziges Mal sei dieser Druck in den letzten 30 Jahren in einem Antiquariat aufgetaucht. Salzmann war damals gerade im Urlaub, ein anderer bekam den Zuschlag.

Mitte Juli wird ein erster Teil der Bücher nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In zwei Räumen wird der Kernbestand der Sammlung dauerhaft als Präsenzbestand zu sehen sein. Einzelne, besondere und wertvolle Ausgaben können extra in Vitrinen präsentiert werden.

Die Universität wird sich aber auch wie Salzmann um die Vermittlung sorgen. So wie Salzmann schon früher Schülern und Schulklassen die Wichtigkeit seiner Schriftsteller nähergebracht hat, wird es bald für Klassen aus Augsburg und der Umgebung möglich sein, im Unterricht mit der Bibliothek der verbrannten Bücher zu arbeiten. Außerdem können sich Hohoff und Stumpf sehr gut vorstellen, Teile der Sammlung digitalisiert über das Internet einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Wehmut kommt bei Salzmann nach dem Verkauf seiner Sammlung nicht auf. "In Augsburg sind sie zusammen", sagt er. Wenn er Lust und Laune habe, könnte er ja von Gräfelfing herüberfahren. Außerdem hat er vor Jahren schon begonnen, seine nächste Sammlung aufzubauen. Bücher, die illustriert sind. Momentaner Zwischenstand: zirka 2000 Bände. Im Keller ist ja jetzt wieder richtig Platz.

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