Debatte

18.05.2013

Generalangriff

Soll sich auch für migrantische und transkulturelle Positionen öffnen: Das Theater Augsburg steht im Visier.
Bild: Ulrich Wagner

Augsburgs Theater muss sich öffnen: So lautet der Tenor einer Diskussion, der jüngst im Kulturausschuss ein neues Kapitel hinzugefügt wurde. Über die Kunst selbst spricht dabei allerdings niemand

Erst jüngst war ein weiterer Akt folgender Debatte zu beobachten: Im Kulturausschuss des Augsburger Stadtrats präsentierte Timo Köster, Leiter des Büros für Frieden und Interkultur, ein Konzept, in dem er den Kultureinrichtungen die interkulturelle Öffnung per Leitfaden verordnen wollte. Der Anspruch, der darin formuliert worden ist, zielt aufs Ganze: Was soll, was darf, was muss Kunst im 21. Jahrhundert in Augsburg leisten? Und weil sich die Gesellschaft durch Migration und Globalisierung gewandelt habe, habe sich nun gefälligst auch die Kultur zu wandeln – und zwar nach dem Willen der „interkulturellen“ Chefarchitekten. Ein Zitat aus dem Vorwort des Leitfadens: „Kunst und Kultur im Allgemeinen verfügen über das Potenzial, gesellschaftliche Entwicklungsprozesse zu gestalten und zu beeinflussen.“

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Kultur wird in dieser Perspektive als ein gesellschaftliches Therapeutikum gesehen, das die viel beschworene Integration bewerkstelligen könne. Das, was in 50 Jahren Einwanderung von der deutschen Gesellschaft nicht geleistet wurde, das sollen Kunst und Kultur nun im 21. Jahrhundert nachholen. Ein Ansinnen, das von Anfang an nur zum Scheitern bestimmt ist, weil Kunst und Kultur in ihrer gesamtgesellschaftlichen Wirkung hoffnungslos überschätzt werden.

Gefordert wird ein neuer „postkolonialer“ Kulturbegriff

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Wichtig ist, einmal auf den Ton zu hören, in dem hier an die Augsburger Kultureinrichtungen herangetreten wird: „Notwendig ist ein fundamentaler Perspektivwechsel – weg von Mechanismen der Ausgrenzung hin zu einer Inklusion, einer Kultur der Diversität, die Interesse an der Vielfalt von kulturellen und künstlerischen Ausdrucksformen beinhaltet.“ Oder im folgenden Satz: „Unabdingbar ist ein neuer (postkolonialer, kosmopolitischer) Kulturbegriff.“ Oder: „Der Kulturbetrieb muss sich demnach für differente kulturelle und historische Erfahrungen, postmigrantische und transkulturelle Positionen, die sich von Formen der Kulturalisierung und Ethnisierung loslösen, verstärkt öffnen.“

Wer den Soziologensprech einmal beiseite lässt, entdeckt den Zungenschlag in der Debatte: „fundamentaler Perspektivwechsel“, „unabdingbar“, „muss sich öffnen“. Die Diskussion wird von der Seite der Befürworter dieser Öffnung wie ein Generalangriff geführt.

Im Kern dieser Attacke auf die öffentlich subventionierten Kultureinrichtungen – in Augsburg vor allem das Theater – steht der Gedanke, dass dasjenige, was aus Steuermitteln finanziert wird, auch allen zugutekommen muss, die Steuermittel einzahlen. Das sagte auch Meinhard Motzko, der das Konzept und die Umsetzung der interkulturellen Öffnung der Stadtbücherei erarbeitet hat, in einem Interview mit unserer Zeitung: „Ich will als Steuerzahler für mein Geld auch etwas für die Bevölkerung sehen. Und das sehe ich an der Besucherstruktur. Es kann nicht sein, dass 100 Prozent der Bevölkerung diese Einrichtungen finanzieren, die nur von einem Bruchteil genutzt werden.“

Bei näherem Hinsehen lösen sich die 100 Prozent der Bevölkerung, die das Theater finanzieren, allerdings schnell wieder auf. Die Bevölkerung zahlt ja nicht zu gleichen Teilen Steuern, und wenn die Idee des Arguments nun sein soll, dass diejenigen, die zahlen, auch profitieren, dann sollten vor allem diejenigen, die viel zahlen, besonders viel profitieren. Und plötzlich stehen die Theater und Museen mit ihrer Besucherstruktur gar nicht mehr so schlecht da.

Aber das sind verbale Scharmützel, die zeigen sollen, dass die Argumente, die ins Feld geführt werden, schon allein nicht so stabil sind, wie sie aufs erste Hören klingen.

Grundsätzlich wird der Widerspruch, wenn gefragt wird, was für ein Bild von Kunst und Kultur die interkulturellen Strategen vor sich hertragen. Es sollen laut Timo Köster postmigrantische und transkulturelle Positionen verhandelt werden. Und Motzko sagte in dem Interview mit dieser Zeitung: „Die Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen sind verschieden. Den Austausch dieser Interessen kulturell zu moderieren und auch ungewohnte und manchmal provozierende Antworten mit den Mitteln der Kunst zu entwickeln, darin sehe ich die wichtigste Aufgabe von Kultureinrichtungen.“

Kunst ist in allen diesen Fällen nur ein Mittel zum Zweck, um ein möglichst uneinheitliches Zielpublikum anzusprechen, das wiederum das Erlebnis von Gemeinschaft haben soll. Auf einem solchen künstlerischen Niveau arbeitet seit zwei Jahrzehnten ziemlich erfolgreich das Privatfernsehen mit seiner Anbetung der Quote. Und selbst dort haben die Programmchefs mit ihren millionen- und milliardenschweren Etats Schwierigkeiten, Formate zu finden, die generationen- und milieuübergreifend ansprechen.

Von öffentlich geförderten Kultureinrichtungen nun eine solche (auch noch nach der Bevölkerungsstruktur gewichtete) Quotenerfüllung im Namen der interkulturellen Öffnung zu verlangen, spottet dem Sinn dieser Häuser, nämlich für künstlerische Qualität zu bürgen. Eine solche stellt sich immer nur dann ein, wenn die Güte der Darbietung oberste Priorität hat. Sobald es in der Kunst darum gehen sollte, „gesellschaftliche Entwicklungsprozesse zu gestalten“ oder einen „Austausch der Interessen zu moderieren“, verliert sie ihr Ziel aus den Augen und droht, ins Beliebige abzurutschen. Ob das dann wiederum dazu führt, ein breiteres Publikum anzusprechen, oder nicht einfach dazu, weniger Publikum anzusprechen, sei dahingestellt.

Kein Türsteher hält vom Theaterbesuch ab

Übrigens stehen die Theater und Museen jedem Bürger der Stadtgesellschaft sperrangelweit offen. Anders als in Diskotheken gibt es im Theater keine Gesichtskontrolle. Trotzdem entscheidet sich die Jugend mehrheitlich für die Disko (und niemand findet die Einlasskontrollen diskriminierend und skandalös). Was vom Theaterbesuch abhält, ist kein Türsteher, sondern der Umstand, dass oftmals Themen verhandelt werden, die schwierig sind, die das Publikum nicht von vorneherein belohnen, sondern es auch (heraus-)fordern – im Gegensatz zu einem breitenwirksamen Tralala. Gerade deshalb verdienen die Bühnen die öffentlichen Gelder; sie leisten etwas, das es ansonsten auf dem Markt nicht gibt. So gesehen mutet die Diskussion um die interkulturelle Öffnung der Häuser nur bizarr an.

Im Grunde findet in der Diskussion ein „linkes“ Denkmuster seinen Eingang, das jeder Form von Qualität aus egalitären Gründen den Kampf angesagt hat. Das Theaterhaus mit Anspruch wird als elitärer Ort wahrgenommen, den es zu schleifen gilt. Und denjenigen, die sich gerne vom Theater fordern lassen, wird die öffentliche Förderung schlichtweg nicht gegönnt. Deshalb die martialische Rhetorik, deshalb eine Debatte, die als Generalangriff geführt wird.

Wenn die interkulturelle Öffnung des Theaters mit einer solchen Programmatik Erfolg hätte, gäbe es keinen Grund mehr, ins Theater zu gehen. Dann langt der TV-Einheitsbrei auf dem eigenen Sofa völlig aus, während auf der Bühne Schauspieler gesellschaftstherapeutische Vorstellung als Kunst verkaufen müssen.

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