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Leserbrief-Debatte

23.01.2019

Gibt es "den Augsburger"? Das sagen Wissenschaftler

In der Leserbrief-Debatte stellt sich die Frage: Wer ist eigentlich dieser "Augsburger"?
Bild: Silvio Wyszengrad (Archivbild)

Plus Ein ehemaliger Münchner beschreibt den Augsburger in einem Leserbrief als wortkarg, unfreundlich und starrköpfig. Doch wer ist das überhaupt, "der Augsburger"?

"Das menschliche Wesen in Augsburg ist, egal ob weiblich, männlich oder divers veranlagt, etwas ganz Besonderes", beginnt Rüdiger Bergmann seinen Leserbrief in der Süddeutschen Zeitung. Nämlich unfreundlich, abweisend und schweigsam, wie er in kurzen Anekdoten eindrücklich schildert. So sei er eben, der Augsburger. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Das finden nicht nur zahlreiche Leser, sondern auch Wissenschaftler.

Das Problem beginnt schon bei der Definition des Augsburgers. Noch bevor er überhaupt näher beschrieben wird. "Durch die Mobilität der Menschen kann man davon heutzutage, glaube ich, nicht mehr sprechen", sagt Dr. Wolfgang Jahn vom Haus der Bayerischen Geschichte. Das merke er selbst fast jeden Tag. Seit 1993 arbeitet er zwar in Augsburg, wohnt aber in München. "Obwohl ich hier die meiste Zeit verbringe, bin ich kein Augsburger." Sondern ein Münchner? Auch das nicht, winkt Jahn ab. "Ich fühle mich als Bayer wohl."

Daher stellt sich für Jahn die Frage, wo sich überhaupt Grenzen ziehen lassen. Gilt der Allgäuer beispielsweise als besonders verschlossen, sind es dann alle Schwaben? Auch Heimatpfleger Dr. Peter Fassl hält nichts davon, über "den Augsburger", "den Allgäuer" oder "den Schwaben" zu sprechen. "Ein Augsburger, ein Kemptener, ein Nördlinger und ein Lutzenberger: Sie alle sind Schwaben - aber in ihrer Gemeinschaft eigenständig mit eigenen Bezugssystemen", sagt Fassl. Historisch betrachtet, zeige sich das in Schwaben noch deutlicher als in Altbayern. "Hier gab es eine Vielzahl von politischen Einheiten, die sehr kleinteilig strukturiert waren", erklärt der Historiker.

Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl.
Bild: Ulrich Wagner (Archivfoto)

Was unterscheidet Augsburger, Schwaben und Bayern?

Eine Bevölkerungsgruppe zu verallgemeinern, mache bestimmte Vorstellungen zwar leichter fassbar. Spiegele aber in keinster Weise die differenzierte Gesellschaft wider, findet Fassl. Er kenne viele Augsburger, und sie alle seien sehr verschieden. Müsste er etwas nennen, was sie eint, wäre es wohl "die Zuneigung und Empathie für die Stadt". Doch ob sich jemand mit Augsburg, seinem Stadtteil oder etwas ganz anderem identifiziert, sei von Person zu Person unterschiedlich. "Jeder Mensch hat meist mehrere solcher Orientierungen", erklärt der Historiker. Und Fassl selbst, der 1955 in Augsburg geboren wurde und noch heute dort wohnt, als was fühlt er sich? "Als Augsburger, Schwabe, Bayer, Europäer und Weltbürger", antwortet der Heimatforscher.

Es gebe zwar bestimmte Kriterien, über die sich eine Bevölkerungsgruppe definiert, erklärt Kerstin Lengger, stellvertretende Leiterin des Augsburger Stadtarchivs. Ist eine Region beispielsweise stark auf den Tourismus ausgelegt, seien die Menschen dort meist offener. Das habe sie so in Salzburg erlebt. Auch die Sprache, Vereine oder geografische Besonderheiten nehmen Einfluss auf die Menschen. Dennoch sei es bis zu einem gewissen Grad "immer subjektiv", wie jemand die Bewohner einer Stadt sieht.

Kerstin Lengger, stellvertretende Leiterin des Stadtarchivs.
Bild: Anne Wall (Archivbild)

Heimatpfleger zum Leserbrief: "So eine Erfahrung kann man an jedem Ort der Welt machen."

"Der Leserbrief hat mich überrascht", sagt Jahn. Dass die Augsburger besonders unfreundlich oder abweisend seien, habe er nie erlebt. Fassl meint: "So eine Erfahrung kann man an jedem Ort der Welt machen." Sein Rat an Autor Rüdiger Bergmann: Er solle sich mehr in die Stadtgesellschaft hinein wagen, um die Augsburger besser kennenzulernen.

Ebenso verwundert war Lengger. Die gebürtige Oberbayerin habe Augsburg immer als offene Stadt wahrgenommen, gerade da hier sehr viele verschiedene Kulturen zusammenleben. Fassl ergänzt: "Schon damals war die Mehrheit der Einwohner nicht in Augsburg geboren." Wer heute in die Fuggerstadt zieht, müsse zwar mit einer gewissen Anlaufphase rechnen, sagt Lengger. "Aber dann sind die Augsburger sehr herzlich. Man versucht, jeden gut aufzunehmen."

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