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12.06.2009

Glaspalast: Etablissement modernster Art

Textilviertel 1906 war die tägliche Arbeitszeit in Fabriken von elf auf zehn Stunden reduziert worden. Das war der Anlass für die "Mech. Baumwoll-Spinnerei & Weberei Augsburg", ein "neues Etablissement modernster Art, welches in der denkbar rationellsten Weise produzieren wird", zu planen. "Überflüssige Transporte des Materials und damit viele Menschen sollen gespart werden", lautete eine der Vorgaben. Die Webstühle sollten so gruppiert werden, "dass ein Weber 4 bis 6 Stühle versehen kann". Als Standort wurde ein großes, bereits in SWA-Besitz befindliches Gelände zwischen Martini & Cie. und der Garbenstraße (seit 1937: Otto-Lindenmeyer-Straße) bestimmt.

Hier erstand 1909/10 das "Werk IV Aumühle". Der damalige Industriebau-Stararchitekt Philipp Jakob Manz ( Stuttgart) plante das größte Bauprojekt in der bis dahin 70-jährigen Firmengeschichte der SWA, Thormann & Stiefel ("Thosti") baute es. Vorgesehen war die Errichtung von Gebäuden für eine Spinnerei mit 60 000 Spindeln und eine Weberei mit 1000 Stühlen. In zwei Bauabschnitten sollten ohne Störung des laufenden Betriebs Vergrößerungen möglich sein. Ausgeführt wurde jedoch nur der erste Abschnitt des Projekts: eine Weberei in ebenerdigen Sheddach-Hallen, ein fünfstöckiger Hochbau für weitere Webstühle und eine Spinnerei sowie die Energiezentrale.

Baufotos zeigen, dass der Hochbau ein Stahlskelettbau aus vorgefertigten Teilen ist. 1909 war es eine der größten und modernsten derartigen Konstruktionen in Deutschland. Der das flache Dach um drei Stockwerke überragende Turm mit glockenförmiger Haube diente zur Unterbringung eines gewaltigen Wasser-Hochbehälters. Be- und Entlüftungs- sowie Entstaubungsanlagen für die fünf Meter hohen Produktionshallen wiesen bis dahin nicht gekannte Dimensionen auf. Spinnerei und Weberei waren nur durch den das Gebäude quer durchschneidenden Seilgang getrennt. Mit diesen Stahlseilen wurden die Antriebskräfte zu den Maschinenreihen in allen Stockwerken übertragen.

Bei der Energieversorgung beschritt man neue Wege: Das Werk sollte völlig autark sein! Neu und ungewöhnlich für das wasserreiche Augsburg war der völlige Verzicht auf Wasserkraft. Man errichtete stattdessen ein Kessel- und Maschinenhaus für eine 2500-PS-Dampfmaschine (gefertigt bei der MAN) mit einem 75 Meter hohen Kamin. Zeitweise arbeiteten über 1000 Menschen auf der Großbaustelle. Als im März 1910 die Produktion im "Werk IV Aumühle" anlief, gingen 26 000 neue Spindeln und 492 Webstühle in Betrieb.

Glaspalast: Etablissement modernster Art

Auch für diesen imposanten Fabrikbau fand der Volksmund schnell einen Namen: "Glaspalast". Dies ist nicht verwunderlich, ging doch bei Nacht von den hell erleuchteten Fabrikationshallen eine unwahrscheinliche Fernwirkung aus. Das Bauwerk schien vor allem aus Fenstern zu bestehen. Es war keine düstere Fabrik, sondern ein Palast. Diesen "Glaspalast" belegte während des Zweiten Weltkriegs die Rüstungsindustrie mit rund 700 Arbeitern. Er blieb von Bomben verschont, sodass nach Kriegsende darin wiederum Spinn- und Webmaschinen anlaufen konnten.

Nach über zwei erfolgreichen Jahrzehnten und Vollbeschäftigung bahnte sich das Aus für die SWA schleichend an. Es begann damit, dass 1972 Multi-Unternehmer Hans Glöggler die Aktienmehrheit übernahm. Die Stadt Augsburg übernahm nach dem Konkurs 1987 das Areal und die Immobilien des vormaligen Werkes IV. Sie fungierte sozusagen als Zwischenhändler, denn behalten oder selbst nutzen wollte sie weder den "Glaspalast" noch die weiten Sheddach-Hallen.

Nach jahrelangen Verhandlungen erwarb am 19. November 1999 der Augsburger Baukonzern-Chef Ignaz Walter den gesamten Komplex (Kaufpreis: 10,3 Millionen D-Mark). Die ebenerdigen Hallen sind inzwischen abgebrochen, die Fläche ist mit einer Reihenhaussiedlung überbaut. Den ungeheuer stabilen, wirkungsvollen Hochbau ließ der neue Besitzer restaurieren und im Inneren nutzungsgerecht umbauen. Großzügige Bürofluchten fanden in den einstigen Fabrikhallen Platz und in zwei Stockwerken richtete er das "Kunstmuseum Walter" zur Präsentation seiner Privatsammlung moderner Kunst ein (Einweihung: April 2002).

Einzug der Staatsgalerie

Eine Etage war einige Jahre lang für das Textilmuseum reserviert. Nachdem dafür die Kammgarn-Spinnerei den Vorzug bekam, zogen stattdessen die "Staatsgalerie im Glaspalast" und "H2 - das Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast" (ein Museum der städtischen Kunstsammlungen) ein. Beide Galerien für moderne Kunst wurden am 22. Mai 2006 eröffnet. In der mit dem Hauptgebäude verbundenen früheren Kraftzentrale, dem Kesselhaus, befindet sich jetzt unter anderem das Restaurant "Magnolia".

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