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Augsburger Geschichte

19.07.2017

Gourmets tafeln in Fabrikanten-Villa

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3 Bilder
So sah die Haag-Villa ursprünglich – im Jahr 1877 – aus. Das restaurierte Gebäude beherbergt jetzt ein Feinschmecker-Lokal.
Bild: Benjamin Aumann

 Johannes Haag erwärmte Augsburgs Krankenhaus und das Stadttheater. Sein herrschaftliches Wohnhaus ist jetzt ein Sterne-Restaurant.

Augsburgs Industriegeschichte ist in zahlreichen Büchern überliefert. Unternehmen, die es längst nicht mehr gibt, ließen sie zu Firmenjubiläen drucken. Die Schriften dokumentieren den Bau und die Zweckbestimmung von Gebäuden, die seit dem Erlöschen der ursprünglichen Nutzer-Firmen umfunktioniert sind. Industriebauten wie das „Fabrikschloss“, der „Glaspalast“, die Augsburger Kammgarnspinnerei („AKS“), „Martini“, „Prinz“ und Schüle’sche Kattunmanufaktur sind bauliche Relikte der Textilindustrie in Augsburg.

Die Produktionsgebäude zahlreicher einst bedeutender Augsburger Firmen sind gänzlich verschwunden. Überlebt haben bei einigen die betriebseigenen Wasserkraftwerke oder die Villen ihrer einstigen Besitzer beziehungsweise Direktoren. Eine davon ist die „Haag-Villa“, erbaut vom Heizungsbauer Johannes Haag. Er ließ sie 1877 in einem kleinen Park neben seinem Firmenareal an der Bauhofstraße errichten. Sie ist in Johannes-Haag-Straße umbenannt.

Gemälde mit der Glücksgöttin

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Dort wird schon lange keine Heizungsanlage mehr vorproduziert. Das Areal wird seit etlichen Jahrzehnten anderweitig genutzt. Johannes Haag starb am 29. Mai 1887. Sein engster Mitarbeiter Dr. August Reimer heiratete eineinhalb Jahre später die 41-jährige Tochter und Universalerbin Rosetta. Er ließ die Villa umbauen. Die Zahl „1890“ in einem mit „C. Leibig“ signierten Ölbild auf Leinwand dokumentiert das Jahr. Es ist im ersten Stockwerk in eine Holzkassettendecke eingefügt. Das Gemälde zeigt die Glücksgöttin Fortuna und einen Engel, der aus einem Füllhorn Blüten, Spielkarten, einen Würfelbecher und Münzen ausschüttet.

Das herrschaftliche Wohnhaus ist seit 2016 ein Gourmet-Restaurant. Der Sterne-Koch Christian Grünwald verlegte sein Restaurant „August“ von der Frauentorstraße in die Haag-Villa. Die Gäste speisen in dem vor über 125 Jahren gestalteten Ambiente. Der damalige Stararchitekt Jean Keller, Erbauer des Gögginger Kurhauses, zeichnete 1890 für den Umbau verantwortlich.

Wer war Johannes Haag, der sich im Alter von 58 Jahren diese Villa errichten ließ? 1819 in Kaufbeuren als Sohn eines Zimmermeisters geboren, lernte er ebenfalls das Zimmererhandwerk. Danach studierte er von 1835 bis 1838 in Augsburg an der Polytechnischen Schule Maschinenbautechnik. Vier Jahre als Ingenieur bei der Maschinenfabrik Escher, Wyß & Co. in Zürich folgten. In England ergründete Johannes Haag anschließend das Prinzip von Heißwasser- und Dampfheizungen, ehe er sich 1843 in seiner Geburtsstadt Kaufbeuren selbstständig machte.

Aufträge für Schlösser im In- und Ausland

1851 verlegte er seine „Werkstätte für allgemeinen Maschinenbau und für die Herstellung von Zentralheizungen“ nach Augsburg. Zu seinen ersten Kunden zählte das Adelshaus Hohenzollern: Es ließ von Johannes Haag in Schlösser in Sigmaringen und Krauchenwies Heißwasser-Heizanlagen einbauen. Daraufhin folgten Aufträge für Schlösser in München, Berlin, Wien und St. Petersburg.

Die erste Haag’sche Werkstätte in Augsburg lag am Vorderen Lech, die nächste am Mittleren Lech im Lechviertel. Im August 1854 erwarb Johannes Haag ein Kupferhammerwerk am Hanreibach vor dem Jakobertor. Seine wohlhabende zweite Frau - Erbin einer Augsburger Brauerei - ermöglichte den Kauf. Hier ging 1857 eine neue Maschinen- und Röhrenfabrik in Betrieb. Deren Produktionsprogramm war vielseitig: Sie fertigte Heißwassersysteme für Brotbacköfen, Dampfkoch- und Waschküchen, Röhren, Dampfmaschinen, Dampfkessel, Transmissionen und hydraulische Aufzüge. Die Spezialität blieben Heizungsanlagen aller Größen.

Haag baute von 1851 bis 1891 insgesamt 1041 Heizungen für Schlösser, Fabriken, Theater, Krankenhäuser, Strafanstalten und andere Großgebäude auf dem europäischen Festland. In 40 Jahren stattete Haag zudem 5683 Eisenbahnwaggons mit Dampfheizungen aus. Hohes Renommee brachten die mit Heizungen versehenen Hofzüge europäischer Herrscherhäuser ein. Dass in Augsburg das 1853/56 erbaute Krankenhaus und das 1876/77 errichtete Stadttheater mit Haag-Heizungen ausgestattet wurden, ist selbstverständlich.

Am 26. September 1898 wurde das Unternehmen mit über 400 Beschäftigten in die Aktiengesellschaft „Maschinen- und Röhrenfabrik Johannes Haag AG“ umgewandelt. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb sie führend im Heizungs- und Lüftungswesen. In den 1920er Jahren ging die traditionsreiche Firma in der Sulzer AG auf. Der Standort Augsburg verlor an Bedeutung. Um 1930 kaufte die Stadt Augsburg das Firmenareal und die „Haag-Villa“. Die Stadtwerke nutzten einen Teil des Geländes und übernahmen die Villa.

Wasserschaden sorgte für Erschwernisse

Die von Krieg verschonte Villa war total „abgewohnt“, als die Stadtwerke die Restaurierung angingen. Originalsubstanz wurde behutsam restauriert, Verlorenes stilgerecht rekonstruiert. 2009 sorgte ein Wasserschaden für enorme Erschwernisse und Kosten. Die Rückverwandlung in ein bauliches Schmuckstück zog sich Jahre hin. Lange wurde nach der passenden Nutzung der restaurierten Villa gesucht.

Als Gourmet-Lokal war sie gefunden. Gäste bezeichnen die Haag-Villa im Internet als „Traum-Location“, schreiben von „wunderschönem“, „exklusivem“ oder „charmant-elegantem Ambiente“. Das wiedererstandene Baujuwel findet auch überregional Beachtung.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums finden Sie unter www.augsburger- allgemeine.de/augsburg- Album

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