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Augsburger Domviertel

20.11.2012

Grandhotel Cosmopolis: Hotel Anderswo

Das Grandhotel Cosmopolis sollt Platz und Asyl für verschiedenste Gruppen geben. Früher war es ein Seniorenheim.
Bild: Silvio Wyszengrad

In einem früheren Augsburger Seniorenheim sollen schon bald Künstler, Reisende und Asylbewerber unter einem Dach wohnen. Die Vorfreude ist groß, die Bewährungsprobe steht noch aus.

Der eine Schritt führt ins Anderswo. Von draußen ist es nur ein altes Haus. Von drinnen das Grandhotel Cosmopolis. Hinter der Glastür beginnt die weite Welt. Ein plüschiger Sessel erinnert an Oma und Opa, eine schwere Theke an ein ehemaliges Fotogeschäft. Uhren zeigen die Zeit in Orten wie Gaza und Lampedusa. Fotos zeigen verlassene Grenzposten, die nichts mehr trennen; offene Welt. Über allem liegt Kaffeeduft. Eine bunte Truppe an Menschen diskutiert.

Ehemaliges Altenheim im Augsburger Domviertel

Viele Eindrücke empfangen den Gast in diesem Haus. So verlassen das ehemalige Altenheim der Diakonie im Augsburger Domviertel dahinschlummerte, so lebendig ist sein Inneres heute. „Das Wunderbare ist, dass täglich Neues passiert“, sagt Michael Hegele. Aber was?

Eine Gruppe von Künstlern und anderen kreativen Köpfen möchte hier einen anderen Ort schaffen. Das verlassene Altenheim soll ein Zentrum werden, in dem Gäste „mit und ohne Asyl“ unter einem Dach leben. Eine Unterkunft für Asylbewerber, aber auch ein Hotel für Gäste, die nicht auf der Flucht sind. Der Motor sind Menschen, die freiwillig und ehrenamtlich für ihre Idee arbeiten. Das klang vor allem anfangs nahezu unglaublich.

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Der Traum von einem Kulturhotel

Die Diakonie, der das Haus gehört, arbeitet auch an dieser Idee mit. Pfarrer Fritz Graßmann ist hin- und hergerissen: „Ich schwanke zwischen realistischer Skepsis und Begeisterung“, sagt der theologische Vorstand der Diakonie. Er wollte vor gut einem Jahr Flüchtlinge in dem Zweckbau der evangelischen Kirche aus den sechziger Jahren unterbringen, weil die Asylbewerberzahlen wieder deutlich steigen. Georg Heber, Michael Adamczyk und Sebastian Kochs hatten eine andere Idee. Sie sahen den Leerstand und träumten von einem Kulturhotel. Heber hat schon mehreren verlassenen Gebäuden neues Leben mit Kultur und Gastronomie eingehaucht, etwa im Projekt „Jean Stein“ in einer ehemaligen Brauerei. Im Grandhotel Cosmopolis sind beide Ideen vereint – Flüchtlinge und Kulturhotel. Das ist einmalig. Wie die „soziale Skulptur“, die im Konzept steht, einmal aussieht, wird sich endgültig erst ab April 2013 zeigen. Dann sollen die ersten der 50 bis 60 Flüchtlinge einziehen, mit Künstlern und anderen Gästen leben und die Chance bekommen, sich einzubringen. „Wir sind gespannt, wie das wird“, sagt Pfarrer Graßmann.

Hier, unweit des Doms, hat sich schon viel getan

Das Lernen hat längst begonnen, unweit des Augsburger Doms hat sich schon viel entwickelt. Es gab Kunst, Kultur, erste Umbauten, Tagungen. Die Zahl der Hoteliers ist auf etwa 25 gestiegen. Ein Teil der Gruppe sitzt gerade am Mittagstisch. Spaghetti mit Pesto. In einen Topf lassen sie sich hier nicht werfen. Rechts sitzt Sebastian Kochs, ein Mann der ersten Stunde. Gegenüber: der Fischwirtschaftsmeister Sven Weichenberger, der schon immer gerne alles etwas anders gemacht hat als die anderen. Ein Toningenieur ist dabei, ein Künstler, ein Student der Betriebswirtschaftslehre. Seit etwa einem Jahr schenken sie ihre Zeit dem Grandhotel Cosmopolis. Das ist es, was sie eint.

Filippo Scarito etwa, der 39-Jährige mit dem dunklen Bart. Wenn Gäste ins Haus kommen, trägt er manchmal eine rote Pagenuniform. Heute ist es eine olivfarbene Jacke im Armylook. Seit einem Jahr widmet er sich der Idee Grandhotel. Scarito lebt von seinen Ersparnissen. „Ich muss mich einschränken“, sagt er. Geld verdienen wäre kein Problem, als Nachbearbeiter von Fotos, als Schlosser oder als Fliesenleger. Doch er tut es nicht. „Meine Eltern haben das anfangs nicht verstanden.“ Heute schon. Die Idee des Grandhotels hat auch sie überzeugt: „Es gibt mehr Befriedigung, wenn man das Ziel vor Augen hat, Menschen eine bessere Möglichkeit zu geben, hier zu leben.“

Um diese Kernidee herum entwickelten die ersten Hoteliers vor gut einem Jahr ihr Konzept. Georg Heber, Sebastian Kochs und der Architekt Michael Adamczyk zogen sich in das leer stehende Paul-Gerhardt-Haus zurück. Sie erinnerten sich an die alte Idee des Grandhotels, in dem sich die Welt trifft; daran erinnern die vielen alten Möbel und Fundstücke aus Wohnungsauflösungen und Sozialkaufhäusern. Sie spielten provokant mit dem Vorurteil, Asylbewerber würden zu gut behandelt. Sie träumten davon, Menschen einen Raum zu geben, wo sie sich einbringen können – egal ob Flüchtling oder nicht. „Wir möchten Menschen bekommen, die etwas Positives für die Gesellschaft tun wollen“, sagt Sebastian Kochs.

Skepsis in der Nachbarschaft

In der Nachbarschaft stieß das zunächst auf Skepsis. Mancher fürchtete um das Viertel, weil es dort schon viele soziale Einrichtungen gibt. Viele Gebäude gehören den Kirchen, sie kümmern sich unter anderem um entlassene Straftäter oder psychisch Kranke. Heute ist keine laute Kritik mehr zu hören. Die Hotelherren haben versucht, Taten sprechen zu lassen. Sie haben Nachbarn eingeladen und mit der Arbeit begonnen. Stef Maldener, ein Toningenieur, gehörte zu den Ersten, die sich ein kleines Zimmer herrichteten. Wo einst Senioren lebten, hat er heute ein kleines Studio.

Von seiner Musik ist heute am Mittagstisch nichts zu hören. Er spricht von zwei afghanischen Musikern, die nach Deutschland geflohen sind und denen die Abschiebung droht. Beide spielen in einem Projekt der Hochschule Augsburg, das sich „Heimatklänge“ nennt und Musik aus aller Welt verbinden soll.

Shakib Pouya ist einer der beiden, „dabei wurde nachweislich ein Anschlag auf ihn verübt“, sagt Stef Maldener. Als vor einigen Monaten Farhad Sidiqi, der andere, abgeschoben werden sollte, machten sie mobil und begleiteten ihn bis vor den Petitionsausschuss des Landtages. Sie erreichten, dass Sidiqis Asylverfahren neu aufgerollt wird.

Der Einsatz für die Flüchtlinge ist nur ein Strang der Geschichte des Grandhotels. Das Haus war schon Teil des Friedensfestes und Ziel vieler Besucher: Flüchtlings-Fachleute, Studenten, Künstler, Politiker. Der Musik-Rebell Hans Söllner war ebenso da wie Oberbürgermeister Kurt Gribl. Das Jahr war jedoch auch geprägt von Warten.

Der Weg von der Idee zur Wirklichkeit war lang. „Das Projekt hat Modellcharakter, wir betreten damit Neuland“, sagt der Sprecher der Regierung von Schwaben, Karl-Heinz Meyer. Seine Behörde sucht händeringend nach Plätzen für Asylbewerber. Sie im leer stehenden Altenheim unterzubringen, wäre schnell zu machen gewesen. Die Genehmigung für das Grandhotel war dagegen wie eine Erstbesteigung im Gebirge, obwohl die Stadt Augsburg früh ihre Unterstützung zusagte. Aber die Idee war zu ungewöhnlich. Als die Genehmigung vorlag, verkleidete sich einer aus der Gruppe als Gehirn. Sie marschierten aufs Amt und rühmten das freie Denken.

Alle dürfen entscheiden, wo es langgeht

Das ist eine Seite des Grandhotels: Freiheit. Die Gruppe ist offen und diskussionsfreudig. „Wir sind basisdemokratisch organisiert“, sagt Benedikt Gleißl. Mittags diskutieren sie am Tisch. Mittwochs im Plenum dürfen alle mitreden und entscheiden, wo es langgeht.

Doch auch freie Geister stoßen an Grenzen. Da war die Baugenehmigung, da sind die Auflagen, da ist der Umbau, da ist irgendwann auch die Frage nach Geld. Viele müssen sich wie Filippo Scarito einschränken. Und auch für die Diakonie war es eine Gratwanderung. Sie gab Geld aus für eine Idee, deren Ausgang offen ist. Bis zum Einzug der ersten Flüchtlinge muss die Diakonie bis zu 300000 Euro aufwenden, um das Paul-Gerhardt-Haus zu sanieren. Einen Teil der Arbeiten wird die Gruppe übernehmen, sagt Pfarrer Graßmann. Damit die Hoteliers auch ein Einkommen haben. Im Gegenzug erhofft sich die Diakonie eines Tages Mieteinnahmen.

Benedikt Gleißl ist am Mittagstisch aufgetaucht. Er hat Betriebswirtschaft studiert und schreibt seine Diplomarbeit über das Grandhotel. „Ich möchte erreichen, dass das Haus in drei bis fünf Jahren von Spenden unabhängig ist“, sagt er. Noch lebt die Truppe von Geschenktem: alte Möbel für die Zimmer, auch für Nicht-Flüchtlinge, genauso wie Zeit und Geld. Zuletzt spülte ein Wettbewerb 10000 Euro Preisgeld in die Kasse – die aber längst in die Küche geflossen sind.

Grandhotel mit Café und Restaurant

Sie soll das Grandhotel Cosmopolis auf eigene Füße bringen. Die Gründer planen ein Restaurant. Zunächst wird am 1. Dezember ein Café eröffnen, im Eingangsbereich an der alten Theke. Und ab nächstem Jahr sollen sich Gäste einmieten können. Sie schlafen in ehemaligen Altenheimzimmern mit Blick auf Dom oder Rathaus. Künstler haben einige gestaltet. Eines ist knallrot, alle sind sie außergewöhnlich.

Die Gäste sollen nicht nur Geld ins Hotel bringen, sondern sich im besten Fall auch einbringen. Das gilt ebenso für die Flüchtlinge. Die Hoteliers möchten sie einbeziehen und gemeinsam mit ihnen arbeiten. Schon jetzt gibt es Deutschstunden, und Sven Weichenberger, der Fischwirtschaftsmeister und Imker, freut sich darauf, mit ihnen Honig zu gewinnen. „Vielleicht hat der eine oder andere sogar Erfahrung damit und wir können etwas Neues lernen“, sagt er.

Was daraus wird, weiß man spätestens im April. Pfarrer Fritz Graßmann erwartet spannende Zeiten, denn niemand hat bisher ausprobiert, Flüchtlinge in so einem Umfeld aufzunehmen. „Das Grandhotel wird ein Lernort der Zivilgesellschaft“, sagt er. Und es könnte ein Ort im Anderswo werden.

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