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Interview

08.07.2017

Gut beschirmt von Käthe Kollwitz

Hansjürgen Gartner in seinem Atelier im Holbeinhaus. Die Kreidelitho „Nie wieder Krieg“ schuf Käthe Kollwitz 1924 für einen Jugendtag.
Bild: Hans Krebs

Hansjürgen Gartner fühlt sich als Kurator dem 150. Geburtstag der Künstlerin und Pazifistin verpflichtet

In seinem Atelier im Holbeinhaus ist Hansjürgen Gartner mit der Vergrößerung einer Kreidelitho anzutreffen. Die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz (1867-1945) hat sie zum mitteldeutschen Jugendtag geschaffen, der im August 1924 in Leipzig stattfand. Abgebildet ist diese Litho jetzt im Katalog der Ausstellung „Gegenstand:Widerstand“, die sich auch als Würdigung der Kollwitz zu ihrem 150. Geburtstag am 8. Juli versteht.

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Die Präsentation findet im Kunstmuseum Ostdeutsche Galerie (KOG) in Regensburg statt. Sie wird ausgerichtet von der KünstlerGilde, deren Vorsitzender Gartner seit 2015 ist. Der 1945 im böhmischen Steinschönau Geborene und von dort Vertriebene kam über Wien nach Augsburg und bezog 1969 das Atelier im Holbeinhaus. Hier sieht es ziemlich chaotisch aus. Künstlerische und organisatorische Materialien häufen sich. Eine Ausstellung wie die jetzige bedeutet für Gartner, der auch Mitherausgeber einer europäischen Kulturzeitschrift ist, eine enorme Beanspruchung.

Herr Gartner, 2003 wurde im Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg mit der Ausstellung „Zeichen für Frieden“ auf den Irak-Krieg reagiert, 2012 mit „Macht-Ohnmacht-Übermacht“ auf die Krise der Banken und Kapitalmärkte. Worauf reagiert „Gegenstand:Widerstand“?

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Sie bezieht sich auf die gegenwärtige Situation, wo allerorts Krisen und Kriege stattfinden. Darauf wird nicht so reagiert, wie das früher eigentlich selbstverständlich war. Ich erinnere mich an die Menschenkette als Demonstration gegen die Stationierung von PershingII-Raketen. Solche Aktivitäten sind sehr zurückgegangen. Ich dachte, dass es an der Zeit ist, mit Mitteln der Kunst wieder einen gesellschaftlichen Diskurs anzuregen.

Die Diskussion um den gegenwärtigen G20-Gipfel in Hamburg hat keine Rolle gespielt?

Die Konzeption dieser Ausstellung liegt wesentlich weiter zurück. Da war von G20 nicht die Rede, aber die politische Lage in der Welt bereits alarmierend.

Am 8. Juli wird im Rahmen der Ausstellung des 150. Geburtstags von Käthe Kollwitz und ihres Widerstands gegen Krieg und Unterdrückung gedacht. Ist es richtig, sie für diese Ausstellung als „Schirmherrin im Geiste“ zu benennen?

Ja, das finde ich absolut richtig. Denn Käthe Kollwitz war eine wahrhaftige Kämpferin für sozialen Frieden, für Frieden überhaupt. Es gibt kaum eine Künstlerin, bei deren Engagement auch Ethisches und Ästhetisches so gut zueinanderfinden.

Käthe Kollwitz stammt aus Königsberg (Kaliningrad) – wie auch der in Augsburg lebende Maler Max Kaminski, der neben Daniel Spoerri und Christian Ludwig Attersee als Gastkünstler zu sehen ist. Ferner werden neben Mitgliedern der KünstlerGilde auch Künstler aus Tschechien, Österreich, Norwegen gezeigt, also grenzüberschreitend. Hatte die KünstlerGilde dennoch mit Vorwürfen des Revanchismus zu tun?

Da muss ich leider mit einem klaren Ja antworten. Als ich in den 1980er Jahren der KünstlerGilde in Esslingen beitrat, war diese Assoziation vorhanden, erklärbar auch durch Äußerungen der einen oder anderen Landsmannschaft. Aber immer war die KünstlerGilde als eine 1948 gegründete Selbsthilfeorganisation heimatvertriebenen und geflüchteter Künstler bestrebt, nur im kulturellen Bereich aktiv zu sein. Revanchismus steht Pazifismus entgegen. Und diesem fühlt sich die KünstlerGilde verpflichtet.

„Gegenstand:Widerstand“ beschwört die Kraft der Bilder (durch die Ausstellung), die Kraft des Wortes (durch 13 Textautoren im Katalog) und der Musik (durch die Uraufführung einer Kollwitz-Sonate am 8. Juli). Wie erklären Sie den Doppelpunkt im Titel?

Um künstlerische Spuren zu hinterlassen, bedarf es eines Widerstandes. Der Bildhauer gewinnt seinen künstlerischen Gegenstand gegen den Widerstand des Steines, den er bearbeitet. Genau so braucht Käthe Kollwitz den Widerstand des Bildträgers, auf dem sie zeichnet. Auch das Geistige erfährt Widerstand, wenn es frei und unangepasst sein will. Dennoch schien mir als Kurator dieses Projekts ein Gleichheitszeichen zwischen Gegenstand und Widerstand zuviel, der Doppelpunkt aber richtig.

In der Ausstellung sind Sie und Ihr in Wien lebender Zwillingsbruder Joachim Lothar als Maler und Grafiker vertreten. Kurioserweise gibt es noch ein zweites Paar.

Ja, das sind die 1955 im rumänischen Kronstadt (Brasov) geborenen, heute in Wien ansässigen Zwillinge Adrian und Virgilius Moldovan – sehr viel unterschiedlicher als mein Bruder und ich.

Interview: Hans Krebs

im Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg bis 10. September (Di-So 10- 17 Uhr, Do 10 - 20 Uhr). Katalog 18 ¤.

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