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Augsburg

17.06.2019

HWK-Präsident: Werksschließungen treffen auch Handwerk

Hans-Peter Rauch ist Präsident der Handwerkskammer für Schwaben.
Bild: Silvio Wyszengrad

Ledvance und Fujitsu, Kuka und Premium Aerotec – rund 3000 Arbeitsplätze fallen weg. Was Kammerpräsident Hans-Peter Rauch jetzt fordert.

Herr Rauch, die Rückschläge, die der Wirtschaftsstandort Augsburg in den letzten Wochen und Monaten hat einstecken müssen, haben großes Echo hervorgerufen. Wie haben Sie das als Präsident der Handwerkskammer für Schwaben erlebt?

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Hans-Peter Rauch: Das waren natürlich alles andere als gute Nachrichten. Weder für den Wirtschaftsstandort an sich, der große Unternehmen verliert, noch für die betroffenen Beschäftigten. Dass das großes Echo auslöst, ist verständlich. Leider wird dabei immer wieder vergessen, dass solche Werksschließungen oder der Abbau von Beschäftigten weit mehr Menschen trifft, als jene, die in den entsprechenden Unternehmen beschäftigt sind.

Was meinen Sie damit konkret?

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Rauch: An all den Unternehmen hängen Zulieferer, die auch aus dem Handwerk kommen. Sie fertigen spezielle Werkzeuge für die Firmen oder Prototypen oder liefern die Brotzeit, reinigen die Gebäude und so weiter. Wenn es Fujitsu und Ledvance nicht mehr gibt oder bei Kuka weniger Menschen arbeiten, als bislang, dann bekommen das diese Betriebe ebenfalls zu spüren. Denn dann wird kein Brotzeitservice mehr gebraucht und auch die Gebäude müssen nicht mehr gereinigt werden. Für diese Beschäftigten wird aber nicht demonstriert.

Wie sehr sind die von Ihnen angesprochenen Handwerksbetriebe von den aktuellen Werksschließungen in der Region betroffen?

Rauch: Das lässt sich nur schwer einschätzen, denn die Betriebe kommen nicht aktiv auf uns zu, um ihr Leid zu klagen. Sie fürchten weitere Aufträge zu verlieren, wenn jemand erfährt, dass sie wirtschaftlich angeschlagen sind. Hier versucht der Unternehmer, in Eigenregie aus der Misere zu finden. Er informiert nicht gerne wie ein bezahlter Manager über Probleme. Entsprechend erfahren wir höchstens über Umwege davon und wissen wegen der Verbindung der Handwerksbetriebe zur Industrie, dass es Betroffene geben muss. Unser Versuch bei Fujitsu herauszufinden, welche Betriebe aus dem Handwerk abhängig von der Entscheidung sind, ist beispielsweise gescheitert. Fujitsu war es in der aktuellen Lage nicht möglich, dies zu kommunizieren. Was wir aber sagen können ist, dass manche Zulieferer oder Dienstleister nur zwei oder drei große Kunden haben. Entsprechend ist die Fallhöhe, wenn einer davon wegbricht.

Das klingt nach einem sehr diffusen Bild. Können Sie dennoch anhand Ihrer Erfahrungen einschätzen, wie schlimm die Lage für die Zulieferer ist?

Rauch: Leider nein. Dazu kommt, dass die aktuelle konjunkturelle Hochphase dafür sorgt, dass diese Betriebe meist schnell neue Kunden haben und das entstandene Problem selbst lösen können.

Ist es dann überhaupt ein Problem?

Rauch: Aktuell löst wie gesagt die konjunkturelle Lage die Schwierigkeiten. Aber was, wenn es wirtschaftlich einmal nicht mehr so rosig aussieht? Mir geht es hier mehr um ein generelles Anliegen. Nämlich zu zeigen, dass es nicht nur die große Industrie gibt, die zweifelsohne wichtig ist, sondern auch Handwerksbetriebe und Mittelständler. In Augsburg sind es derzeit rund 10.352 Handwerksbetriebe bei denen etwa 42.000 Menschen beschäftigt sind. Auch sie tragen zur Wirtschaftsleistung bei und auch sie können in Not geraten. Auch wenn es dann vielleicht „nur“ um 20 oder 100 Mitarbeiter und deren Schicksal geht und nicht um mehrere hundert oder gar tausend. Aber jeder Arbeitsplatzverlust ist schlimm. Deshalb darf es doch nicht nur Ziel sein, die großen Industriebetriebe und deren Mitarbeiter aufzufangen.

Es stört Sie also, dass die Industrie stärker in der öffentlichen Wahrnehmung steht und damit auch stärkere Unterstützung erhält?

Rauch: Verstehen Sie mich nicht falsch, es tut mir auch in der Industrie um jeden Arbeitsplatz leid und ich bange mit den Beschäftigten und ihrem Schicksal. Ich verstehe auch, dass versucht wird, Aufmerksamkeit auf die Ereignisse zu lenken und Hilfen zu generieren. Das ist ja auch richtig so. Aber müssen diese Hilfen bei den Beschäftigten der betroffenen Unternehmen aufhören? Manchmal wäre es schön, wenn jemand den Blick auch in die zweite Reihe zu den Zulieferern und Dienstleistern richten würde. Auch mit Blick in die Zukunft.

Worauf spielen Sie hier konkret an?

Rauch: Es scheint derzeit so, dass gerade die großen Industriebetriebe nicht mehr zwingend an Augsburg festhalten. Der Bereich Forschung und Entwicklung wird im Wirtschaftsraum Augsburg dafür stärker, die Start-up-Szene wächst. Ich habe den Eindruck, dass sich die Wirtschaftsstrukturen verändern. Darauf muss man einen Blick haben und überlegen, wie man damit umgeht. Wenn sich die großen Industriebetriebe zurück ziehen, dann rücken in den nächsten Jahren womöglich die kleinen- und mittelständischen Unternehmen stärker in den Fokus. Aber auch ihr Wachstum und Erhalt braucht Pflege – von Beginn an.

Ist hier das 40-Millionen-Paket, das Augsburg von der Staatsregierung für Forschung und Entwicklung bekommen hat, ein richtiger Ansatz?

Rauch: Wenn, wie angekündigt, auch das Handwerk und der Mittelstand eingebunden werden, dann wäre das eine gute Sache. Denn Industrie und Handwerk gehören zusammen. Sie sind an vielen Stellen eng verzahnt und können nicht ohne einander. Kommen die Forschungsgelder bei beiden an, dann kann man damit Gutes entwickeln.

Da schwingt noch etwas Skepsis mit...

Rauch: Entgegen der Aussagen aus der Politik wurden wir als Kammer von diesem Plan völlig überrascht. Das gab es bislang noch nie. Entsprechend wissen wir noch nicht so genau, welche Rolle das Handwerk bei dem Projekt spielt und was mit dem Geld konkret geschehen soll. Entsprechend sehe ich derzeit noch keinen Nutzen für den gesamten Wirtschaftsraum, sondern vor allem für Firmen aus dem Bereich Faserverbundwerkstoffe. Aber ich bleibe optimistisch und sage, warten wir es ab.

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