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Kultur

01.12.2012

Hansi Ruile hat Augsburg verändert

Hansi Ruile zu Hause am heimischen Schreibtisch: Das Wissen und die Erfahrung des 63-jährigen Kulturmachers, der sich in seinem ganzen Leben als Studierender sah, haben die gesellschaftlichen Debatten in Augsburg bereichert.

Hansi Ruile verlässt die Kresslesmühle und hinterlässt in Augsburg eine unverwechselbaren Handschrift.

Seine Stimme wird fehlen. Denn Hansi Ruile geht. Die Kresslesmühle ohne ihn? Man will es sich nicht vorstellen. „Ich werde loslassen“, kündigt der 63-jährige Kulturmacher einen konsequenten Abgang an. Der künstlerische Leiter der Kultur- und Begegnungsstätte will nicht zu denen gehören, „die meinen, ohne sie geht es nicht“. Am 1. Januar ist der Mann, von dem man mit Fug und Recht sagen kann, dass er Augsburg in 35 Jahren ein Stück weit verändert hat, offiziell im Ruhestand.

La Piazza, die Kabaretthauptstadt Augsburg, das Festival der 1000 Töne, die Interkulturelle Akademie: Ohne Hansi Ruile hätte es dies alles nicht gegeben. Die eine oder andere Künstlerkarriere vielleicht auch nicht. Comedy-Künstler Michael Mittermeier sieht in Ruile einen Entdecker und frühen Förderer. Auch der türkische Kabarettist Django Asül zählt zu den Künstlern, die den Augsburger Kulturmanager mit ihrem Werdegang eng verbinden.

Oder die wunderbare Etta Scollo: Augsburg hätte die sizilianische Sängerin und Liedermacherin, die erfreulich regelmäßig wiederkehrt, wohl nicht erlebt. Dem legendären Festival La Piazza trauern Tausende Fans noch fast zehn Jahre nach seinem Ende nach. Denn auf einen gleichwertigen Ersatz wartet man in dieser Stadt noch immer.

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„Macht doch mal halblang“, hört man Hansi Ruile zu solchen Elogen über seine Person sagen. Der gebürtige Augsburger, der seine Heimatstadt liebt und manchmal auch an ihr leidet, ist mit seiner stattlichen Körpergröße und seinem aufrechten Gang zwar nicht zu übersehen. Sich in den Mittelpunkt zu stellen, womöglich noch auf Kosten anderer, ist seine Sache aber nicht. Ruile sagt: „Viele müssen zusammenkommen und zusammenarbeiten, damit sich etwas bewegt.“

Das stimmt. Doch es bedurfte der Ideen, der Leidenschaft und der Beharrlichkeit eines weltoffenen Mannes wie ihn, um die Kresslesmühle mit einem Anspruch zu verwirklichen, der darin besteht, die vielfältigen Kulturen und Ethnien gesellschaftlich zusammenzubringen. Die Kresslesmühle ist mit Ruile zu einer deutschlandweit anerkannten Institution geworden. Sie steht kulturell und gesellschaftlich für die Stadt im Wandel.

Seine Vision von einer Stadt, die ihren Bewohnern eine gemeinsame Identität gibt, egal ob sie deutsche Vorfahren haben oder türkische oder von sonst woher kommen, hat er schon vor 30 Jahren mutig ausgesprochen. Damals hat ihm dies vielfach den Ruf eines „Weltverbesserers und Spinners“ eingebracht.

Ruile hat aber recht behalten. Heute spricht der pragmatische Idealist gerne „vom Druck des Faktischen“. Will heißen: In einer Stadt mit einem Migrantenanteil von mehr als 40 Prozent braucht man nicht mehr darüber zu reden, ob einem die Gesellschaft so gefällt oder nicht. Es kann nur noch darum gehen, das Beste daraus zu machen.

„Wir alle haben uns bereits verändert und das wird so weitergehen“, stellt Ruile lakonisch fest. Die Gesellschaft sei weiter als Politik und Institutionen, „wo der Veränderungsprozess noch nicht in alle Köpfe gelangt ist“.

Als Anhänger der „Frankfurter Schule“ sieht sich Ruile, der Pädagogik, Soziologie und Philosophie studierte, selber in ständiger kritischer Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Erfolgreiche Gesellschaften, ob auf nationaler oder regionaler Ebene, lebten vom kulturellen Austausch, von der Toleranz und Aufgeschlossenheit gegenüber dem Fremden, „auch wenn es manchmal wehtut“. Für Ruile ist dies eine der Grundlehren der Geschichte.

Ein tiefes Verständnis dazu vermittelte ihm vor vielen Jahren sein von ihm hoch verehrter italienischer Schwiegervater bei zahlreichen Spaziergängen in Triest und im Karstgebiet oberhalb der Hafenstadt. Ruile zitiert seinen Schwiegervater Nicolo: „Ein guter Nationalstaat ist ein Vielvölkerstaat, der allen Ethnien eine sichere Heimat und Perspektiven bietet.“

Der Mann wusste nur zu gut, wovon er spricht. Die zerstörerischen Folgen des Faschismus mit seinen nationalen Überlegenheitsfantasien und Ausgrenzungen hat er im istrischen Grenzgebiet mit seiner Familie am eigenen Leib erfahren. In den „tiefen philosophischen Gesprächen“ mit dem Schwiegervater, dem modernen Kosmopoliten, hat sich Ruiles Wertebild von einer toleranten Welt verfestigt.

Spuren und Einschläge des Lebens, das Ringen mit anderen und mit sich selbst: Man merkt es Hansi Ruile an. Er weiß, was Schwermut ist. Doch die Oberhand gewinnt sie bei ihm nicht. Seine Freunde schätzen ihn als außergewöhnlichen Menschen: ernst und doch mit reichlich Humor gesegnet, belesen, klug und bedächtig, aber radikal und konsequent, wenn er meint, es mit Intoleranz und Dummheit zu tun zu haben. Dann wird der Idealist zum Zyniker.

Aber nie lange, weil Geist und Herz bei Ruile auf erfrischende Weise zusammenkommen. Nächste Woche wird es erste offizielle Abschiedsreden auf ihn geben, weitere folgen. Im Ruhestand wird es ihn mit seiner Frau Margherita häufig nach Triest ziehen und nach Venedig, wo der italienische Teil der Familie zu Hause ist. Er wird mehr Zeit haben, seine Freunde – viele von ihnen sind wie er Genussmenschen – mit seinen Kochkünsten zu verwöhnen, die er mithilfe seiner Schwiegermutter Caterina vor langer Zeit perfektioniert hat.

Und er wird gespannt die Laufbahn seiner mit 27 Jahren promovierten Tochter Anna begleiten, eine Ethnologin. Eine andere Berufswahl wäre bei diesem Papa wohl nicht infrage gekommen.

Und da wäre noch der Cineast Ruile und der leidenschaftliche Büchermensch. Langeweile droht nicht, auch nicht Passivität. Dem Vernehmen nach soll es bereits Ideen für ein Völker verbindendes Kulturprojekt in Triest geben. Für Augsburg aber heißt es: Hansi Ruile geht. Seine Stimme wird hier fehlen.

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