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Harald Schmidt

11.07.2019

Harald Schmidt bei Augsburger Allgemeine Live: „Ich haue einfach raus“

Harald Schmidt gab bei "Augsburger Allgemeine Live" im Goldenen Saal den Dirty Harry.
Bild: Ulrich Wagner

Exklusiv Entertainer Harald Schmidt gibt im Goldenen Saal des Rathauses den Dirty Harry. Sogar einen Polenwitz erzählt er. Aber es gibt Themen, bei denen er ernst wird.

Harald Schmidt hat es irgendwie geschafft, der Welt weiszumachen, dass er im Ruhestand sei. Dabei ist er gut beschäftigt, zuletzt sogar als Opernstar. Naja: In „Ariadne auf Naxos“ an der Staatsoper Stuttgart gab er den Haushofmeister. Wer gehofft hatte, „Dirty Harry“ würde singen – wurde enttäuscht. Schmidt hatte eine Sprechrolle.

Kein bisschen enttäuscht wurden die etwa 500 Besucher der neuen Ausgabe von „Augsburger Allgemeine Live“ am Donnerstagabend im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses. Auch hier sang der Schauspieler und Entertainer zwar nicht, aber er sprach. Und wie!

Auf Provokation habe er es nie angelegt, sagt Harald Schmidt

Über seinen Ruf als Chefzyniker des deutschen Fernsehens (er sei eben eine Marke), die Grenzen seiner Witzemacherei (der Holocaust) oder über seinen 18 Jahre alten Jaguar, der noch nie kaputt gewesen sei. „Weil er zu 70 Prozent bereits ein Ford Mondeo ist, technisch.“ Wenn er in den Jaguar einsteige, sei er „Teil des Hauses Windsor“.

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Sogar einen seiner berühmt-berüchtigten Polenwitze erzählte er. „Woran merkt man, dass ein Pole im Himmel ist? Am Großen Wagen fehlt ein Rad.“ Mit derlei bestritt Schmidt in den 90ern ganze Sendungen seiner „Harald Schmidt Show“ auf Sat.1. „Es waren wunderbare Jahre.“

Auf Provokation habe er es dabei nie angelegt, sagte er im Gespräch mit Chefredakteur Gregor Peter Schmitz und Kulturredakteurin Stefanie Wirsching. Er wolle unterhalten. Und überhaupt: Für ihn seien Interviews Gelegenheiten, Material zu testen. „Wundern Sie sich nicht“, erklärte er also gleich zu Beginn, dass er auf Fragen, die ihm schon einmal gestellt worden seien, komplett andere Antworten gebe. „Ich haue einfach raus.“

Darüber, was er so raushaut, wurde kürzlich mal wieder ganz grundsätzlich diskutiert. Etwa im SZ-Magazin. Da fand sich „Dirty Harry“ in einer Reihe mit Alice Schwarzer und Gerhard Schröder wieder unter der Überschrift: „Altersweisheit verzweifelt gesucht“. Einst „wichtige Menschen verstören ihre Anhänger gerade mit seltsamen Äußerungen. Warum tun sie sich – und uns – das an?“ In den letzten Wochen könne man, so die Autorin, beobachten, „wie schwierig es mitunter zu sein scheint, der eigenen Bedeutsamkeit den Ruhestand zu gönnen, sich damit abzufinden, in den aktuellen Debatten nicht mehr an vorderster Front mitzumischen. Es ist der Sommer der Meinungszombies“.

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Harald Schmidt zu Gast bei "Augsburger Allgemeine Live"
Bild: Ulrich Wagner

Bei Harald Schmidt weiß man oft nicht, woran man ist

Was Schmidt um Himmels willen gesagt hatte, um den Titel „Meinungszombie“ verliehen zu bekommen? Er hatte dem österreichischen Sender ORF3 ein Interview gegeben. In dem sagte er: „Mit den heutigen Maßstäben, auch der Political Correctness, der Sprachpolizei und des linksliberalen Mainstreams, hätte ich meine Show nach einer Woche abgenommen bekommen.“

Oder, über sein Rollenverständnis als fünffacher Familienvater: „Ich habe mich nie zum Familientrottel machen lassen. Oder wie ich es nenne: Kategorie ‘Daddy Weichei’.“ Das fand dann nicht nur die SZ-Magazin-Autorin nicht lustig. Ihr letzter Satz: „Wer das Sommerloch allerdings für Interviews nutzt, nimmt in Kauf, dass noch die treuesten Fans plötzlich erkennen, was für ein reaktionärer und unangenehmer Charakter man möglicherweise schon immer gewesen ist.“

Am Donnerstagabend wollte Schmidt seine Interviewaussagen so stehen lassen – um die Pointe nicht zu verwässern. „Ich wäre gerne reaktionär, aber mir fehlt die intellektuelle Grundlage“, scherzte er. Bei Schmidt weiß man eben nicht, woran man ist. Und doch wurde – hinter all den Pointen – ein ernsthafter Schmidt sichtbar. Einer, der etwa sagt, dass er Angela Merkel gewählt habe, „weil ich wollte, dass sie Bundeskanzlerin bleibt“. Oder dass Deutschland in Sachen Meinungsfreiheit „weit vorne“ sei. „Wollen wir hoffen, dass es so bleibt.“ Er sei ein glühender Anhänger des Rechtsstaats. Daher habe es ihn besorgt, als ihm ein Kommissar einmal erzählte: „Wir erleben es sehr oft, dass der Satz ,Wir holen die Polizei’ keine Wirkung mehr hat.“

Harald Schmidts Karriere begann in Augsburg

Harald Schmidt wurde ernst, als es um die Rettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer geht; Grünenchef Robert Habeck finde er toll. Schmidt findet aber auch Wolfgang Schäuble, den Bundestagspräsidenten, großartig. Der war vor ihm Gast bei „Augsburger Allgemeine Live“ – Schmidt hat sich die Veranstaltung angesehen. Wenn das mit den Fragen dünn werde, könne er anbieten, dass er Teile des Interviews mit Schäuble nachspiele, meinte er. Gregor Peter Schmitz und Stefanie Wirsching mussten darauf nicht zurückkommen.

Die Karriere des gebürtigen Neu-Ulmers, der in Nürtingen aufwuchs, begann einst – in Augsburg. Am Theater. Als zweiter Mameluk in Lessings „Nathan der Weise“. Was ein bisschen an den Haushofmeister aus der „Ariadne“ erinnert. Sprechrolle mit wenig Text. Der von damals hieß: „Nur hier herein!“

Entertainer Harald Schmidt war zu Gast bei "Augsburger Allgemeine Live". Im Video spricht er über die Zukunft des Fernsehens, seine Rolle als "alter, weißer Mann" und über seine ehemalige Sendung.
Video: Thomas Fritzmeier

Von 1981 bis 1984 war Schmidt am Augsburger Theater. Er verließ die Städtischen Bühnen, um ans Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ zu gehen, der Start seiner Karriere als Kabarettist. „Kabarett liegt ihm, denn er ist musikalisch, spielt Orgel und Klavier, komponiert und schreibt Texte, hat Humor und schaltet schnell“, hieß es im April 1984 in der Augsburger Allgemeine zu Schmidts unmittelbar bevorstehendem Wechsel. Stefanie Wirsching las ihm diese Passage vor. Er lachte. Chefredakteur Gregor Peter Schmitz erinnerte Schmidt zudem an ein Interview, in dem dieser über seine Augsburger Jahre gelästert habe. „Ich finde Augsburg-Bashing langweilig, ich hab hier sehr gerne gewohnt“, entgegnete ihm Schmidt. „Es war ein wunderbarer Abend“, sagte er schließlich nach mehr als eineinhalb Stunden – so gar nicht „Dirty-Harry“-mäßig.

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Entertainer Harald Schmidt war zu Gast bei "Augsburger Allgemeine LIVE". Im Video spricht er über seinen Ruf als Chefzyniker des deutschen Fernsehens, Weisheit im Alter und die Grenzen seiner Witzemacherei.

 

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