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Augsburg

29.01.2020

Haus Marie: Augsburger Heimaufsicht begleitete die Schließung

Pflegefachkraft Sandra Sobieszek und Richard Binzer, Leiter der Heimaufsicht, haben die Augsburger Pflegelandschaft im Blick.
Foto: Silvio Wyszengrad

Plus Die Augsburger Heimaufsicht prüft jährlich über 60 Einrichtungen der Pflege und Behindertenhilfe. Wenn Probleme überhandnehmen, sind sie besonders gefordert.

Wenn Richard Binzer und sein Team eine Augsburger Pflegeeinrichtung besuchen, dann steigt dort bei den Verantwortlichen nicht selten die Nervosität. Denn dann befinden sie sich einen Tag lang in einer Prüfungssituation, müssen Personalpläne und Pflegedokumentationen vorlegen, Einblicke in Räume und Küchen gewähren. Richard Binzer und seine Mitarbeiter brauchen dafür keinen Termin. „Einmal im Jahr werden die Einrichtungen von uns überprüft. Dafür kommen wir unangemeldet“, sagt er.

Mit dem eigentlichen Programm ist sein Team, das inklusive Teilzeitkräften rund fünf Stellen zählt, gut ausgelastet. So fallen in ihren Bereich 27 vollstationäre Einrichtungen der Pflege und Hospiz mit insgesamt 3110 Plätzen, 14 vollstationäre Einrichtungen der Behindertenhilfe mit 351 Plätzen, zwölf betreute Wohngruppen der Behindertenhilfe mit 105 Plätzen und neun ambulante Wohngruppen mit 73 Bewohnern.

Bei Mängeln prüft die Augsburger Heimaufsicht mehrfach

Mit einem Besuch ist es da oft gar nicht getan. Wenn Mängel auftreten, wird wiederholt geprüft. „Die Fachkräftequote des Personals muss beispielsweise stimmen“, erklärt Binzer. Eingestelltes Personal müsse in der Mindestanzahl nachgewiesen, ein verpflichtender Bewohnerbeirat beziehungsweise Fürsprecher vorhanden sein. „Die Fortbildungen der Fachkräfte sind ebenfalls vorzulegen“, fügt Sandra Sobieszek an.

Die Prüfungen gehen in die Tiefe. „Blaue Flecken müssen durch eine Dokumentation nachvollziehbar sein. Etwa wegen eines Sturzes. Wenn ein blauer Fleck nicht erklärbar ist, dann stimmt etwas mit der Dokumentation nicht. Der Träger ist verpflichtet, dieses Problem sofort abzustellen“, sagt Richard Binzer. Dasselbe gelte etwa für wund gelegene pflegebedürftige Menschen. Am Ende eines langen Prüfungstages müssen bei einem Abschlussgespräch alle aufgefallenen Probleme angesprochen werden.

Die Augsburger Heimaufsicht erhält 60 bis 80 Hinweise pro Jahr

Oft werden der Heimaufsicht, die inzwischen Fachbereich Pflege- und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FQA) genannt wird, offensichtliche Probleme von anderen Personen gemeldet. „Wir bekommen pro Jahr zwischen 60 bis 80 Hinweise, Beschwerden und Selbstmeldungen“, sagt Binzer, der gemeinsam mit seinem Team jeder einzelnen Meldung nachgeht.

Oft melden sich Angehörige bei der Augsburger Abteilung, manchmal auch überlastete Mitarbeiter oder ehrenamtliche Helfer. „Die Qualität einer Einrichtung zeigt sich oft daran, wie sie mit einem Problem wie dem Ausfall eines Mitarbeiters oder einer Beschwerde eines Angehörigen umgehen kann“, sagt Sandra Sobieszek. In manchen Einrichtungen gebe es einen Sozialdienst, eine pädagogische Fachkraft, die bei Problemen vermitteln könne. „Das federt viel ab. Aber nicht alle Einrichtungen leisten sich solch eine Stelle“, weiß Sobieszek. In anderen Einrichtungen eskalieren dagegen Probleme, wie im vergangenen Jahr im in die Kritik geratenen Haus am Schäfflerbach. Dort hatten Angehörige etwa durchnässte Betten, mangelnde Verpflegung und Körperpflege angeprangert. Träger Korian reagierte damals und installierte unter anderem eine neue Heimleiterin.

Das Haus Marie in der Oblatterwallstraße ist geschlossen. Die Bewohner mussten in andere Einrichtungen verlegt werden.
Foto: Michael Hochgemuth

In den vergangenen Wochen hat das Haus Marie Richard Binzer und sein Team stark gefordert. Dem Leiter der Hausaufsicht war bekannt, dass die Pflegeeinrichtung in der Jakobervorstadt seit Frühjahr über keine Geschäftsführung mehr verfügte. „Das kann schon einmal passieren. Allerdings nur dann, wenn es in absehbarer Zeit eine neue Lösung gibt“, erklärt er. Die stellte sich wie berichtet in der Pflegeeinrichtung nicht ein. Im Gegenteil. Ein Gesellschafter kündigte im Februar seine Anteile der Betreiber-GmbH zum 31. Dezember, der zweite Gesellschafter kündigte wiederum seine Anteile im Juni. „Eine Konstellation, die es laut GmbH-Recht so gar nicht gibt“, sagt Richard Binzer.

Das Haus Marie musste geschlossen werden

Es folgten Monate, in denen er die Gesellschafter immer wieder aufforderte, für klare Verhältnisse für Bewohner, Mitarbeiter und Betreuer in der Zeit nach dem 31. Dezember zu sorgen. In dieser Zeit häuften sich die Besuche seines Teams im Haus Marie. „Wir konnten aber nicht einschreiten. Die Vorgaben waren so weit erfüllt, die Pflege gewährleistet“, sagt er. Das änderte sich im Januar. Richard Binzer hatte seinen Urlaub verschoben, der zwischen den Jahren geplant war, damit er die Vorgänge im Haus Marie begleiten konnte. Nachdem es zu einem Personalengpass kam, ein Notgeschäftsführer nicht installiert werden konnte, nahm das Team der Heimaufsicht das Heft in die Hand. Sie nahmen den Kontakt zu Angehörigen und Betreuern auf – fragten Einrichtungen ab, ob sie Heimbewohner aufnehmen könnten.

Schließlich fiel die Entscheidung, das Haus zu schließen. „Das Gesundheits-, Ordnungsamt, Sozialreferat und wir haben alle gut zusammengearbeitet, weil wir das Beste für die Bewohner rausholen wollten.“ Allein 120 Telefonate habe er am Donnerstag, dem Tag vor der Schließung, geführt. Obwohl die Heimaufsicht Aufnahmestopps erteilen und die Einrichtung schließen kann, wird der Fall Haus Marie einmalig für Richard Binzer bleiben. So etwas habe er noch nie erlebt. „Das ist ein Einzelfall“, sagt er, der ihn nach wie vor beschäftigt.

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