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27.02.2021

Herrenbach und Spickel: Streifzug zwischen Schrebergärten und Schwabencenter

Steffi Huber (links) wohnt im Herrenbach, Henry Ostberg (rechts) im Spickel. Die Stadtteile trennen nur wenige Meter - trotzdem sind sie sehr gegensätzlich.
Bild: Anna Katharina Schmid

Plus Millionäre hier, Hartz-IV-Empfänger da? Herrenbach und Spickel gehören zu einem Bezirk, könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Zwei Bewohner geben Einblicke.

Es gibt in Augsburg kaum Stadtteile, die sich so verschieden gegenüberstehen. Graue Hochhäuser auf der einen, sortierte Reihenhäuschen mit roten Dächern auf der anderen Seite. Der malerische „Südtiroler Weinladen“ - im Hintergrund die Front des Schwabencenters. Im einen Teil gab es einmal eine Tafel, im anderen floriert ein Montessori-Kindergarten. Kaum zu glauben, dass beide einen Stadtbezirk ausmachen: Spickel-Herrenbach. Zwischen den Orten klemmt die Friedberger Straße wie ein Keil. Millionäre hier, Hartz-IV-Empfänger da? Auf der Suche nach der Mitte.

Der Spickel ist Henry Ostbergs Wahlheimat

Ein Windspiel weht in einer Brise, unter einem Pavillon ruhen verpackte Gartenmöbel. Der Garten ist Henry Ostbergs Lieblingsort - und der Spickel seine Wahlheimat. Durch die blätterlosen Bäume am Rande kann man die Schallmauern der Bahnstrecke sehen. Hinter den mit wilden Schriftzügen bemalten Wänden ragen die Türme des Schwabencenters in die Höhe. Ostberg erinnert sich an seinen Vormieter, von dem er seine Wohnung im Spickel vor 17 Jahren übernommen hat. „Er hat gesagt, die Aussicht auf die Schwabencenter-Türme ist romantisch. Ich dachte, das sei ironisch.“ Grau und stoisch heben sich die Türme gegen den blauen Himmel ab. Ostberg hebt die Augenbrauen. „Aber das hat er ernst gemeint.“

Viele Häuser im Spickel haben Zugang zu einem Garten.
Bild: Anna Katharina Schmid

Ostberg, der lange Zeit als Linguist eine akademische Beamtenlaufbahn an der Universität in Augsburg verfolgte, hat in vielen Stadtteilen gewohnt. In der Innenstadt etwa, in einer Jugendstilwohnung mit vier Meter hohen Decken, in der Hammerschmiede, in der Firnhaberau. Nirgendwo fühlte er sich so wohl wie hier - obwohl er auch innerhalb des Spickels eine Trennung zwischen zwei Gruppen beobachtet: die sehr Reichen und wie er sagt, die „Normalen“, zu denen er sich zählt.

„Fast ländlich“: Spickel-Bewohner schätzen die nachbarschaftliche Atmosphäre

In seiner Straße begegnet Ostberg einer Nachbarin. Er grüßt, sie lächelt unter ihrer Wollmütze hervor und streut Salz auf den vereisten Weg. Sie wohnt seit 45 Jahren im Spickel, sagt sie. „Es ist einmalig hier.“ Es fühle sich fast ländlich an. Wenn man sich sehe, grüße man. Oder helfe sich, die Einkaufstüten zu tragen. Kürzlich erst seien neue, junge Nachbarn eingezogen. Sie hätten einen nervtötend lauten Rasenmäher mitgebracht, erzählt Ostberg und schmunzelt. Aber: „Wir haben uns gleich geduzt.“

Ostberg klappt sich die getönten Sonnengläser über seine Brille. Der 74-Jährige ist viel in seinem Stadtteil unterwegs, am liebsten geht er zur Spickel-Wiese. „Im Sommer ist die Wiese voller Leben“, sagt der 74-Jährige. Die Nähe zum Eiskanal nutzten viele zum Baden, auch er selbst gehe im Sommer gerne ins Wasser. Er beobachtet, wie ein Vater und sein Kind einen kleinen Hügel hinunter rodeln, ein Freudenschrei hallt über die Ebene.

Die Carron-Du-Val-Straße im Spickel: Viele Häuser haben hier keine Namensschilder

Der Spickel - ein Ort der betuchten Gesellschaft und Millionäre? Die Wurzeln dieser Annahme liegen zum Teil in der Geschichte des Stadtteils. Der Name kommt von dem besonderen Standort der 1800 erstmals erwähnten „Waldgaststätte“. Sie lag auf einem Landstrich zwischen dem Lech und dem Lechkanal, der eine Keilform bildete, auch Zwickel genannt. Ein Architekt entwickelte 1918 die Idee für die „Gartenstadt Spickel“ für wohlhabende Volksschichten wie Beamte und Angestellte.

Die Spickelwiese ist für viele Menschen ein beliebtes Ausflugsziel.
Bild: Anna Katharina Schmid

Heute leben im Spickel etwa 2700 Menschen. Sie wohnen in Reihenhäusern, flachen Bauten aus den Siebzigerjahren und Villen, an denen keine Namensschilder hängen. An der Einfahrt zur Carron-Du-Val-Straße bleibt Ostberg stehen. Die Straße ist bekannt für die Luxushäuser, die hier stehen. Ostberg sagt, er habe hier keine Bekannten. „Im Spickel gibt es zwei Gruppen - und die mischen sich nicht.“ Es ärgert ihn, dass er manchmal, wenn er den Spickel als seine Heimat angibt, in die "Reichen-Schublade" gesteckt wird. Schlechte Erfahrungen habe er aber nie gemacht, auch im Herrenbach nicht.

Zum Einkaufen gehen die Bewohner des Spickels zum Schwabencenter

Wie alle Bewohner des Spickels geht Ostberg zum Einkaufen in den Edeka im Schwabencenter im Herrenbach. Die Stadtteile seien grundverschieden. „Die Trennung zwischen den Orten ist groß“, sagt er. „Aber nicht feindselig.“ Wenn er mit der Straßenbahn unterwegs ist, sehe er, wer aussteigt und wer eine Station weiter in den Spickel fährt. „Da ändert sich die Zusammensetzung der Menschen und die Sprachen, die ich höre“, sagt der Linguist. Im Spickel verschwinde die sprachliche Vielfalt: „Es ist eher kleinbürgerlich und konservativ, mit ein paar grün-liberalen Ausnahmen.“ Er hat Freunde im Herrenbach, die er gern besucht.

In Ostbergs Garten, seinem Lieblingsort im Spickel, weht eine rote Frankenfahne. Er kommt ursprünglich aus Nürnberg und spricht von seinem "fränkischen Migrationshintergrund" - will aber nicht mehr zurück. Seine Heimat ist der zweigeteilte Ort mit den Reihenhäuschen und Luxusvillen. Was er vermisst: „Wir hatten einmal einen Tante-Emma-Laden“, erinnert sich Ostberg. „Jetzt gibt es keine Möglichkeit mehr, einzukaufen.“ Ab den Siebzigerjahren verschwanden die Läden aus dem Spickel - mit dem Bau des Schwabencenters.

Das Schwabencenter gehört untrennbar zum Herrenbach dazu

Wenn Steffi Huber durch das alte Einkaufszentrum läuft, sieht sie nicht nur leere Räume. Die 36-Jährige verbrachte in ihrer Kindheit viel Zeit im Schwabencenter: „Hier war mal ein Schmuckgeschäft, da ein Jeansladen.“ Sie erinnert sich an einen Musikladen des Drogeriemarktes Müller, in dem sie sich als Jugendliche durch sämtliche Alben hörte. Der große „Toys R Us“, der Magnet des Zentrums. Sie verschwanden. Huber vermutet, dass die im Jahr 2001 eröffnete City Galerie das verursachte: „Sie war das Todesurteil für das Schwabencenter.“

Der Herrenbach entstand aus der großen Wohnungsnot nach dem zweiten Weltkrieg, die meisten Wohnblöcke stammen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Etwa 11.000 Menschen leben hier. Ein wirkliches Zentrum gibt es nicht. Huber grüßt im Vorbeigehen den Besitzer eines Imbisses, beide lächeln sich an. Die Herrenbacherin arbeitet in einem Physiotherapie-Studio in einem der Türme. Auf dem Weg zur Arbeit kennt sie nahezu alle Menschen, die ihr begegnen. „Das Schwabencenter und die Türme haben Dorfcharakter“, sagt sie. Die Fassade sei zwar nicht schön, aber die Wohnungen darin schon: Viele waren beim Bau der Hochhäuser Trendimmobilien.

Rechts im Foto: die drei Türme des Schwabencenters.
Bild: Ulrich Wagner (Archivbild)

Vor dem Einkaufszentrum steht eine kleine Gruppe und raucht. Dass die etwa 70 Meter hohen Gebäude nicht den ästhetischen Vorstellungen von heute entsprechen, ist Huber bewusst. „Die Türme sehen schon aus wie Sozialbunker. Oder Berlin Plattenbau“, sagt die 36-Jährige mit einem Blick auf die grauen Fronten, die sie schon als Kind mochte. Sie ärgert sich, wenn sie Kommentare über die Hochhäuser im Internet liest: „Manche Leute finden sie schrecklich und sagen, sie sollen abgerissen werden. Da wohnen so viele Menschen. Und die Türme gehören zum Herrenbach!“

Huber hätte gerne ein Haus im Spickel - aber nicht für die aktuellen Preise

Viele Patienten der Physiotherapie-Praxis kommen aus dem Spickel. In der Schulzeit hätten sich die Leute beider Stadtteile eher vermischt, erinnert sie sich. Heute ist das anders. Aber es gebe keine Spannungen oder Konflikte. Trotz der räumlichen Nähe seien die Bewohner des Spickels eine ganz andere Gruppe mit einer grundverschiedenen Mentalität, etwas alternativer, wie Huber sagt. Durch ihre Patienten erfahre sie viel über die Bewohner des Stadtteils. „Ich weiß, dass da nicht nur Millionäre wohnen, sondern auch sehr freundliche Menschen aus normalen Verhältnissen.“

 

Sie und ihre Partnerin hätten gern ein Haus auf der anderen Seite der Friedberger Straße: „Diese Häuschen sind schon sehr süß.“ Doch gegen den Spickel sprechen für sie mehrere Gründe, die Kosten für Häuser und Wohnungen sind einer davon. Und: „Ich will nicht so viel mehr zahlen, nur damit ich dann hundert Meter weiter wohne.“ Ein anderer Punkt sei die schlechtere Versorgung mit Läden und Einkaufsmöglichkeiten.

Die Schrebergärten im Herrenbach sind ihr Lieblingsort

Ein paar Straßen weiter ist Huber an ihrem Lieblingsort. Im Sommer tollen hier Kinder über den Rasen, der Duft von Grillkohle und Gebratenem liegt in der Luft, zusammen mit der unbeschwerten Leichtigkeit von Urlaub. Jetzt bedeckt Schnee die Schrebergärten in Herrenbach, die Hütten, Grills und Campingstühle schlummern im Winterschlaf.

Der Herrenbach, ein beliebtes Gewässer für Badefreudige.
Bild: Anna Katharina Schmid

Sobald die Wassertemperatur des nahen Herrenbachs über 18 Grad liegt, fängt bei Huber und ihrer Partnerin die Badesaison an. „Da scheuen manche unserer Gäste schon zurück“, sagt sie vergnügt. Ihre blauen Augen strahlen mit dem Himmel um die Wette. „Im Sommer wundert es niemanden, wenn die Leute mit Badekleidung an der Straße entlang laufen.“ Das sei Teil der Herrenbacher Mentalität: gemütlich, gesellig und eine tiefe Verbundenheit zum Gewässer Herrenbach.

Huber wollte nie wegziehen. Als sie als Zeitsoldatin arbeitete, musste sie fast zwei Jahre an einen anderen Standort wechseln. „Das war schlimm für mich, ich habe den Herrenbach so vermisst.“ Viele ihrer Bekannten wechselten im Laufe ihres Lebens den Wohnort, viele kamen wieder zurück. Manche zogen der wegen der Liebe zurück, manchen fehlten Familie und Freunde - und das kalte Herrenbach-Wasser. „Viele sagen ja, die Augsburger sind solche Grantler“, sagt Huber. „Aber das ist die Heimat. Der Herrenbach ist mein Zuhause.“

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20.02.2021

Sehr schöner Artikel und auf beiden Seiten gab und gibt es Gewinne und Verluste. Der Herr Schnerr mit seinem Laden bzw. Rewe Markt Socher auf der einen und der Müller for Music auf der anderen Seite gibt es leider nicht mehr. Der Eiskanal, als das Badeparadies schlechthin, besteht und verbindet.

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