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Judentum

13.05.2015

Heute ist sie die letzte Überlebende

Ruth Melcer
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Ruth Melcer

Ruth Melcer erzählt anhand von Rezepten auch ihre Familiengeschichte

Es ist der Geschmack der alten ostjüdischen Heimat, den Ruth Melcer hier verewigt hat. Den Geschmack von Tscholent und Kreplach, von Borschtsch und Lekech, die zu Hause bei Familie Cukierman im zentralpolnischen Tomaszów Mazowiecki (Bezirk Lodz) gekocht wurden. Die heile Welt ist allerdings für die siebenjährige Ryta, so ihr Name auf Polnisch, 1942 zu Ende gegangen. Die Familie musste ins Getto umziehen – mit all den Schrecken weiterer Leidensstationen, bis Ryta schließlich 1945 aus Auschwitz freikam. München und Augsburg sollten ihre neue Heimat werden.

Ein Kochbuch zu schreiben wäre ihr lange nicht eingefallen. Sie war Chemielaborantin, dann Geschäftsfrau und Mutter von drei Kindern, als sie von 1959, dem Jahr ihrer Heirat, bis 1990 in Augsburg wohnte. Jeden Tag brachte sie zwar ein warmes Mittagessen auf den Tisch, jedoch: „Oft hatte ich gerade mal eine halbe Stunde Zeit zur Vorbereitung.“ Erst als die Bar-Mizwa ihrer Enkel anstand und Ruth Melcer eine Überraschung für die Familie ausdachte, fiel ihr ein, „dass ich die letzte Überlebende bin, die in der Lage ist, etwas über die Familiengeschichte zu erzählen“. Und sie erinnerte sich an ihre Mutter Hanna, an Oma Liba und an ihre Tanten Reginka und Tamara, die „fantastische Gastgeberinnen“ gewesen seien und „wunderbare Rezepte“ kannten.

Mithilfe von Ellen Presser, die seit 1983 das Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München leitet, hat sie die alten Rezepte „fardajtscht un farbessert“. Geblieben ist eins: Die jüdische Küche ist keine schnelle. Viele Gerichte sollen stundenlang köcheln, die traditionelle Schabbatspeise „Gefilte Fisch“ muss hernach erst wieder abkühlen. Immer wieder werden Zutaten klein gehackt und zu Pasteten durch den Wolf gedreht.

Melcer kocht nicht unbedingt koscher, doch auch sie mischt nicht das Fleischige mit dem Milchigen. Zu Pessach wird selbstverständlich Mehl der ungesäuerten Matzen genommen und für den feierlichen Vorabend das süße Charoset-Mus aus Äpfeln, Haselnüssen und Rosinen gerieben. Überhaupt die Speisevorschriften: Für Schabbat wird das vorgekochte Essen warm gestellt, an Chanukka gibt’s in Fett Gebackenes wie Krapfen und Kartoffelpuffer, an Samstagen und an Feiertagen hat immer ein Glas Tee und ein Stück Lekech, der trockene Kuchen, für einen unerwarteten Gast bereitzustehen. In den Segensbecher zur Eröffnung des Ruhetags gehört koscherer Wein, den nur ein „Schomer Schabbat“, ein Hüter des Schabbats, entkorken darf.

Nebenher erzählt die jetzt 79-jährige Ruth Melcer von ihrer Familie, ihrem Ehemann Jossi aus dem Städtchen Olkusz zwischen Krakau und Kattowitz, ihren drei Kindern – und vom Kochen. Einschließlich deftiger jiddischer Weisheit („Fin schmule lokschn hot man nit kajn brajten tuches“ / Von schmalen Nudeln kriegt man keinen breiten Hintern) und Witzen („Wie gerecht der Ewige ist: Den Reichen gibt er Essen, den Armen den Appetit“).

Die wunderbaren Rezepte meiner jüdischen Familie, Gerstenberg Verlag, 160 Seiten, 19,95 Euro.

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