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Sinfoniekonzert

20.11.2013

Hitze, aber auch Hektik

Salomons Stimme: Cellist Maximilian Hornung als Solist in Ernest Blochs „Schelomo“-Rhapsodie, begleitet von den Augsburger Philharmonikern unter Gastdirigent Kazem Abdullah.
Bild: Siegfried Kerpf

Gastdirigent Kazem Abdullah holte aus einem hervorragenden Programm wenig mehr heraus als oberflächliche Effekte. Dafür überzeugte Cellist Maximilian Hornung

In diesen Tagen, da der Novemberpogrome gegen die Juden vor 75 Jahren gedacht wird, erscheint ein Programm wie das des 2. Sinfoniekonzerts der Augsburger Philharmoniker in einem besonderen Licht. Ist es doch ein Programm, dessen Werke von Komponisten jüdischer Herkunft stammen, von Leonard Bernstein, Ernest Bloch und Paul Ben-Haim. Mithin von Künstlern, deren Musik vor einem Dreivierteljahrhundert (wenn sie denn damals schon bestanden hätte, was nur im Falle Blochs gilt) gewiss gebrandmarkt worden wäre mit dem Begriff „entartet“ – jenem Schandetikett, das gerade wieder durch die Tagesdebatten geistert im Zusammenhang mit dem Münchner Kunstfund.

Ein aktuelles Programm also in vielerlei Hinsicht, das nebenbei die Frage streifte, ob Komponisten jüdischer Herkunft denn auch jüdische Musik schreiben? Gewiss sind die drei Genannten in dieser Hinsicht nicht über einen Kamm zu scheren. Und doch: Trotz der ein oder anderen Reminiszenz an jüdische Melodiefolgen oder Rhythmen waren Bernstein, Bloch, Ben-Haim tief verwurzelt in der europäischen Musiktradition. Für alle drei gilt deshalb wohl zuvorderst das Wort von Ernest Bloch: „Einzig wesentlich ist für mich, eine gute, authentische Musik ... zu komponieren.“

Aus dem Instrument spricht der König Salomon

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Solche Musik, versteht sich, braucht adäquate Interpreten. Einen wie Maximilian Hornung, den in Augsburg zur Schule gegangenen Cellisten, der den Solopart von Blochs „Schelomo“ übernommen hatte. In dieser Rhapsodie über Salomon ist dem Cello gewissermaßen die Stimme des alttestamentarischen Herrschers übertragen. Hornung gestaltete seine Solopassagen denn auch unmissverständlich als individuelle Rede: einerseits sinnend und dunkel ahnungsvoll in den unteren Lagen des Instruments, immer wieder aber auch herrisch auffahrend in schwindelnde Höhen. Hornung gab dieser Klangrede auch eine orientalische Färbung, indem er etwa Töne dezent verschliff. Merklich lag dem vor Energie strotzenden Solisten der impulsive, hoch anspruchsvolle Cellopart des „Schelomo“.

Hornungs Partner am Pult des Orchesters war ebenfalls ein Gast: Kazem Abdullah, Aachens neuer junger Generalmusikdirektor. Der US-Amerikaner ist ein Dirigent, der vorzugsweise die Kulminationspunkte der Musik in den Blick nimmt, die er als brachiale Entladungen, als regelrechte Klanggewitter inszeniert. Das galt für „Schelomo“ wie für Ben-Haims „Dance and Invocation“, vor allem aber für das Hauptstück des Abends, Bernsteins 3. Sinfonie „Kaddish“. Abdullah setzte das Sinfonie-Konglomerat für Orchester, Chöre und Erzählstimme von Anfang an unter starke Hitze, was sich zunächst als Intensität mitteilte, auf längere Sicht jedoch dem Eindruck von Hektik wich. Bernsteins Zwiegespräch mit Gott, das Züge von Hiobs Ringen enthält, fehlte jedenfalls ein wichtiges Element: Tiefe. Da konnte Sopranistin Cathrin Lange sich noch so anrührend in die Höhe schrauben und die Augsburger Domsingknaben noch so kinderglockenhell intonieren: Die Chance, das existenzielle Moment in Bernsteins „Kaddish“ mehr als nur an der Oberfläche zu streifen, ließ Abdullah ungenutzt. Aber auch das Orchester schien am Montagabend in der Kongresshalle nicht derart konzentriert am Werk, wie man es von der vergangenen Konzertsaison gewohnt ist. Solide der Sängerverbund aus Philharmonischem Chor und Opernchor.

Doch da war noch Brigitte Fassbaender, die als Sprecherin des Bernstein’schen Textes verpflichtet worden war. Die 74 Jahre alte Mezzo-Legende verstand ihren Vortrag als quasi zusätzliche Partiturstimme, modulierte inhaltsgerecht durch alle Stufen der Ungehaltenheit und gab auf diese Weise wenigstens dem gesprochenen Teil der Sinfonie jene Wahrhaftigkeit mit, die die Musik vermissen ließ.

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