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Augsburg

23.05.2019

Hofgarten: Was es mit den fünf Steinzwergen auf sich hat

An der Nordseite des Seerosenbeckens im Hofgarten aufgereiht stehen die fünf Barockzwerge aus dem Nachlass von Hofrat Sigmund Röhrer.
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An der Nordseite des Seerosenbeckens im Hofgarten aufgereiht stehen die fünf Barockzwerge aus dem Nachlass von Hofrat Sigmund Röhrer.

Nicht nur die Augsburger genießen gerne die Idylle des Hofgartens. Dort halten sich auch fünf Steinzwerge auf. Zu diesen Figuren gibt es eine Geschichte.

Stirnrunzelnd haben schon oft Besucher im Hofgarten am Fronhof die fünf urkomischen Steinzwerge entlang der Nordseite des Seerosenbeckens betrachtet. Die rundlichen kleinen Gestalten tragen zwar menschliche Züge, scheinen aber figürlich gänzlich aus der Form geraten. Dass die Skulpturen trotz ihres gepflegten Zustands sehr alt sind, dessen sind sich interessierte Hofgarten-Besucher sicher. Doch ihre Bedeutung erschließt sich nicht. Was sollen sie ausdrücken? Woher stammen sie?

Zur Geschichte dieser fünf Gestalten muss in der Augsburger Druckgeschichte über 300 Jahre zurückgeblättert werden. Die Vorlagen lieferte der Augsburger Verleger Martin Engelbrecht mit einem zwischen 1707 und 1711 gedruckten „Musterbuch“. Der Titel: „Il Callotto resuscitato oder Neu eingerichtes Zwerchen Cabinet“. Es enthält 57 Abbildungen des Augsburger Kupferstechers Elias Baeck. Sie zeigen skurrile Figuren in Zwergengröße mit übergroßen Köpfen und kurzen Beinen, verwachsene Gestalten mit den unterschiedlichsten Attributen. Die Erklärung zu jedem Bild liefert ein Text. Er verdeutlicht, dass es sich um Karikaturen handelt.

In der Hand der Rest des Pilgerstabs

Ein Beispiel ist der auf Blatt 29 persiflierte Pilger „Bartholdus Gursakawiz aus groß Pohlen gebürthig, unwürdiger Waldtbruder auß Gallicien kommendt“. Ein Vierzeiler erklärt: „Ey schauth den armen Mann, der also aldt und blindt. Gleich wohl noch ohne hülff ein jedes Wirthauß findt. Ach! Wie vill Eimer wein hat Er zu leib genommen, biß Er ein solchen Barth und diken Kopff bekommen.“ Muscheln an Hut und Umhang, der Wanderstab und die Wasserflasche am Gürtel sind typische Pilger-Attribute. Ein solcher in Stein gehauener „Bartholdus Gursakawiz“ steht im Hofgarten. Seine linke Hand hält den Rest des Pilgerstabes. Muscheln und Wasserbehälter sind erhalten.

Hofgarten: Was es mit den fünf Steinzwergen auf sich hat

Der Augsburger Verleger erfand vor über 300 Jahren die pittoresken „Zwerchen“ nicht. Er verweist auf dem Titelblatt auf den Urheber. Bereits 1616 hatte der französische Zeichner und Kupferstecher Jacques Callot (1592-1635) Stiche mit Darstellungen buckliger, unförmiger Figuren als Satire auf menschliche Eigenheiten und Schwächen geschaffen. Danach entstanden die frühen steinernen „Callot-Figuren“. Rund hundert Jahre nach Callots Bilderserie brachte das „Augsburger Zwerchen-Buch“ die „Zwergenmode“ im Geiste einer volksfremden Hof- und Adelskultur wieder in Schwung.

Skurrile Steinzwerge sind seit 1710 in Salzburg belegbar, seit 1711 stehen sie im Konventgarten des Benediktinerstifts Lambach (Oberösterreich), seit 1712 beim Schloss Weikersheim (Baden-Württemberg). Weitere Zwerge aus dieser Epoche sind in den Parks von Schloss Weikersdorf (Baden bei Wien) und Schloss Neuburg am Inn (Landkreis Passau) zu sehen – und seit 1955 in Augsburg.

Was im Dunkeln liegt

Wer vor über 300 Jahren der Auftraggeber der jetzigen Hofgarten-Zwerge war und wer sie schuf, liegt bislang im Dunkeln. Es ist auch unbekannt, aus welchem aufgelösten „Zwergengarten“ sie stammen und wie sie in den Besitz von Hofrat Sigmund Röhrer kamen. Er verstarb 1929 und hinterließ darüber keine Aufzeichnungen. Bereits 1924 hatte der Sammler Augsburg rund 1000 Kunstobjekte gegen eine Leibrente überlassen.

Später erhielt die Stadt aus Sigmund Röhrers Nachlass ein riesiges Seegrundstück in Unterschondorf am Ammersee. Darin standen 17 Steinplastiken, darunter die fünf Zwerge. Deren Standort lassen Beschreibungen und Bilder verorten: Sie waren erhöht auf dem nördlichen Teil einer Kaimauer aufgereiht. Alle 17 Gartenskulpturen wurden Anfang der 1950er-Jahre nach Augsburg gebracht. Das fast 4000 Quadratmeter große Seegrundstück am Ammersee steht als „Augsburger Badeplatz“ städtischen Mitarbeitern als Erholungsgelände zur Verfügung.

Fünf Zwerge im Stadtgarten

Die Barockzwerge tauchen in einer Zeitungsmeldung vom 7. Mai 1955 in Augsburg wieder auf. Sie trägt die Überschrift „Fünf Zwerge zogen in den Stadtgarten ein“. 1955 wurde der Stadtgarten um den Ludwigsbau neu gestaltet. 10 der 17 Steinskulpturen aus dem Röhrer’schen Park fanden Plätze in Blumenrabatten, die restlichen sieben waren zu sehr beschädigt, um aufgestellt zu werden.

Nachdem 1963 der Abbruch des Ludwigsbaus und der Neubau einer Kongresshalle beschlossen war, mussten die Steinskulpturen weichen. Fünf davon fanden sofort einen neuen Platz: Die fünf Barockzwerge passten in die Neugestaltung des ehemals barocken Hofgartens der Fürstbischöfe (Eröffnung am 1. Juli 1964). Auf niedrigen Sockeln stehen auf der Teichterrasse (von links) „Dan Hagel, Botavischer Bootsknecht“, „Natan Hirschl, der Pragerische Judenschafft Primas, und des häbräischen Gesatzes approbierter Püven-maister in seinem Schulkleydt“, der skurrile Pilger „Bartholdus Gursakawiz“, der Advokat „Dr. Lucas Hirnzwik“ und die „Zwölfjährige Braut Margl Wolkenthoulerin“. Dass es sich bei den Steinplastiken um etwa 300 Jahre alte barocke Originale handelt, bestätigten Restauratoren.

Eine weitere Skulptur aus dem Villenpark am Ammersee bekam einen separaten Standplatz im Hofgarten: Es ist der inmitten einer Blumeninsel stehende „Mann mit Krone“, von den Hofgarten-Gärtnern „Elfenkönig“ getauft.

Frühere Folgen des Augsburg Album finden Sie hier:  www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

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