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Augsburg

12.08.2019

Hohe Mieten setzen Einzelhändlern zu – und sorgen für Leerstände

Seit Kurzem ist der Esprit-Laden in der Annastraße geschlossen. Es ist nicht der einzige Leerstand in dieser Innenstadtlage.
Bild: Christoph Kölle

Plus Die Leerstände in der Augsburger Annastraße werden nicht weniger. Ist ein Geschäft neu vermietet, schließt ein anderes. Inhaber berichten von ihren Nöten.

Die Annastraße hat einen weiteren großen Mieter verloren. Der Esprit-Laden ist seit Kurzem Geschichte. In den letzten Tagen ist er vollends ausgeräumt worden. Jetzt ist nur noch das leere Geschäft übrig. Wer als Nächstes einziehen wird, ist bislang unklar. Umliegende Händler wollen gehört haben, dass sich ein Internetshop eine stationäre Adresse zulegen und in das Gebäude einziehen will. Ob das wirklich stimmt, weiß aber keiner genau.

Einig sind sich Geschäftsinhaber allerdings darüber, dass die Fläche nur von einem potenten Mieter bezogen werden kann. Denn die Annastraße sei ein teures Pflaster. Je nach Lage und Größe der Immobilie seien Mieten zwischen 5000 und über 30.000 Euro im Monat fällig, erzählt man. Dazu kämen dann in der Regel noch Nebenkosten, das Gehalt für Personal und einen selbst sowie die Ware. „Als inhabergeführtes Geschäft kann man sich diese Summen so gut wie nicht leisten“, erzählt eine Geschäftsinhaberin, die lieber anonym bleiben will, um sich die Chancen auf dem Mietmarkt nicht vollends zu verbauen.

Die hohen Mieten für Läden in der Stadt sind für viele ein Problem

Seit einiger Zeit versucht sie nämlich, für ihren Laden ein neues Zuhause in attraktiver und zentralerer Lage als bisher zu finden. Denn nur so wird sie in Zukunft überleben können. Sie braucht dringend mehr Laufkundschaft. Doch die Mieten bremsen ihr Vorhaben bislang aus. „Ich habe mich nach Objekten in der Annastraße erkundigt, aber ich kann keine 10.000 oder 15.000 Euro Miete zahlen. Das lässt sich mit meinen Produkten nicht erwirtschaften“, sagt sie. Diese Mietpreise wären drei- und viermal so hoch wie das, was sie aktuell in ihrer etwas versteckten Innenstadtlage bezahlt. Die Kosten, die ein Umzug beispielsweise für neue Möbel und ein Mehr an Ware mitbringen würde, seien da noch nicht eingerechnet.

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Lesen Sie dazu auch: Einkaufen: Wie lässt sich die Annastraße beleben?

Die Geschäftsinhaberin ist mit ihrer Meinung nicht alleine. Immer wieder hört man aus Händlerkreisen, die Annastraße und manch andere direkte Innenstadtlagen seien für kleine und inhabergeführte Unternehmen oder gar Unternehmensgründer (Start-ups) zu teuer. Selbst Geschäfte, die sich bereits hier angesiedelt haben, kämpfen mit den Konditionen. „Ich brauche einen guten Wochenumsatz allein für die Miete. Erst danach fange ich an, Einnahmen zu generieren, die ich für mein Personal, die Waren sowie Versicherungen und mich brauche“, erzählt eine weitere Geschäftsfrau. Auch sie will lieber anonym bleiben. Bislang könne sie an ihrem Konzept nur festhalten, weil sie sich die Ladenfläche mit einem anderen Mieter teilt.

Annastraße: Interessenten sind Objekte zu teuer

Vor allem das untere Ende der Annastraße hin zur Karlstraße bekommt die hohen Mietpreise offenbar zu spüren. Dieser Abschnitt leidet seit Längerem unter einer höheren Leerstandsquote. Zwar haben sich mit Obag oder Cumpanum auch wieder neue Geschäfte niedergelassen, doch nach wie vor stehen große Flächen wie der ehemalige Depot oder kleinere Läden in unmittelbarer Nähe leer. „Es kommen immer wieder Interessenten, wie ich das aus der Ferne mitbekomme. Aber offenbar sind auch denen die Objekte zu teuer“, erzählt eine Ladeninhaberin. Unter Händlern höre man, sogar namhafte Unternehmen hätten wegen der hohen Mieten abgesagt.

Dass die Mieten den Geschäften in Augsburg zu schaffen machen, weiß auch Andreas Gärtner vom Schwäbischen Einzelhandelsverband – auch wenn sich diese längst nicht mehr auf Höchststand bewegen. „Um 2008 herum lag der maximale Quadratmeterpreis um die 100 bis 110 Euro. Heute sind wir etwa bei 65 Euro“, ordnet er ein. Dennoch seien die Mieten gerade für inhabergeführte Einzelhändler eine große Herausforderung. Gärtner nennt das Beispiel eines Textilhändlers mit einer Fläche von 100 Quadratmetern: „Dieser Händler müsste einen Jahresumsatz von 750.000 Euro machen, damit er angesichts der aktuellen Mietpreise wirtschaftlich sein kann.“ Auch eine andere Rechnung des Handelsexperten lässt aufhorchen: Mietet der Einzelhändler die Immobilie für zehn Jahre und einem angenommenen Durchschnittspreis von 50 Euro pro Quadratmeter und richtet sich dazu auch noch komplett neu ein, muss er für diese Laufzeit mit einer Investition von rund 1,2 Millionen Euro rechnen. Ohne Personal- und Nebenkosten oder Ware.

Augsburgs Innenstadt sticht laut Gärtner mit seinem Mietgefüge im bayernweiten Vergleich trotzdem nicht unangenehm heraus und sei, was die Umsatzanteile im Handel sowie den Anteil der Flächen angeht, sogar überdurchschnittlich gut. „Augsburg macht vieles richtig“, sagt er.

Experte sieht Leerstände in Augsburg auch als Chance

Womöglich müsse man sich daran gewöhnen, dass künftig nicht jede 1-a-Lage stets dauerhaft vermietet sein kann. „Vor einigen Jahren war es relativ einfach, einen Filialisten wie Esprit oder Gerry Weber oder S.Oliver zu finden, der eine Fläche belegt und eine Zone auch für umliegende Geschäfte belebt hat. Aber diese Firmen haben wirtschaftlich zu kämpfen und überlegen sich daher gut, welche Standorte sie noch besetzen.“ Die aktuellen Leerstände wertet Gärtner auch als Chance: „Wenn dauerhaft keine Mieter zu finden sind, müssen die Immobilienbesitzer auf längere Sicht die Mieten senken. Dann können auch kleinere Geschäfte wieder Fuß fassen“, hofft er. Positives Beispiel einer solchen Entwicklung sei die Philippine-Welser-Straße.

Bis dahin bleibt den betroffenen Einzelhändlern wohl nur, darauf zu hoffen. Traurig macht sie das, weil diese Entwicklung für den ein oder anderen von ihnen womöglich zu spät kommt. „Ich kann nicht sieben Tage die Woche von früh bis spät ohne Urlaub und Pausen im Laden stehen, nur um dessen Überleben zu sichern“, erzählt eine der Ladenbesitzerinnen. Das stünde nicht im Verhältnis. Und falle man einmal gesundheitlich aus, treibe einen das schon jetzt an den Rand der finanziellen Möglichkeiten. Das sei auch nervlich nicht auf Dauer durchzuhalten.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Die Leerstände der Geschäfte schaden allen

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12.08.2019

Leerstand besteuern; Einkünfte aus V+V vom Spitzensteuersatz ausnehmen und der Markt bewegt sich....

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