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Augsburg

07.11.2018

Hunderte Fujitsu-Mitarbeiter demonstrieren gegen Ende ihres Werks

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4 Bilder
Hunderte Fujitsu-Mitarbeiter demonstrieren in München.
Bild: Silvio Wyszengrad

In München demonstrieren rund 700 Fujitsu-Mitarbeiter gegen das Aus des Augsburger Werks. Als der Firmenchef nebenan spricht, erwähnt er Augsburg mit keinem Wort.

Sie ist das frühe Aufstehen gewohnt. Zehra Özdemir, 41, ist alleinerziehende Mutter. Seit fast 20 Jahren arbeitet sie im Augsburger Fujitsu-Werk, in der Frühschicht. Mit dem Job in der Produktion ist sie zufrieden. Es passt gut für sie, die Arbeitszeit, das Finanzielle auch. Dass sie in spätestens zwei Jahren diesen Job verlieren soll, das ist für sie immer noch unvorstellbar. Auch rund zwei Wochen nach der Betriebsversammlung, bei der die Mitarbeiter erfahren haben, dass ihr Werk geschlossen werden soll. Spätestens Ende September 2020 soll Schluss sein, lautete die Botschaft.

Schluss, Aus, Ende? Viele Mitarbeiter wollen sich damit nicht abfinden. An diesem Mittwoch zeigen sie erstmals Flagge. Es ist ein guter Ort, den die Gewerkschaft IG Metall für ihren Protest gewählt hat. Um sieben Uhr in der Früh starten am Werksgelände in Augsburg zehn Reisebusse. Rund 500 Beschäftigte machen sich auf den Weg nach München. Sie haben sich dafür extra freigenommen oder ihr Stundenkonto belastet. Auf dem Münchner Messegelände sind sie nicht willkommen. Von dort aus will der IT-Konzern in diesen Tagen nur positive Botschaften aussenden. Mehr als 10.000 Besucher kommen zum „Fujitsu-Forum“. Es ist die wichtigste Veranstaltung des Unternehmens für Kunden in Europa.

Sie haben den Augsburger Standort von Fujitsu noch nicht aufgegeben: Fast 700 Mitarbeiter, davon etwa 500 aus Augsburg, haben in München vor dem Messegelände protestiert. Dort findet gleichzeitig das Fujitsu-Forum statt. Es ist die wichtigste Veranstaltung des Konzerns für Kunden in Europa - mit über 10.000 Besuchern.
Video: Jörg Heinzle

Ein allein erziehende Mutter fürchtet den Verlust ihres Jobs bei Fujitsu

Zehra Özdemir hält ein Schild in den Händen, so wie viele ihrer Kollegen. „Ohne Augsburg kein Fujitsu“, lautet die Botschaft. Zehra Özdemir hat eine 14-jährige Tochter. Sie macht sich Sorgen, ob sie einen vergleichbaren Arbeitsplatz finden kann, sollte das Werk wirklich dicht gemacht werden. Für die Ingenieure dürfte es leichter sein, woanders unterzukommen. Doch gerade die Arbeiter könnte es teils hart treffen. Allein um Geld geht es der Augsburgerin aber gar nicht. „Die Kollegen sind für mich wie eine Familie“, sagt sie. „Ich würde mit Fujitsu auch mein zweites Zuhause verlieren.“ Neben ihr steht Zerrin Bozkus. Sie ist sogar noch etwas länger dabei. Sie nickt, es geht ihr ganz ähnlich.

„Die Kollegen sind wie eine Familie“: Zerrin Bozkus (links) und Zehra Özdemir arbeiten in der Produktion.
Bild: Silvio Wyszengrad

Elisabeth Schabert ist seit 14 Jahren bei Fujitsu in Augsburg. Sie hat hier ihre Ausbildung gemacht, jetzt ist sie stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats. Es ist ihre erste Rede bei einer großen Kundgebung. Doch sie wirkt nicht nervös. Sie muss auch nicht vom einem Blatt ablesen. „Wir zeigen heute, dass hinter unserem Standort in Augsburg Gesichter stehen, Familien, Schicksale, Namen“, sagt sie. „Es sind Menschen, die in diesem Werk gerne arbeiten. Und ein guter Arbeitgeber sollte das auch zu schätzen wissen.“ Die Mitarbeiter stehen auf einem großen Platz beim Messegelände. Neben den Augsburgern sind auch noch an die 200 Beschäftige von anderen Standorten gekommen.

Nebenan fahren die Taxis vorbei, mit denen Besucher des Fujitsu-Forums anreisen. Früher fand das Fujitsu-Forum in Augsburg statt. Damals noch als Hausmesse, aber ebenfalls schon mit tausenden Besuchern. Schon vor Jahren wurde das aber nach München verlegt. Betriebsratschef Peter Wagner erzählt, dass die Kunden trotzdem zumindest noch nach Augsburg gefahren wurden, um das Werk anschauen zu können. Doch auch darauf verzichtet Fujitsu dieses Mal.

Polizisten stoppen demonstrierende Fujitsu-Mitarbeiter aus Augsburg

Direkt an den Messeeingang, wo am Mittwochvormittag die Besucher des Fujitsu-Forums eintreffen, gelangen die protestierenden Beschäftigten nicht. Kleinere Gruppen machen sich mit Schildern und Trillerpfeifen auf den Weg dorthin. Doch sie werden nach einiger Zeit von Polizisten freundlich, aber bestimmt aufgehalten. Ein Beamter sagt: „Wir verstehen euch, das ist nicht in Ordnung, was sie in Augsburg mit euch machen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden.“ Die Messegesellschaft ist zwar in öffentlicher Hand. Gesellschafter sind unter anderem der Freistaat und die Stadt München. Dennoch gilt das Areal als Privatgelände. Auch Sicherheitsleute der Messe beziehen Position. Die große Fujitsu-Veranstaltung soll durch den Protest zumindest nicht zu sehr gestört werden, so lautet ganz offensichtlich die Vorgabe.

Christian Werner, 54, arbeitet im Einkauf des Augsburger Standorts. Er kennt dessen Geschichte gut. Mit 15 Jahren hatte er bei Siemens in München seine Ausbildung begonnen. Im Jahr 1989 kam er nach Augsburg. Das Computerwerk an der Bürgermeister-Ulrich-Straße in Haunstetten war damals gerade erst zwei Jahre alt. Im Jahr 1999 fusionierte Siemens sein Computergeschäft mit dem japanischen Fujitsu-Konzern, 2009 ging der Standort dann ganz an die Japaner. Auf der Fahrt im Bus erzählt Christian Werner, wie er ein japanisches Ehepaar bei sich aufnahm, das an Weihnachten 2016 die Wohnung in der Augsburger Innenstadt räumen musste. Damals wurde eine große Weltkriegsbombe entschärft. Mehr als 50.000 Menschen mussten vorübergehend ihre Wohnungen verlassen.

Mit 15 Jahren hat er bei Siemens angefangen, nach fast 40 Jahren droht Christian Werner jetzt der Jobverlust.
Bild: Silvio Wyszengrad

Sollte im September 2020 wirklich Schluss sein, für Christian Werner wäre das ein harter Schlag. Er hat zwei Kinder im Alter von elf und zwölf Jahren. Er ist dann 56. Ob er in seinem Alter noch mal etwas Vergleichbares finden kann? Das kann er sich nicht vorstellen. So wie ihm, sagt er, gehe es vielen Mitarbeitern, die lange dabei sind. Rund 1800 Menschen arbeiten im Augsburger Werk, darunter etwa 300 Leiharbeiter. Es ist die letzte Produktionsstätte für Computer in Deutschland. Betroffen seien aber auch Zulieferer aus der Region, sagt Christian Werner, das dürfe man nicht vergessen.

Thomas Pfeiffer, 49, arbeitet seit 23 Jahren bei Fujitsu, heute in der Qualitätssicherung. Er ist zufrieden mit dem Protest, sagt er, kurz bevor die Busse wieder in Augsburg ankommen. Er hätte es sich aber gewünscht, näher an der Messe protestieren zu können. Ob Tatsuya Tanaka, der Präsident des Konzerns, den Protest mitbekommt, erfahren die Mitarbeiter nicht. Bei der Protestkundgebung zeigt er sich nicht. Als die Beschäftigten die Rückfahrt antreten, tritt der Topmanager in der großen Halle ans Mikrofon, um seine Rede zu halten. Über Augsburg sagt er dabei jedenfalls nichts.

Eine Fotoreportage vom Protest in München: Die Bilder des Tages

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