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04.12.2018

„Ich kenne keinen schöneren Beruf“

Michael Grabow war seit 2009 Regionalbischof des Kirchenkreises Augsburg und Schwaben. Am Sonntag wird er in Evangelisch St. Ulrich verabschiedet. Am 13. Januar wird dort dann sein Nachfolger Axel Piper ins Amt eingeführt.
Bild: Arno Pürschel

Zehn Jahre lang war Regionalbischof Michael Grabow das Gesicht der evangelisch-lutherischen Kirche in der Region. Nun wird er verabschiedet.

Herr Regionalbischof, Sie wirken immer so fröhlich und gelassen. Woher kommt das?

Michael Grabow: Spiritualität ist mir wichtig. Als ich Mitte der 90er Jahre mit Exerzitien im Alltag anfing, war ich damit wahrscheinlich der erste evangelische Pfarrer in Bayern. Diese Quelle gibt mir viel Kraft. Stille und Gebet machen mich zu einem unerschütterlichen Optimisten. Das hat mir manches erleichtert.

Fällt eine Last von Ihnen ab, wenn Sie jetzt in den Ruhestand treten? Sie werden ja am Sonntag verabschiedet.

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Grabow: Im Augenblick ist bei mir die Wehmut vorherrschend, von den Menschen Abschied zu nehmen, die mir ans Herz gewachsen sind. Wunderbar ist es aber, endlich für meine Frau mehr Zeit zu haben.

Wie anstrengend ist es, Regionalbischof eines Kirchenkreises zu sein?

Grabow: Manchmal kommt man an die eigenen Grenzen. Ich hatte im Normalfall eine Sieben-Tage-Woche und nur zwischendurch war mir ein freies Wochenende vergönnt.

Was haben Sie vermisst in Ihrem Amt?

Grabow: Seelsorger zu sein, spiritueller Begleiter für die Menschen, das hat mich sehr erfüllt. Ich war zeitlebens leidenschaftlicher Gemeindepfarrer. Vermisst habe ich, diese Bodenhaftung zu haben, und glich es aus, indem ich regelmäßig Gottesdienst in St. Ulrich in Augsburg gehalten habe, wo ich eine „normale“ sonntägliche Gemeinde erlebte.

Wahrscheinlich ist Ihr Amt mit vielen Reisen verbunden...

Grabow: Ja, und mir war es wichtig, den weltweiten Blick zu haben. Weil alles, was wir tun, immer auch weltweite Folgen hat. Unser Wohlstand hat auch einen Ursprung in der Armut des Südens. Deshalb dürfen wir uns nicht wundern, dass Menschen aus Afrika zu uns kommen. Denn sie wollen ein Stück von dem Kuchen haben, den wir, auch auf ihre Kosten, hier verzehren.

Spüren Sie Gegenwind, wenn Sie sich so für Migranten einsetzen?

Grabow: Das Klima ist rauer geworden. Dass es unter Migranten Vorfälle gibt, hat auch damit zu tun, dass in den Ankerzentren Menschen auf engstem Raum zusammenleben, keine Privatsphäre mehr haben. Dadurch steigt zwangsläufig das Aggressionspotenzial.

Sie sind ein politischer Mensch.

Grabow: Seit meiner Vikarszeit. Im Ruhestand möchte ich mich nun intensiver engagieren für eine menschenfreundliche und vielfältige Demokratie. Das ist ein großes Thema. Wenn wir jetzt nichts tun, kann es einmal zu spät sein. Ich denke, es ist wichtig, etwa in einer Bürgerinitiative Gesicht zu zeigen und deutlich zu machen, wo die Grenzen sind.

Sind Sie angefeindet worden?

Grabow: Ich habe im Jahr 2015 eine ganze Reihe von E-Mails bekommen, in einer stand: „Auf dich warten schon die Gasöfen von Auschwitz.“ Ich hatte zuvor eine Rede auf dem Augsburger Rathausplatz gehalten bei einer Kundgebung für Toleranz und Menschenwürde. Ich habe mich damals dafür ausgesprochen, Flüchtlingen in besonderen Situationen weiterhin Kirchenasyl zu gewähren. Eine Morddrohung wie diese nimmt einen mit.

Haben Sie Anzeige erstattet?

Grabow: Nein, und ich habe auch nicht darauf reagiert. Ich wollte nicht, dass sich die Situation verschärft. Im Nachhinein dachte ich mir, ich hätte es anzeigen sollen. Dass Menschen jegliche Kontrolle über sich selbst verlieren und sich überhaupt nicht klarmachen, was sie da tun – das ist tragisch und dramatisch. Die Verrohung, die gerade im Internet zu beobachten ist, bereitet mir Sorgen. Denn das färbt irgendwann auf das gesamtgesellschaftliche Klima ab.

Sprechen wir über die Zukunft der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, die sich stark verändert...

Grabow: Wir werden als Landeskirche in der Fläche präsent bleiben. Aber natürlich wird es mehr Kooperationen und auch den einen oder anderen Zusammenschluss von Gemeinden geben. Was wir nicht wollen, sind Zwangsfusionen. Wir versprechen uns von verstärkter Kooperation Synergieeffekte. Sie sollen es ermöglichen, dass unsere Angebote erhalten bleiben. So sind Verwaltungsverbünde entstanden im Ries oder im Süden Schwabens, wo die Kirchengemeindeämter und Kirchenverwaltungsstellen Augsburg, Memmingen, Kempten und Neu-Ulm eng zusammenarbeiten.

Im Jahr 2021 soll die neue Landesstellenplanung abgeschlossen sein. Was wird deren Ergebnis sein?

Grabow: Es gibt die Tendenz, dass die Dekanatsbezirke noch mehr Eigenverantwortung erhalten werden. Entscheidungen sollen vor Ort fallen. Schließlich ist eines klar: Die Zahl der Gemeindeglieder wird weiter sinken und etwa ab dem Jahr 2025 werden wir deutlich weniger Pfarrerinnen und Pfarrer haben.

Woher kommt der Pfarrerinnen- und Pfarrermangel?

Grabow: Die Babyboomer-Generation geht jetzt nach und nach in den Ruhestand. Es handelt sich hier um fast 40 Prozent der evangelischen Pfarrerschaft. Das ist schwer zu kompensieren. Es ist ja so: Wir haben in den 70ern viele Pfarrstellen aufgestockt, auch weil die Babyboomer-Generation in den Pfarrberuf hineindrängte. Das war regelrecht eine Welle. Als ich 1974 mit meinem Theologiestudium begann, zählte ich dazu – als einer der Ersten.

Warum gibt es nicht genügend junge Pfarrerinnen und Pfarrer?

Grabow: Es gibt schon noch viele, die in diesen Beruf gehen, aber eben nicht genug. Dabei ist der Pfarrerberuf der schönste Beruf, den ich kenne. Es ist erfüllend, Menschen zu helfen, sie zu begleiten in Freud und Leid, seinen Tagesablauf mit einer großen Freiheit gestalten zu können. Ich kenne keinen schöneren Beruf. Und keinen schwierigeren.

Wie meinen Sie das?

Grabow: Manchmal geht es einem selber nicht gut, dennoch soll man andere trösten.

Und die schönen Momente?

Grabow: Es gibt nichts Schöneres, als einen Berggottesdienst zu halten. Ich war oft im Kleinwalsertal. Einmal war ich auch auf dem Nebelhorn, im Juli, und hatte mir alles für meine Predigt zurechtgelegt: die Weite, die Aussicht... Und dann saß ich im Bergrestaurant und schaute hinaus ins Schneetreiben. Im Juli!

Zieht es Sie jetzt zurück in die Berge?

Grabow: In der Tat. Ich werde meinen Ruhestand mit meiner Frau in Oberbayern verbringen. Wir gehen allerdings schweren Herzens aus Augsburg weg. Denn die Stadt und ihre Menschen sind uns sehr ans Herz gewachsen.

Interview: Alois Knoller

und Daniel Wirsching

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