Newsticker

Städte- und Gemeindebund fordert Ausweitung der Maskenpflicht in Deutschland
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. "Ich weiß, der Daniel, der schafft das"

12.06.2009

"Ich weiß, der Daniel, der schafft das"

Göggingen/Lechhausen Daniel Baur ist ein Wunschkind. Als er zur Welt kam, hatten seine Eltern Rita und Stefan schon viele Jahre versucht, ein Kind zu bekommen. Leider vergeblich.

Bei der sogenannten homologen Insemination erfolgt die künstliche Befruchtung mit den Spermien des Ehepartners. Viele Paare brauchen zwei und mehr Versuche. Bei Rita Baur klappte es auf Anhieb, sie wurde sofort schwanger.

Aber dann gab es Komplikationen. Rita Baurs Blutdruck ging in die Höhe, eine Funktionsstörung der Plazenta (Mutterkuchen) war Schuld, dass das Baby nicht mehr optimal versorgt wurde, Wassereinlagerungen und eine Schwangerschaftsvergiftung folgten.

Nadel im Kopf, Sonde in der Nase

"Ich weiß, der Daniel, der schafft das"

Die damals 26-Jährige musste ins Krankenhaus, sie war im siebten Monat schwanger. "Ich hatte nur Angst um mein Kind", sagt Rita Baur, "aber ich war mir die ganze Zeit sicher, der schafft das. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll - da war eine starke Verbindung zwischen mir und dem Baby."

Aber Daniels Herz schlug immer unregelmäßiger, der Gynäkologe zog die Notbremse und ordnete einen Kaiserschnitt an. Mit 1300 Gramm Körpergewicht und 41 Zentimetern Länge kam Daniel im Januar 2003 zur Welt.

In den nächsten vier Wochen war der Inkubator Daniels Zuhause. "Und obwohl er sich im Brutkasten verschiedene Viren zuzog, war er quietschfidel, hatte die Augen auf und drehte sich ständig von der einen auf die andere Seite", erinnert sich Daniels Mutter. Er hatte eine Nadel im Kopf, ein Kabel am Fuß und eine Sonde in der Nase, nach acht Wochen wog er 2300 Gramm, und Rita und Stefan Baur durften ihren kleinen Sohn endlich mit nach Hause nehmen.

"Bei Frühchen wird die sogenannte Neurologische Untersuchung (siehe Artikel rechts) obligatorisch durchgeführt", erklärt Rita Baur, "und bei Daniel war schnell klar, dass er entwicklungsverzögert ist." Laufen, greifen, sprechen, hören - all das bereitete dem kleinen Kerl große Mühe. "Sein erstes Wort sprach Daniel mit zwei Jahren", sagt Frau Baur, "es war ,Auto'."

Schere klafft immer weiter auseinander

Lag es an mir? Hab ich was falsch gemacht? Hätte ich mehr mit ihm reden müssen? Das waren die Fragen, die ihr damals den Schlaf raubten. Rita Baur begann, im Internet zu forschen und erfuhr, das Frühgeburten signifikant sind bei einer künstlichen Befruchtung. Zumindest bei Mehrlingsgeburten. "Bei mir kam erschwerend die Schwangerschaftsvergiftung hinzu."

Wenn Daniel vorwärtskommen wollte, tat er das "so komisch robbend auf den Knien", erzählt seine Mutter, "an Laufen war lange nicht zu denken." Auch feinmotorische Übungen wie einen Löffel zu halten beherrschte er noch nicht souverän. Die neurologischen Untersuchungen förderten beunruhigende Ergebnisse zutage. "Daniels Entwicklungsverzögerung machte sich immer stärker bemerkbar, die Schere zwischen dem, was er und andere Kinder in seinem Alter konnten, klaffte immer weiter auseinander", sagt Rita Baur.

Ignoranz erweist sich als Segen

In der Kinderklinik empfahl man ihr, ihren Sohn im Hessing-Förderzentrum vorzustellen. Ein kleiner Schock für Rita Baur. Kann er sich da überhaupt weiterentwickeln? Er ist doch nicht behindert, denkt sie.

Den zweiten Schock bekommt sie durch die Leiterin eines Regelkindergartens in Deuringen (hier wohnen die Baurs zu dem Zeitpunkt noch), die Daniels Aufnahme ablehnt, ohne den Jungen auch nur ein einziges Mal gesehen zu haben. Aber wie nicht selten im Leben erwies sich die Ignoranz der Kindergärtnerin als Segen für Daniel.

Das an Montessori angelehnte Pädagogik-Konzept im Förderzentrum scheint genau das Richtige für ihn zu sein. Er bekommt Logopädie, Spiel- und Ergotherapie und macht in seiner Entwicklung keine Fortschritte, sondern Quantensprünge. "In der Vorschule ist Daniel einer der besten", erzählt Mama Rita, und die Ärztin im Hessing-Förderzentrum, Monika Seidel, sagt: "Daniel ist ein kluger Kopf, aber er scheint in keine Schule zu passen."

Grund für diese Aussage sind die Schwierigkeiten, die Daniel nach wie vor mit dem Sprechen hat. Erst ein Hörtest im Förderzentrum für Hörgeschädigte (siehe Artikel unten links) bringt die Ursache ans Licht: Daniel hört schwer. Das Problem ist wohl ererbt, auch Rita Bauers Eltern sind taub beziehungsweise schwerhörig.

Ab September wird der Sechsjährige den Kindergarten verlassen und Grund- und Hauptschule im Förderzentrum für Hörgeschädigte besuchen (siehe Artikel unten rechts), die er mit dem Qualifizierenden Abschluss verlassen kann.

Auch Bruder Nico war entwicklungsverzögert, auch er besucht das Förderzentrum der Hessing-Stiftung. Der heute Vierjährige wird - anders als Daniel - in einer I-Gruppe (Integrationsgruppe) betreut und wird einmal - das gilt als sicher - eine Regelschule besuchen können.

Die Trennung der Eltern und der Umzug nach Lechhausen habe beide Buben in ihrer Entwicklung etwas zurückgeworfen, erzählt ihre Mutter. "Aber die Betreuung im Hessing-Förderzentrum könnte besser und liebevoller nicht sein", sagt Rita Baur dankbar.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren