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21.04.2019

Ihre Buben starben gleich nach der Geburt – seitdem ist nichts, wie es war

Für Anna-Maria Böswald brach eine Welt zusammen, als ihre Zwillinge kurz nach der Geburt starben.
Bild: Böswald

Plus Anna-Maria Böswald und ihr Mann wünschten sich viele Kinder. Dann passierte ein schwerer Schicksalsschlag. Er stellte das Leben der beiden auf den Kopf.

Unter den Trauernden sind hauptsächlich junge Paare. Langsam gehen sie von der Aussegnungshalle am Westfriedhof hinüber zu einer Grabreihe an der Friedhofsmauer. Manche stützen sich auf dem Weg, einige weinen. Dort, in einem Grab in der Nähe des Haupteingangs, sind ihre Kinder bestattet. Kinder, die noch im Mutterleib starben, tot zur Welt kamen oder kurz nach der Geburt das Leben wieder verließen. Seit 20 Jahren organisieren Seelsorger des Josefinums und des Klinikums Gemeinschaftsbestattungen für sogenannte Sternenkinder. Wie wichtig es für die Eltern ist, Abschied nehmen zu können und eine Erinnerungsstätte zu haben, weiß Anna-Maria Böswald. Die 34-Jährige hat vor knapp drei Jahren ihre Zwillinge verloren – kurz nach der Geburt. Sie und ihr Mann hielten ihre toten Babys in den Armen, bis sie sie schweren Herzens hergeben mussten. Seitdem ist in ihrem Leben nichts mehr so, wie es einmal war.

"Wir wollten immer viele Kinder haben", fängt Anna-Maria Böswald an zu erzählen. Wir treffen die Frau aus Tapfheim (Donau-Ries) in einem Café in Augsburg. In der Stadt also, wo ihre Söhne kurz nach der Geburt im Krankenhaus gestorben sind. Sie sind Sternenkinder. Kinder, die den Himmel erreicht haben, noch bevor sie ein Leben führen durften. Die 34-Jährige hat sich sofort zu dem Interview bereit erklärt.

"Was machst du so ein Drama" musste sie sich anhören lassen

Ihr Weg der Verarbeitung ist es, nicht nur offen damit umzugehen, sondern die Gesellschaft mit dem Thema zu konfrontieren. Böswald sagt, Sternenkinder und das damit verbundene Leid der Eltern sind immer noch ein Tabu. "Das waren doch noch keine richtigen Kinder – was machst du so ein Drama", wurde damals zu ihr gesagt. Oder: "Stell dich nicht so an. Schlimmer wäre es gewesen, wenn dein großer Sohn gestorben wäre." Die Frau mit den dunklen Haaren und den großen braunen Augen lacht kurz auf. Es ist ein Lachen wie ein Kopfschütteln. Noch immer kann Anna-Maria Böswald nicht begreifen, auf wie viel Empathielosigkeit sie in dieser schweren Lebensphase gestoßen ist.

Seit acht Jahren sind sie und ihr Mann verheiratet. Die gelernte Erzieherin und Ergotherapeutin und der 39-jährige Berufssoldat haben sich im Landkreis Donau-Ries ein Haus gebaut. Das Paar träumte von einer großen Familie. Von ihrem ersten Sohn, der inzwischen sieben Jahre alt ist, sagt Böswald, er sei ein Glückstreffer gewesen. Denn sie wurde nur schwer schwanger. Nach einer Fehlgeburt wurde dem Paar klar, dass es schwierig ist, weitere Kinder auf natürlichem Wege zu bekommen. Doch der Kinderwunsch sei immens gewesen.

In dem Augenblick lebten noch beide Kinder

"Meine Schwangerschaft mit unseren Zwillingen entstand durch eine künstliche Befruchtung", erzählt Böswald ganz offen und fügt hinzu: "Auch dafür mussten wir uns schon Sprüche anhören." Dass es so schnell klappte, war wie ein Sechser im Lotto, sagt sie. Doch ab der siebten Woche verlief die Schwangerschaft problematisch. Böswald musste viel liegen. In der 25. Woche platzte die Fruchtblase. Mit dem Krankenwagen kam Böswald zunächst ins Donauwörther Krankenhaus, dann ins Josefinum nach Augsburg. Sie kann sich genau erinnern, wie der Arzt bei der Untersuchung plötzlich verstummte – und ihr offenbarte, dass es keine Überlebenschance für die Buben gibt.

Es war einfach zu früh für Joan Constantin und seinen Zwillingsbruder Arian Leonard. Ihre Namen hatten sie bereits. "Es waren Mini-Kinder, die ich zur Welt brachte. Aber es waren perfekte Kinder", erzählt Böswald. "Ich verlor während der Geburt einen Liter Blut. Ich war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Meine größte Angst war, meine Kinder nicht mehr lebend zu sehen. Aber ich schaffte es." Sie zieht Fotos aus ihrer Handtasche.

Wer sie geschossen hat, weiß sie nicht mehr. Die Bilder zeigen sie total erschöpft, umringt von medizinischen Geräten mit einer dieser OP-grünen Tücher über ihrem Körper, neben ihr zwei winzige Babys. Es ist das einzige Bild, das Böswald von sich mit ihren Zwillingen hat. In dem Augenblick haben beide Kinder noch gelebt. Das Paar schaffte es noch, die Zwillinge in der Klinik taufen zu lassen. Arian starb kurz danach. In einem separaten Raum durfte das Paar Abschied nehmen.

"Es war so absurd. In dem Krankenhaus herrschte normaler Trubel. Aber mein Leben ist in dem Moment stehen geblieben." In dem Zimmer hielt die Mutter beide Babys in den Armen. Eine Schwester sei immer wieder gekommen, um nach den Herztönen von Joan zu hören. Böswald kommen die Tränen. Sie entschuldigt sich dafür, das sei ihr schon lange nicht mehr passiert. Wenig später sei Joan gestorben, fährt sie fort. Beide Babys hätten noch nach ihrem kleinen Finger gegriffen, bevor es zu Ende ging. "Das war nach dem Motto, Mama, jetzt ist es so weit."

Von ihren Sternenkindern wurde Fotos gemacht

Böswald zeigt weitere Fotos – von ihren toten Kindern. Zwei Babys, die aussehen, als ob sie friedlich schlafen. Für betroffene Eltern ist es oft wichtig, diese Bilder zu haben, weiß Alexander Kaya. Der Fotograf unserer Zeitung arbeitet ehrenamtlich für die Internet-Plattform www.dein-sternenkind.de. Dorthin können sich Eltern wenden, die wissen, dass es eine Totgeburt werden oder das Kind nach der Geburt versterben wird. Einer der ehrenamtlichen Fotografen fertigt für sie kostenlos die ersten und zugleich letzten Fotos des Sternenkindes an. "Oft haben die Eltern nicht die Kraft, das Kind zu fotografieren oder überhaupt erst anzuschauen. Für die Trauerbewältigung im Nachgang sind die Fotos aber sehr hilfreich", weiß Kaya, der auch als Trauerbegleiter bei den Johannitern tätig ist.

Das ist das liebevoll geschmückte Grab von Joan und Arian.
Bild: Böswald

Auch Anna-Maria Böswald und ihr Mann haben bei sich daheim Bilder der Zwillinge aufgestellt. Es sind ihre Kinder. Sie gehören zu ihrem Leben. "Ich habe drei Kinder geboren, nicht nur eines", betont Böswald. Auch für die Bilder habe sie Kritik einstecken müssen. Sie finde es abartig, tote Kinder in einem Bilderrahmen aufzustellen, habe ihr eine Verwandte gesagt. "Wie kann man Menschen nur vorhalten, wie sie mit Trauer umgehen", fragt sich Böswald. Trost und Mitgefühl erfuhr das Paar erstaunlicherweise von Menschen, die ihnen nicht nahestanden. Wie eine Nachbarin, zu der sie bis dahin kaum Kontakt hatten. "Sie brachte uns zwei Rosen vorbei. Diese kleine Geste war so berührend. In dem Moment waren das für mich zwei kleine Strohhalme." Zu den meisten Freunden und Angehörigen habe sie keinen Kontakt mehr.

Dafür hätten sie neue Menschen kennengelernt, die ganz anders auf sie eingehen würden. Das Leben der Böswalds hat sich durch die traumatische Erfahrung grundlegend geändert. "Von Leuten, die uns nicht gut tun, halten wir uns fern. Wir sind achtsamer geworden, leben viel intensiver." In ihren alten Beruf als Erzieherin und Ergotherapeutin kehrt die 34-Jährige nicht mehr zurück. Mit kleinen Kindern zu arbeiten, traue sie sich nicht zu. Sie hat Angst, dass Wunden aufreißen. Böswald lässt sich zu einer Sternenkindbegleiterin ausbilden.

Die Mutter will nun anderen Eltern von Sternenkindern helfen

Das sei keine geschützte Ausbildung, könne aber in einer Art Fernstudium gemacht werden. Außerdem beteiligt sie sich an der deutschlandweiten Aktion "Sternenbärchen". Wie andere auch, näht Böswald kleine Teddys, die sie an Kliniken verteilt. "Für meinen Mann und mich war es damals das Schlimmste, mit leeren Händen aus dem Krankenhaus nach Hause zu kommen." Diese Bärchen stünden für jedes Kind und würden betroffenen Eltern mitgegeben. Böswald liefert die Stofftiere an Kliniken, wie das Josefinum oder nach Donauwörth. Manche Krankenhäuser aber hätten ihr eine Absage erteilt. Kein Interesse.

Anna-Maria Böswald will Menschen, die ein ähnliches Schicksal durchleben müssen, helfen. Sie weiß, auf was es in solchen Ausnahmesituationen ankommt, wie Hilfe aussehen kann. "Mein Mann und ich bekamen damals keine Unterstützung. Wir waren hilflos und mussten trotzdem funktionieren, auch wegen unseres Sohnes." Gerade die Geschwisterkinder dürfe man trotz aller Trauer nicht vergessen. Die rührige Frau hat deshalb auch ein Buch angefertigt. "Trotzdem großer Bruder" heißt es und war eigentlich nur für ihren Sohn gedacht. Nun will der Sachbuch-Verlag Edition Riedenburg ihr Bilderbuch künftig vertreiben.

Anna-Maria Böswald besucht oft das Grab ihrer Buben. Derzeit ist es mit bunten Ostereiern geschmückt. "Ich gehe regelmäßig zu ihnen. Aber manchmal schaffe ich es emotional nicht."

Lesen Sie dazu auch, warum eine Frau Kinder fotografiert, die tot zur Welt gekommen sind.

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