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Projekt

14.02.2018

Im Bummeltempo zum Erinnerungsort?

Die „Halle 116“, ein alter Bau auf dem Sheridan-Areal im Augsburger Stadtteil Pfersee. Der Ort erinnert an die Zeit der Nationalsozialsten: Es war ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, in dem Zwangsarbeiter untergebracht waren.

Für die frühere Augsburger KZ-Außenstelle in der Halle 116 gibt es seit Jahren neue Pläne. Das Projekt für einen Erinnerungsort zieht sich aber immer mehr in die Länge.

Es ist ein Ort, der an die schreckliche Zeit der Nationalsozialisten erinnert: die sogenannte Halle 116, ein alter Bau auf dem Sheridan-Areal im Augsburger Stadtteil Pfersee. Dort war ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, in dem Zwangsarbeiter untergebracht waren. Täglich mussten sie nach Haunstetten in die Flugzeugfabrik Messerschmitt marschieren. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kamen die Amerikaner. Sie nutzten das Gelände als Kaserne. Im Jahr 1998 zogen die US-Truppen ab. Nun ist das Areal für viele Augsburger zu einer guten Wohnadresse geworden. Nur noch wenige Gebäude erinnern an die frühere Zeit. Wie aber die Erinnerung wach gehalten werden kann, das ist jetzt einmal mehr zum Streitfall geworden.

Es herrscht große Sorge

In der „Initiative Denkort Halle 116 “ haben sich rund ein Dutzend Organisationen zusammengeschlossen. Dort sieht man mit großer Sorge, dass die Stadt ihre Ziele für die weitere Nutzung der Halle noch immer nicht konkretisiert hat. „Fast zehn Jahre nach dem ersten Beschluss sollte die Stadt endlich klare Verhältnisse schaffen“, sagt Harald Munding, Koordinator der Initiative.

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Munding sieht stattdessen eine neue Gefahr. Die Halle 116 drohe durch neue Nutzungen, die nicht zusammenpassen, als Erinnerungsort entwertet und „zerstückelt“ zu werden. Das Gebäude werde nun zum größten Teil in eine Gewerbefläche umgewandelt, befürchtet die Initiative. Damit wolle die Stadt wohl einem privaten Investor entgegenkommen. Der Initiativkreis fordert deshalb, die Stadt müsse die Halle als sogenannte Gemeinbedarfsfläche sichern und und selber ankaufen. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Vergangenheit des Baues gewürdigt und die Pläne für einen Lern- und Gedenkort realisiert werden.

Immobilien sind in Augsburg gerade sehr begehrt. Nach Angaben der Stadt haben sich auch schon mehrere Investoren dafür interessiert, die Halle 116 zu kaufen. Ein Verkauf an Dritte sei jedoch nicht vorgesehen, teilt eine Sprecherin der Stadt mit. Dies sei geltende Beschlusslage. Eigentümerin der Halle 116 ist die städtische Wohnbaugruppe. Sie betreut die Entwicklung der früheren Sheridan-Kaserne zum modernen Stadtquartier. So wie es aussieht, kann es aber noch einige Zeit dauern, bis eine Lösung für die Halle 116 gefunden wird.

Wie viel ist die Immobilie wert?

Schon seit November 2016 gibt es einen Auftrag des Stadtrates an die die Wohnbaugruppe, den Wert der Immobilie zu ermitteln. Anschließend sollte sie den Ankauf des Gebäudes durch die Stadt vorbereiten. Parallel sollte die Verwaltung ein Nutzungskonzept erarbeiten. Ein Problem: Bislang hat nur das Kulturreferat seine Pläne angemeldet.

Danach sollen in einem ersten Schritt ein Kopfbau und zwei Schotten des Gebäudes als Lern- und Erinnerungsort gesichert und entwickelt werden, und zwar auf der Basis des vorliegenden Konzeptes von Professor Philipp Gassert und der Kommentierung von Jan-Christian Warnecke vom Deutschen Museumsbund. Kulturreferent Thomas Weitzel verweist darauf, dass im Kulturamt bereits eine Stelle geschaffen wurde, die sich mit der Halle 116 beschäftigt. Der zuständige wissenschaftliche Mitarbeiter für Erinnerungskultur ist auch mit der Umsetzung des „Augsburger Weges“ für Stolpersteine und Erinnerungszeichen befasst, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Immerhin: Weitzel sieht in dem Konzept von Professor Gassert eine „Leitplanke“, um in einem Teil der Halle 116 einen Erinnerungsort einzurichten. Das wird von der Initiative Denkort befürwortet. Denn Gassert sieht vor, durch die Halle einen Geschichtspfad zu legen, der die Entwicklung des Baus dokumentiert – angefangen bei der Entstehung als Teil einer Nazikaserne, über die Verwendung als KZ-Außenlager bis hin zur der Zeit, als dort US-Truppen stationiert waren. Munding wünscht sich nun aber von der Stadt, nicht mehr länger zuzuwarten. „Man sollte einen Anfang machen, den Gedenkort einzurichten, und kann auch noch Teile leerstehen lassen“, sagt er.

Ein anderer Kurs

Bei der Stadt verfolgt man allerdings einen anderen Kurs. Dort will man erst einmal eine neue Wertermittlung für die Immobilie. Die letzte von 2017 sei hinfällig, weil sich inzwischen die baurechtlichen Voraussetzungen geändert hätten. Der Grund: Die Fläche soll in einem neuen Bebauungsplan als „Gemeinbedarfsfläche mit kultureller Zweckbindung“ festgeschrieben werden. Aus Sicht der Stadt muss mit der neuen Wertermittlung aber auch noch aus einem anderen Grund abgewartet werden. Denn aktuell läuft ein weiteres Verfahren. Ziel ist, die Halle 116 unter Denkmalschutz zu stellen. Sollte der Denkmalschutz greifen, könne sich auch das noch auf den Wert der Immobilie auswirken, so die Stadt. Weitzel will darüber hinaus noch weitere Ergänzungen zum Gassert-Konzept für den künftigen Erinnerungsort. Nötig sei ein „gedenkstättenpädagogisches Konzept“. Über die Finanzierung und Umsetzung müsse erst noch der Stadtrat entscheiden.

Der Weg durch die Instanzen wird wohl dauern. „Ich würde mir ein wenig mehr Fantasie der Stadt bei der Realisierung wünschen“, sagt Mundig. Die Initiative Denkort werde die Entwicklung deshalb weiter aufmerksam verfolgen. „Wir werden darauf achten, dass an diesem authentischen Ort die Stadtgeschichte nicht vergessen wird“, so Muning.

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