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06.07.2010

Im Räderwerk der Akustik

Philharmoniker im Bahnpark: Wenn eine Dampflok wie das monumentale Exemplar vom Typ 44 606 dem Konzertbesucher zu den Klängen von "Pacific 231" vor Augen steht, dann ahnt man, welch bewegte Massen Arthur Honegger bei der Komposition seines berühmten Orchesterstücks im Sinn standen. Foto: Eric Zwang-Eriksson
Bild: Eric Zwang-Eriksson

Lokomotiven vermögen auf sehr elementare Weise schiere Kraftentfaltung zu vermitteln. Jeder weiß das, der sich nah ans Gleis heranwagt, wenn der Zug vorüberdonnert. Ums Haar mitgerissen wird man aber nicht nur von so einem Ungetüm aus Stahl; widerfahren kann das einem auch bei der Begegnung mit einer in Musik gesetzten Lokomotive.

Zumindest dann, wenn sie so vehement daherstampft wie John Adams' Komposition "Short Ride in a fast Machine", dem ersten Stück beim Sonderkonzert des philharmonischen Orchesters im Augsburger Bahnpark. So manche Zuhörerhand ging da beim ersten Dampfablassen der Blechbläser reflexhaft zu den Ohren - denn schärfer, kälter, deutlich voluminöser als im behäbigen Konzertsaal drangen hier die Klänge vom Podium heran. So eine Industriehalle mit nackten Wänden ist nun mal zu anderem Zweck erbaut als dazu, den Klang eines üppig besetzten Instrumentalapparats maßvoll ans Ohr zu geleiten.

Augsburgs Philharmoniker im Bahnpark: Dahinter steckt nicht nur der Gedanke, aufzuspringen auf den Zug des 2010 gefeierten 175-jährigen Eisenbahnjubiläums. Es liegt auch die Absicht zugrunde, das generell nicht mehr so willig wie früher zulaufende Publikum herauszuholen aus den Polstern herkömmlicher Aufführungsstätten und ihm in ungewohnter Umgebung neue Reize zu bieten. Das dürfte im Falle des Bahnparks geglückt sein, wenn man den lang anhaltenden Schlussapplaus auch als Bestätigung für die Wahl des Orts nimmt.

An der Seite von Jumbo

Im Räderwerk der Akustik

Zumal hier manches zusammenkam, was die Veranstaltung auf die begehrte Höhe eines Events erhob. Nicht nur die pittoreske, 22 Meter lange, 170 Tonnen schwere Jumbo-Lok, die da in der Halle zur Seite von Orchester und Publikum stand. Auch der laue Sommerabend, der offene Hallentüren erlaubte sowie, wenn die Musik Pause hatte, Flanieren mit dem Glas in der Hand. Ein Konzert mithin, das nicht weit entfernt war von der sensuellen Rundumversorgung eines Open Airs.

Und auch wenn des Raumes wegen keine wesentlich neuen Aufschlüsse über die Musik zu erwarten waren, so konnte man doch ein wenig die Inspiration nachempfinden, die Arthur Honegger beim Anblick solcher Triebmaschinen überkommen haben mag und die letztlich zur Komposition seines berühmten Orchesterstücks "Pacific 231" führte. Das rhythmisch vertrackte Werk war der Höhepunkt des Abends, und das nicht nur, weil das von Kevin John Edusei geführte Orchester gleißende Klangbilder zu entwerfen verstand. Immer war hier auch, ganz im Sinne des Komponisten, die schiere Masse zu spüren, die am Beginn, beim Anfahren, noch träge ist, und dann, in voller Fahrt, entfesselte Wucht versinnbildlicht.

Der erste Programmteil präsentierte auch Eisenbahn-Inspiriertes von Bernstein, Revueltas und den eingangs schon erwähnten, fulminant dahinratternden Adams. Dazu Billy Strayhorns Jazz-Klassiker "Take the A-Train", der allerdings in der Akustik der Halle klanglich aus den Fugen geriet. Dvoáks berühmte Ges-Dur-"Humoreske" hatte in einem Programm des Mottos "Fast Machines" nichts verloren - das liebreizende Werklein ist vom Gestus her doch wohl eher dem Kutschenzeitalter zuzurechnen.

Dass nach der Pause Schumanns 3. Sinfonie erklang, war dagegen zu vertreten, schließlich sieht die musikalische Welt in diesem Jahr auf den 200. Geburtstag des Komponisten. Hier kam der Bahnpark-Ausflug des Orchesters jedoch an seine Grenzen, denn die Klangdifferenzierung gerade dieser so aufwendig kontrapunktisch gearbeiteten Sinfonie war wegen der überpräsenten Akustik nur in Ansätzen möglich. Zumal Kevin John Edusei die Sätze auch - grundsätzlich stimmig - in raschen Tempi nahm, was etwa im Mittelteil des zweiten Satzes zu einer regelrechten Klangkonfusion führte. Schade, denn das Orchester war auch hier, trotz winziger Ausrutscher, bestens aufgelegt, und Eduseis rhythmisch spannungsvolles, dennoch elastisches Dirigat schien so recht den Ton dieser "Rheinischen" Sinfonie zu treffen.

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