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Bild: Bernd Hohlen
Bild: Bernd Hohlen

Im Haushalt von Andreas Mahler gibt es kein Auto mehr – dafür aber drei Lastenräder. Die Mahlers zählen zu einer immer größer werdenden Gruppe von Menschen, die auf die Zwei- und Dreiräder mit Pedalantrieb setzen.

Mobilität
11.03.2019

In Augsburg sind Lastenräder auf dem Vormarsch

Von Stefan Krog

Die Räder sind seit einigen Jahren immer häufiger in Augsburg zu sehen. Nicht nur Familien setzen auf diese Gefährte. Die Stadt plant einen Zuschuss für den Kauf.

Das schwerste Teil, das Andreas Mahler mal transportierte, war eine ausrangierte Waschmaschine, die er von seinem Zuhause in der Hammerschmiede zur Abfallverwertung bringen musste. „Das anstrengendste war es, das Gerät aus dem Haus zu bekommen“, erinnert sich Mahler. Die Fahrt auf seinem Elektro-Lastenrad mit dem 80 Kilo schweren Gerät sei hingegen kein Problem gewesen.

Mahler ist in Augsburg sicher ein Extrem – seit 2014 gibt es im Haushalt der Familie kein Auto mehr, dafür stehen in der Garage drei Lastenräder, die sich er, seine Frau und die beiden jugendlichen Töchter teilen. Doch die Mahlers zählen zu einer immer größer werdenden Gruppe. Waren Lastenräder vor fünf Jahren noch Exoten im Stadtbild, gehören sie inzwischen zum Verkehrsgeschehen. „Damals hat man sich noch persönlich gegrüßt, wenn man aneinander vorbeigefahren ist. Inzwischen gibt es zu viele, als dass man sich noch kennen könnte“, sagt Günter Schütz, der vor drei Jahren einen ehrenamtlichen Lastenradverleih aufgezogen hat.

Lastenräder werden in Augsburg immer beliebter

Eine Statistik, wie viele Lastenräder in Augsburg unterwegs sind, gibt es nicht. Fahrradhändler Thomas Lis (Radstation am Bahnhof) schätzt grob, dass die 1000er-Marke kommendes Jahr überschritten werden könnte. „Die Hauptnutzergruppe sind – noch – eindeutig junge Familien, die das Rad für die tägliche Fahrt in die Kita, zum Einkaufen und in die Arbeit nutzen“, sagt Lis. Von den Kunden aus der Stadt spare sich so mancher auf diese Weise den Zweitwagen. Lis geht davon aus, dass der Boom anhält. „Hat der Nachbar mal ein solches Rad, werden Vorteile wie Schnelligkeit und dass man keinen Parkplatz suchen muss, schneller sichtbar.“ Auch für die Wirtschaft werden die Räder attraktiver. Der Lieferdienst UPS setzt in der Innenstadt darauf, die „letzte Meile“ zum Paketempfänger nicht mit dem Lieferwagen, sondern mit dem Lastenrad zu absolvieren. Fahrradhändler Lis erzählt, dass auch Handwerker und Gastronomen die Räder für sich entdeckt haben. Zu seinen Kunden zählten auch eine Hebamme, ein Maler und mehrere Hausmeisterservices.

Auch bei der Stadt Augsburg setzt man darauf, dass das Lastenrad künftig mehr Verbreitung findet, vor allem um Autofahrten zu reduzieren und so die Schadstoffbelastung in der Innenstadt zu senken. Der seit vergangenem Jahr angedachte Zuschuss für den Kauf von Lastenrädern nimmt allmählich konkretere Formen an. Im Lauf des Frühjahrs, kündigt Umweltreferent Reiner Erben (Grüne) an, wolle man im Umweltausschuss des Stadtrats Vorschläge machen. Möglicherweise schon ab Sommer soll Geld beim Kauf ausgezahlt werden. Im Gespräch ist – wie in vielen anderen Städten, die auf Zuschüsse setzen – eine Höhe von etwa 20 Prozent.

Denn die Anschaffungskosten sind mit 4000 Euro aufwärts für ein Rad mit Elektromotor kein Schnäppchen. Lastenrad-Nutzer Andreas Mahler sieht das aber relativ. „Bei unserem letzten Auto hatten wir beim Verkauf einen Wertverlust von 10.000 Euro, Betriebs- und Unterhaltskosten gar nicht eingerechnet.“ So gesehen seien die Räder keine exorbitant teuren Anschaffungen gewesen. Manches sei mit dem Lastenrad auch viel einfacher als mit dem Auto, etwa der Transport von sperrigen Gütern. Gleiches gelte für den Besuch der Innenstadt. „Keinen Parkplatz suchen zu müssen, ist entspannend.“ Zu 100 Prozent ohne Auto, sagen Mahlers, gehe es auch mit Lastenrad nicht.

Auch Carsharing sei eine gute Alternative

Für diese zwei Mal im Jahr sei das Carsharing aber eine gute Möglichkeit. Dogmatisch, sagt Mahler, dürfe man das alles ohnehin nicht sehen. „Wir sehen uns jetzt nicht als bessere Menschen. Momentan ist das die beste Lösung für uns, aber vielleicht braucht man aus gesundheitlichen Gründen irgendwann auch wieder ein Auto.“

Auch in anderen Städten verbreiten sich Lastenräder immer weiter. Im Februar trafen sich in Augsburg 30 Initiativen aus deutschen Städten, die Lastenräder verleihen. In Augsburg organisiert Günter Schütz den Verleih zweier Räder (mehr im Internet unter max-und-moritz.bike). Viele Studenten seien unter den Entleihern. „Neulich wollten welche was bei Ikea holen, aber auch die Fahrt zum Baumarkt oder der Getränkekauf für die Party sind typische Einsätze“, berichtet Schütz. Um Lastenrädern zum Durchbruch zu verhelfen, sei das Teilen ein zentraler Punkt, ist seine Überzeugung. „Auch mit einem Zuschuss der Stadt wird sich derjenige, der aus Geldmangel kein Auto fährt, sich kein Lastenrad leisten können.“ Abgesehen von Familien brauche kaum einer ständig ein Lastenrad zu Hause, um etwa Einkäufe zu machen. Seine Vision wäre, dass sich Stadtteil-Initiativen oder Pfarrgemeinden ein Lastenrad anschaffen und es gegen einen kleinen Obolus verleihen.

Auch die Stadtwerke überlegen seit Längerem, wie sie in ihr bestehendes Fahrrad-Verleihsystem Lastenräder integrieren können. Es werde wohl auf eine Lösung hinauslaufen, dass die Räder übers Smartphone reserviert und via App auf- sowie abgeschossen werden können, so Sprecher Jürgen Fergg. Der Start sei für dieses Jahr geplant, noch stünden aber nicht alle Details fest. „Wir werden zunächst mit einigen wenigen Rädern starten und testen.“

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