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Brechtfestival 2018

25.02.2018

In Museum, Kino, Kegelbahn … Augsburg tanzt!

"Algiers" rocken im Textilmuseum und der Andrang zur langen Brechtnacht ist groß.
Bild: Michael Hochgemuth

So viel Musik an einem Abend gibt es in Augsburg nicht oft im Jahr. Die Bandbreite bei der Langen Brechtnacht ist groß, der Andrang auch.

Bloß nicht zu lange draußen aufhalten. Die lange Brechtnacht beginnt, der sibirische Winter ist da, was für ein Timing!

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Ganz in Weiß, mit kurz rasiertem Haar: Die erste Perle des Abends leuchtet zu Beginn im Tim – das passend zur Kleidung der Sängerin Wallis Bird ja auch einen White Cube als Rahmen bietet. Begleitet von ihrem Drei-Personen-Stimm-und-Multinstrumental-Orchester hat es die zwischen den Songs irrwitziges Denglisch radebrechende Irin vor allem mit feineren Song-Perlen zusehends schwerer. Zu Beginn lauscht der halb gefüllte Saal noch konzentriert dem hinreißende A-Cappella-Soul „The Deep Reveal“ – später ist das Festival-Flanier-Volk da und rauscht plaudernd gegen alle leisen Töne an. Aber aus dem leuchtend roten Mund des Energiebündels da vorn kann auch eine so mitreißende Folk-Röhre werden, dass am Schluss selbst ohne Mikro das Lebensfreude-Bekenntnis ankommt und mitgejubelt wird: „Oh Life I Love Yot To My Bones!“

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Die Band Algiers aus Atlanta im US-Bundesstaat Georgia hat danach keine Probleme mit dem Geräuschpegel aus dem Publikum. Sie setzt einfach Lärm entgegen. Und eine Dunkelheit, die den ganzen Raum auskleidet. Für einige Kenner war die Verpflichtung von Algiers für die Brechtnacht schon im Vorfeld eine kleine Sensation, nach ein paar Minuten wissen im Tim auch die anderen Besucher warum: Diese Leute meinen es ernst. Was der (schwarze) Sänger Franklin James Fisher und seine drei (weißen) Mitstreiter auf der Bühne veranstalten, ist ein düsteres Ritual, ein unerhörtes Zusammentreffen von Gospel und industriellem Post-Punk aus dem Geist des Widerstands. Fisher singt und agiert wie James Brown als Baptistenprediger, während um ihn herum ständig auf etwas eingedroschen wird. Es geht in den Songs von Algiers um Politik, Rassismus und soziale Missstände, was man akustisch nicht unbedingt verstehen, aber jederzeit spüren kann.

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72 Bilder
Lange Brechtnacht zieht die Menschen mit viel Musik an
Bild: Michael Hochgemuth

Keine Moderatorin, keine Begrüßung, Martin Kohlstedt nimmt einfach Platz vor seinen Instrumenten, rechts ein Flügel, links und in der Mitte Synthesizer. Erst spielt er eine Melodie am Flügel, irgendwo zwischen Klassik, Jazz und Herzschmerz, später schichtet er elektronische Klänge darüber. Kohlstedt zieht sein Publikum nicht nur in den Bann, er zieht es hinein in seinen privaten Musikkosmos, eine Welt aus Klängen und Melodien, in der Kohlstedt seit mehr als zwei Jahrzehnten lebt. Stark!

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Gelesen habe er zwar noch nichts von Brecht, trage die Nähe zu ihm aber als einziger Künstler im Namen, sagt Albrecht Schrader. Man kennt den Wahl-Kölner vor allem als Leiter des Rundfunktanzorchesters Ehrenfeld in Jan Böhmermanns Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“. Im Provinoclub spielt Schrader ähnlich einem singenden Barpianisten seine Songs – mit Wintermantel und trotz klammer Finger virtuos. Geschwister im Geiste sind Jacques Palminger und Kante, musikalisch auch mal Hildegard Knef. Schrader singt besonders gern über das „Reizthema Mensch“ in dessen normaler, schräger Alltagsart und fragt zwischendurch ins Publikum: „Hat jemand mal ein Tempo?“ Natürlich, denn: „Menschen profitieren voneinander, der Rest wird irgendwann untergehen.“

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Eine harte Nacht für Raucher. Die qualmenden Trauben vor dem Tim stehen dicht gedrängt. Wer zu faul ist, für die paar Minuten extra die Jacke aus der Garderobe zu holen, bereut das schnell. Hektisch aufleuchtende Glutpunkte in sibirischen Winden. Ein bisschen Schutz immerhin bietet vor dem Mephisto die Passage – aber charmanteste Lösung bleibt die im Hof vor dem Provino Club: die gute alte, segensreiche Feuerschale. Atmosphärisch wärmende Glut für alle!

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Ohnehin ist der Provino Club der schrullig-schönste Ort des Abends. Denn musiziert wird hier mal wieder auf der alten Kegelbahn! Und diesen Charme (trotz Bestuhlung) nimmt der Sänger der Kölner Indie-Helden Locas in Love auch in Blick, als er hinein in das komplett gespielte, gut zehn Jahre alte Durchbruchsalbum „Saurus“ zum Plädoyer ansetzt. Wie wichtig gerade solche Orte seien, neben all dem neuen, modern gleichförmig Blöden, Neubausiedlungen, Shopping Centern und Parkgaragen. Hier hielten halten junge Leute mit kulturellem Engagement einen so urigen Ort am Leben, ein Zeichen, dass Geschichte nicht überschrieben werden müsse, sondern fortgeschrieben werden könne. Aber: Der Provino Club liegt auf sehr begehrtem Baubau – und die Macher haben vom Eigentümer Riegele keine Zusage über 2019 hinaus …

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Im Shuttlebus von der Brechtbühne zum Tim. Das muss der jüngste Busfahrer der Stadtwerke sein, unglaublich! Die Schauspieler vom Sensemble Theater sind auch unterwegs. Daniela Nering erzählt von der Premierenfeier am Freitag. Der Autor des Stücks habe sich später am Abend mal kurz die Frage gestellt, was er den Darstellern alles im Text zugemutet habe.

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Der Preis für den besten Geschichtenerzähler der Brechtnacht geht an den US-Amerikaner Daniel Kahn. Mit den prächtig aufspielenden Painted Birds aus Berlin und getragen düster bis punkig witzigem Klezmer bringt er nicht nur einige im ganz schön gut gefüllten Mephisto zum Tanzen. Er serviert nicht nur bei beiden Auftritten am Abend ein Freiheitsbekenntnis eindrucksvoll illustriert mit exakt zum Text passenden, auf die Kinoleinwand gebeamten Graffiti. Er behauptet zum Schluss, zur dritten Zugabe, inzwischen kurz nach Mitternacht, auch einfach, dass es ausgerechnet zu Leonard Cohens unendlich oft gecovertem (und verkitschtem) „Hallelujah“ ein jiddisches Original gebe (seines nämlich!) – und den Schmachtfetzen serviert er dank seiner rauen Stimme immerhin kitschfrei. Und er erzählt auch zu einem Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg, dass es auf dem Weihnachtsalbum irgendeiner süddeutschen Weltmusikgruppe gelandet sei, bloß weil „Stille“ und „Nacht“ darin vorkämen, vorgestellt als „jiddisches Weihnachtslied“ (!). Kahn: „Aber so sind sie eben, unsere Weihnachtslieder – antifaschistische, terroristische Liebeslieder. Merry Christmas!“

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Achtung, die Antilopen Gang schleimt sich nicht ein, bei ihr beziehen nicht nur die Befürworter der Todesstrafe und die Freunde von Beate Zschäpe verbale Prügel, auch Augsburg wird in die Mangel genommen. „Der schlechteste Krapfen … eine Kirche nur mit Mumien und dieses Gewässer mitten in der Stadt namens Stadtbach – Abwasser!“ Das ist deutscher Sprechgesang, der dem Rechtsruck in der Gesellschaft entgegentritt, aber auch den Universitäten in den Hintern tritt. Die Beats verdienen zwar keinen Hip-Hop-Innovationsorden, das Publikum tanzt trotzdem zu später Stunde ausgelassen.

 

Von der Brechtnacht berichten Bastian Sünkel, Marcus Golling, Richard Mayr, Sarah Ritschel und Wolfgang Schütz (Text) sowie Michael Hochgemuth (Bild)

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