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02.11.2008

In den tiefsten Schichten der Augsburger Vergangenheit

Wenn Lothar Bakker ins Erzählen kommt, dann eröffnet er seinen Zuhörern eine ganze Welt - die Welt der Römer, die vor zwei Jahrtausenden ihr Militärlager zwischen Wertach und Lech aufschlugen und daraus eine Stadt bauten; die Welt der germanischen Stämme, die diese Römer erst bekämpften und dann beerbten; und dazwischen noch viele kleine Welten von römischen Weinhändlern oder alamannischen Handwerkern.

Seit 26 Jahren ergräbt Lothar Bakker die tiefsten Schichten der Augsburger Geschichte - als Nachfolger von Gerd Rupprecht und Jörg Heiligmann, die die 1978 gegründete Forschungsstelle für provinzialrömische Archäologie zunächst leiteten. Denkmalpflege hatte damals einen ganz großen Stellenwert - das bayerische Denkmalschutzgesetz war 1973 in Kraft getreten -, und Augsburg als älteste bayerische Großstadt übernahm mit der Stadtarchäologie Verantwortung für ihre römischen Wurzeln. Gefeiert wurde diese Großtat zum 30-jährigen Jubiläum nicht, obwohl Bakker und seine Mannschaft der Stadt in drei Jahrzehnten einen unübersehbaren kulturellen Gewinn erbrachten.

Eines der bedeutendsten Fundstücke war der 1992 entdeckte Altar, der im Jahr 260 nach dem römischen Sieg über die germanischen Juthungen errichtet worden war. Spektakulär auch die Ergrabung der römischen Siedlung am Pfannenstiel inklusive eines Abschnitts der römischen Stadtmauer, die Merkurstatue vom Ulrichplatz und das Oberhauser Pfeilergrab. Auch die Adam-und-Eva-Glasschale aus dem 4. Jahrhundert zählt zu den Stücken von herausragender Bedeutung, ebenso wie die Grabmale eines Weinhändlers und eines Schreibers aus dem 3. Jahrhundert.

Vieles andere, was die Archäologen freilegten - Münzen, Kleiderfibeln, Scherben von Keramikgeschirr ("terra sigilata") oder Parfümfläschchen -, erscheint zunächst unbedeutend, kann aber doch aufregende Geschichten erzählen (vor allem, wenn Chefarchäologe Bakker den Objekten seinen Mund leiht und seine Zuhörer mitnimmt in den Alltag vor 1800 oder 1900 Jahren).

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So berichten Getreidekörner oder Hühnerknochen von den Speisegewohnheiten der "alten Römer", Schminktäfelchen von deren Körperpflege und Schönheitsvorstellungen, kleine Statuetten der Venus oder des Mars von der Götterverehrung, Erdschichten, die mit Asche durchsetzt sind, vom Brand nach einem Überfall der Markomannen auf die römische Bezirkshauptstadt Aelia Augusta.

In der Innenstadt ist jedes Gelände historisch

Nur ein Teil dessen, was die Stadtarchäologen fanden, bezieht sich auf die römische Geschichte der Stadt. Vorgeschichtliche Funde wie Pfeilspitzen aus Feuerstein oder Ackerbaugeräte führen zurück in Eisen-, Bronze- und Steinzeit. Auch das Mittelalter trat in Erscheinung - zum Beispiel in Form eines Eisenhelms aus dem 11. Jahrhundert (ihn trug wahrscheinlich ein Soldat, als die Bischofsstadt von Welf IV. angegriffen wurde) oder mit den Fundamenten der mittelalterlichen Stadtbibliothek im Annahof.

Für ihre Mühen um die Geschichte werden die Stadtarchäologen nicht immer geliebt. Weil die Grabungsmannschaften nach dem Gesetz immer anrücken müssen, wenn auf historischem Gelände neu gebaut werden soll - und in der Augsburger Innenstadt ist jedes Gelände historisch -, galten sie den Bauherren immer mal wieder als Buhmänner. Auch Mittelkürzungen mussten sie hinnehmen.

Nur einen kleinen Teil der Objekte, die die Erde freigab, zeigt Bakker in der Dominikanerkirche, die seit 1966 das Römische Museum beherbergt. Wenn er dort besondere Ausstellungen - etwa über die Alamannen oder den Barbarenschatz vom Rhein - veranstaltet, kann er jedes Mal mit einem Besucheransturm rechnen, denn die alte Geschichte zieht viele Menschen an. Weil das Museum sanierungsbedürftig ist, musste freilich die für 2009 geplante Langobarden-Ausstellung abgesagt werden.

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